Es geht weiter, aber sehr schleppend
Von Thomas Schwarz
Endlich der erste Besuch dort, wo die Reise nach Pakistan im vergangenen Jahr begonnen hatte: Charsadda und Nowshera. Das sind zwei Distrikte in der Provinz KPK (Khyber-Pakhtunkhwa) im Nordwesten des Landes, in denen die Flut unvorstellbare Verwüstungen angerichtet hatte. Die sieht man noch heute, ein halbes Jahr danach. Morgens trage ich noch meinen traditionellen pakistanischen Schal, den mir ein Freund hier einmal geschenkt hatte. Es ist sehr kühl morgens, kaum mehr als null Grad. Das merkt man am „Wohnsitz des Islam“, wie Islamabad übersetzt heißt – auf etwas mehr als 1.000 Metern.

Nach der Flut hat Ali aus Nowshera ein neues Leben begonnen. Diesmal sogar mit Zement zwischen den Steinen seines Hauses und nicht Lehm, wie vorher. "Mir geht es sehr gut", sagt er. (Foto: CARE/Schwarz)
Im Laufe des Tages steigen die Temperaturen dann auf angenehme 18 bis 21 Grad. Die Sonne scheint in diesen Tagen unentwegt, und so könnte man fast den Eindruck von Urlaub gewinnen – wüsste man nicht um die Folgen der Naturkatastrophe von 2010. Schon auf der Fahrt von Islamabad nach Charsadda weiter in den Nordwesten fällt mir auf, dass das Wasser, das ich hier noch im November gesehen hatte, verschwunden ist. Als mein Kollege Mujahid und ich im Distrikt Charsadda eintreffen, treffen wir Sultan Muhammad, der für die gesamte Provinz KPK verantwortlich ist. Es ist viel erreicht worden dort, und an diesem Erfolg haben die beiden einen großen Anteil.
Kinder spielen, Familien warten, Zelte überdauern
Sultan hatte ein Mammut-Programm für uns vorbereitet, damit wir möglichst viel sehen. Da sind die schönen Erlebnisse: Ich treffe den Jungen wieder, der so krank war und der auf einem Spielplatz vergnügt ist und großen Spaß hat. Da ist Ali aus Nowshera, der sich fast alleine ein neues Haus gebaut hat. Es hat einen großen Raum und ein Fenster zum Kabul-Fluss. Die Steine sind mit Zement verbunden. Vorher war das Lehm. Auch dadurch sind so viele Häuser zerstört worden, weil sie einfach zu schwach konstruiert worden waren. Er ist froh, stolz, und es geht ihm gut: „Mr. Thomas, beim nächsten Besuch trinken wir einen Tee mit Blick auf den Fluss“, sagt er. Denn noch hat er keine Möbel, nicht mal Stühle in seinem Haus.
Ein paar Meter weiter wird die Moschee wieder aufgebaut, und viele aus dem Dorf helfen mit. In einem anderen Dorf schaffen Männer Dreck aus den offenen Kanälen – ein „Cash for Work“-Programm. Sie arbeiten und bekommen dafür Geld, denn Arbeit ist in Pakistan Mangelware. Es stinkt, während der Unrat herausgeholt wird. Alle fünf bis sieben Meter ein schwarzen Haufen nassen Drecks. Aber ohne dieses Projekt könnten sie kaum etwas auf den Märkten einkaufen, auf denen die Preise explodieren. Inflation ist ein Angstwort, wieder einmal. Die Lebensmittelpreise in Asien sind jetzt schon höher als bei der Lebensmittelkrise 2008.

Diese Mädchen in Shaihk Keley im Distrikt Charsadda können beim Spielen - wenigstens für kurze Zeit - die traumatischen Erlebnisse vergessen. Unterstützt wurde der Spielplatz durch eine Spende von BMW. (Foto: CARE/Schwarz)
Erschreckt bin ich, dass ich immer wieder Zelte sehe, in denen Menschen leben. „Noch lange sind nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Wie soll das auch gehen innerhalb von nur sechs Monaten,“ erklärt Sultan. Was CARE und seine Partner vor Ort dagegen tun: Sie geben Tausenden Menschen Winterdecken, sorgen für medizinische Untersuchungen und Hilfe und veranstalten Spiele. Das klingt vielleicht etwas merkwürdig. Aber wer gesehen hat, wie ältere Männer oder Kinder um mehrere Stühle herumlaufen (wer zuletzt auf dem Stuhl sitzt, hat verloren) und welche Heiterkeit aus ihnen herausbricht, der würde es nicht mehr komisch finden. Bei jedem Spiel gibt es Gewinner. Das ist etwas, was sie nicht jeden Tag erleben. Die Spiele lassen sie für ein, zwei Stunden ihre traumatischen Erlebnisse vergessen, sich freuen; selten in einem Land mit so viel Armut. Mädchen spielen in einer öffentlichen Schule auf Initiative von CRDO, einer Partnerorganisation, die sich vor Ort auskennt. Die lokale Regierung hat ihr Okay gegeben, dass diese Freizeiten dort stattfinden dürfen. Auch das ist Traumaarbeit.
Tägliche Wiedervorlage
Das alles klingt schön, ist es auch. Für Besucher ist es eine Freude zu sehen, wie es hier und da vorangeht. Andererseits: Noch immer fehlt sehr viel Geld. Und ich frage mich, ob die Regierungen der reichen Länder Pakistan schon wieder in die Ablage – statt auf tägliche Wiedervorlage – gepackt haben. Während ich nur wenige Tage hier bin, hat es Anschläge gegeben, ein wenn auch nur schwaches Erdbeben, sind die Preise weiter gestiegen und warnt die UNO vor einer weiter gehenden Unterernährung vor allem im südlichen Sindh. Fast ein Viertel der über 180 Millionen Pakistaner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Licht und Schatten liegen näher beieinander als eigentlich möglich.
Groß ist die Hoffnung hier immer noch – die stirbt ja bekanntlich zu letzt. Und zu allerletzt hoffentlich die Anstrengungen, den Menschen zu helfen.
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