Erbeben in Indonesien: “Ich habe Angst, nach Hause zu gehen”

Wahyu Widayanto ist CARE-Notfalleinsatzleiter für Indonesien. Nach dem schweren Erdbeben am 7. Dezember, das vor allem die Provinz Aceh im Norden der Insel Sumatra traf, wurde er zur Evaluierung der Situation in die betroffenen Gebiete entsandt. Hier berichtet er von seinen Erfahrungen:

„Am 8. Dezember kam ich in Pidie Jaya in Aceh an. Es war der Tag nach dem Erdbeben, das die Provinz im Norden der indonesischen Insel Sumatra mit einer Stärke von 6,5 getroffen hatte. Frühen Berichten zufolge starben mehr als 100 Menschen. Über 600 weitere sind verletzt, insgesamt 23.000 Menschen von den Folgen der Naturkatastrophe betroffen. Tausende Gebäude in Aceh sind beschädigt, darunter etliche Wohnhäuser, Schulen, Moscheen und ein Krankenhaus. Da auch die Stromleitungen gekappt sind, gibt es nur wenig Elektrizität für die Menschen vor Ort.

Kurz nach dem Erdbeben reiste die Mutter eines CARE-Mitarbeiters in die Gegend, um sich zu vergewissern, dass es ihrer Familie gut geht. Zum Glück war dem so. Dennoch traf sie hier auf großes Leid: Viele Menschen waren noch unter Trümmern gefangen, Soldaten versuchten fieberhaft, sie zu befreien. Eine Mutter erzählte ihr unter Tränen, von ihren fünf Kindern habe nur eines überlebt.

Khainidar harrt in der Moschee aus. Sie fürchtet sich vor den vielen Nachbeben, die noch wüten. (Foto: Wahyu Widayanto/CARE)

Khainidar harrt in der Moschee aus. Sie fürchtet sich vor den vielen Nachbeben, die noch wüten. (Foto: Wahyu Widayanto/CARE)

Einen Tag später habe ich selbst eine Moschee besucht. Sie ist zur Herberge vieler Menschen geworden, die durch das Erdbeben kein Zuhause mehr haben. Einige der Mütter erzählten mir von ihren Häusern, die vollkommen zerstört sind. Andere Frauen berichteten, ihre Häuser seien beschädigt und sie hätten nun Angst, nach Hause zu gehen; Angst vor den Nachbeben, die Aceh noch immer erschüttern. „Mein Haus ist in der Nähe der Küste. Ich befürchte, dass es gerade dann wieder ein Nachgeben gibt, wenn ich zurückkehre“, sagt Khainidar. Sie stammt aus dem Dorf Beringin. Auch die 38-jährige Nurhasanah erzählt mir von ihren Sorgen. „Ich habe jetzt kein Geld mehr, um meinen Sohn zu versorgen.“ Im Arm hält sie Adahari, er ist erst fünf Monate alt.

Die Ängste, die das verheerende Erdbeben und der darauffolgende Tsunami Weihnachten 2004 hinterlassen haben, sind immer noch tief verankert in den Köpfen der Bewohner. Die Szenen heute erinnern an damals. Auch jetzt gibt es kein sauberes Wasser. Viele nutzen deshalb schmutziges Wasser, um ihren Reis zu kochen. Und ich bemerke, dass diejenigen ohne Obdach auch kaum Zugang zu sanitären Anlagen haben: Für all die Menschen in der Moschee und aus den umliegenden Gebieten gibt es nur vier Toiletten. Vor allem für die Frauen ist das ein Problem.

Nurhasanahs Sohn ist erst fünf Monate alt. Sie weiß nicht, wie sie ihn nach dem schweren Beben ohne Geld versorgen soll. (Foto: Wahyu Widayanto/CARE)

Nurhasanahs Sohn ist erst fünf Monate alt. Sie weiß nicht, wie sie ihn nach dem schweren Beben ohne Geld versorgen soll. (Foto: Wahyu Widayanto/CARE)

Einige lokale Verteilungen von Essen und anderen Hilfsgütern sind angelaufen. Die örtliche Regierung hat mobile Küchen aufgestellt. Darin werden Fertignudeln und Essen aus Konserven zubereitet.

CARE führt eine gemeinsame Evaluierung mit anderen Hilfsorganisationen über die Lage vor Ort durch. So soll das volle Ausmaß der Zerstörung erfasst und eingeschätzt werden, ob und wie die Regierung unterstützt werden kann. Aktuell planen wir, gemeinsam mit einer lokalen Partnerorganisation Hygiene-Sets zu verteilen.

Während es wahrscheinlich noch einige Tage braucht, bis wir die Lage vollständig überblicken können, wissen wir eines schon jetzt: Nach einem Erdbeben dieser Größenordnung brauchen die Menschen schnelle Hilfe in Form von sauberem Wasser, Unterkünften, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Es geht jetzt ums Überleben, nicht mehr und nicht weniger.“

Einsatzorte

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