Europa braucht eine neue Strategie

Von Wouter Schaap, CARE-Länderdirektor in Jordanien.

Die steigende Zahl syrischer Flüchtlinge, die Europa in diesen Tagen erreichen, kommt nicht überraschend. Viele sind nicht erst gestern vor der Gewalt im Bürgerkriegsland Syrien geflohen, sondern harrten bereits Monate und Jahre in den Nachbarländern aus – in der Türkei, Jordanien und dem Libanon. Es sind diese Länder, die seit Beginn der Krise vor fünf Jahren den größten Teil, rund 95 Prozent, der syrischen Flüchtlinge aufgenommen haben. Die 430 000 Syrer, die sich nun in verschiedenen Ländern Europas verteilen, stehen in keinem Verhältnis zu den zwei Millionen Flüchtlingen, die alleine die Türkei aufgenommen hat.

Mehr als vier Millionen Menschen haben Syrien bisher verlassen, 7,6 Millionen sind im eigenen Land auf der Flucht. Vor dem Krieg war Syrien ein Land mit mittlerem Einkommen und mit einer breiten Mittelschicht. Viele Menschen hatten einen relativ hohen Lebensstandard, gute Jobaussichten und konnten ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen. In den Nachbarländern Syriens herrscht zwar auch nach fast fünf Kriegsjahren noch eine beeindruckende Gastfreundschaft. Aber die meisten Familien haben ihre finanziellen Rücklagen mittlerweile aufgebraucht und sind nun auf humanitäre Unterstützung angewiesen.

"Die EU-Staaten müssen engagierter als bisher gegen die Ursachen für Flucht vorgehen", so Wouter Schaap, CARE-Länderdirektor in Jordanien. (Foto: CARE/Wolff)

„Die EU-Staaten müssen engagierter als bisher gegen die Ursachen für Flucht vorgehen“, so Wouter Schaap, CARE-Länderdirektor in Jordanien. (Foto: CARE/Wolff)

Gleichzeitig musste das Welternährungsprogramm seine Lebensmittelhilfen für Jordanien seit Dezember letzten Jahres kontinuierlich kürzen, seit September muss nun mehr als ein Drittel der Flüchtlinge ganz auf Nahrungsmittelunterstützung verzichten. Warum? Weil die Syrienhilfe der Vereinten Nationen massiv unterfinanziert ist. Für die gesamte Region gilt, dass die Mittel zur humanitären Versorgung der Menschen in keinem Verhältnis zu der steigenden Zahl steht, die Hilfe benötigt. Die Reduzierung der humanitären Hilfe in der Krisenregion steht wiederum in direktem Zusammenhang mit dem wachsenden Flüchtlingsstrom nach Europa. Doch dieses Verständnis fehlt in der öffentlichen Debatte.

Vielmehr führen einige europäische Medien und Politiker die Entwicklung auf die Gewalt spezifischer Gruppen innerhalb Syriens zurück. Dabei sind diese bewaffneten Gruppen nicht der Hauptgrund für die Vertreibung der Menschen aus Syrien. Das ist irreführend. Die Hilfsorganisation Care arbeitet seit Jahren mit syrischen Flüchtlingen in der Region um Syrien zusammen. Weitaus häufiger berichten die Menschen, dass sie vor den andauernden Kampfhandlungen zwischen Regierungs- und Oppositionsgruppen fliehen. Insbesondere der kontinuierliche Beschuss von Wohnvierteln und der Einsatz von Fassbomben haben viele Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Drei Viertel der vier Millionen Flüchtlinge sind außerdem bereits vor dem rapiden Vormarsch des IS im Juli 2014 geflohen.

Keine gemeinsame Strategie

Den europäischen Staatsoberhäuptern ist es bisher nicht gelungen, eine gemeinsame Strategie auszuarbeiten, wie mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen umzugehen ist, die Europa täglich erreichen. Es macht Mut, den Einsatz der Menschen in vielen Ländern zu sehen, die die Ankömmlinge mit Kleidung, Nahrung und Unterkünften unterstützen. Doch eine Familie in Westeuropa zu versorgen, ist um ein Vielfaches teurer als in den Nachbarländern Syriens. Der Austausch mit Flüchtlingen in Jordanien zeigt zudem immer wieder, dass sie die Region nur ungern verlassen. Hier verstehen sie Sprache und Kultur der Menschen. Doch den Mangel an Perspektiven für das eigene und das Leben ihre Kinder können viele nicht mehr länger ertragen.

Nach fünf Jahren Krise verlieren die Menschen die Hoffnung, in naher Zukunft in ihr Heimatland zurückkehren zu können und nehmen den beschwerlichen und sehr gefährlichen Weg nach Europa auf sich. Ändert sich nichts, wird es weitere ertrunkene Kinder an unseren Stränden und mehr Erstickungstote auf unseren Autobahnen geben.

Europäische Politiker können sich weiter mit den Fragen beschäftigen, wo und wie viele Flüchtlinge aufgenommen werden können und wie dies bezahlt werden soll. All das bekämpft jedoch nicht die Gründe dieser Krise und wird im Umkehrschluss auch nicht zu einem Abreißen des Flüchtlingsstroms führen. Drei gleichermaßen wichtige Veränderungen müssen stattfinden: Die Staatsoberhäupter müssen mit vereinten Kräften bewirken, dass die wahllosen Angriffe auf die Zivilbevölkerung Syriens aufhören – ein Hauptgrund für die Flucht von Millionen Syrern.

Die Resolution des UN-Sicherheitsrats zur Ächtung von Fassbomben und Flächenbombardements muss mit mehr Nachdruck durchgesetzt werden. Iran und Russland müssen in die Verhandlungen miteinbezogen und Teil der Lösung werden. Die Übereinkunft über das Verbot chemischer Waffen zwischen den USA und Russland ist ein gutes Beispiel – ein solcher Vertrag zum Verbot von Fassbomben muss auch in diesem Konflikt geschlossen werden. Im Falle der Missachtung dieser Vereinbarung sollte die UN Interventionen in Aussicht stellen, denn nur so kann der Druck auf die Konfliktparteien erhöht werden.

Darüber hinaus muss die humanitäre Hilfe und die Entwicklungshilfe für die Region dringend aufgestockt werden. Das ist zum einen kosteneffizienter als die Versorgung in Europa und es kann Menschen davon abhalten, den gefährlichen Weg nach Europa einzuschlagen. Europäische Staatsoberhäupter müssen eine führende Position in der Zusammenarbeit einnehmen und auf eine langfristige Lösung hinarbeiten. Seit Jahren haben wir hierfür lediglich grobe Ansätze gesehen – Europa muss jetzt seine Prioritäten neu setzen.

Weitere Informationen zur Flüchtlingshilfe von CARE finden Sie hier.

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