Fastenbrechen im Jemen: Ein Fest überschattet von Kämpfen

Von Mohammed Almahdi, CARE Jemen

Angriff auf ein jemenitisches Schloss. Foto/CARE

Angriff auf ein jemenitisches Schloss. Seit vier Jahren herrscht Krieg in dem kleinen Land auf der Arabischen Halbinsel. Foto/CARE

Das Fest des Fastenbrechens, im Arabischen „Eid al-Fitr“, war schon immer etwas Besonderes für mich. Als ich noch jünger war, schwirrte in der Luft am Abend vor Eid Wärme und Vorfreude. Ich half meiner Mutter und meinen Schwestern beim Kekse backen, später legten wir uns stolz unsere neuen Kleidungsstücke für den nächsten Tag zurecht. Unser Herzschlag, schnell vor Aufregung, hielt uns vom Schlafen ab.

Jedes Jahr besuchten mein Vater und ich morgens um acht unsere weibliche Verwandtschaft. Wir wurden herzlich willkommen geheißen und mit Nüssen, Süßspeisen und Getränken begrüßt. Mein Vater revanchierte sich mit Geld als Feiertagsgeschenk. Am Nachmittag traf ich mich zur Feier des Tages mit Freunden in der Innenstadt von Sana‘a, der Hauptstadt des Jemens, um gemeinsam zu Abend zu essen. Ein paar Tage danach fuhren wir nach Hodeidah oder Aden, um zu entspannen. Ich verbrachte viel Zeit damit, alles auf Fotos und Videos festzuhalten – es waren wohl die sorglosesten Tage unseres Lebens.

Seit dem Ausbruch des Krieges im Jemen – das ist nun über vier Jahre her – hat sich das Leben für uns verändert. Die kleinen Freuden während Eid bleiben uns seitdem verwehrt. Die meisten meiner Freunde haben entweder das Land verlassen oder wurden in bewaffneten Auseinandersetzungen getötet. Es ist nicht mehr möglich, nach Hodeidah oder Aden zu reisen, denn die Straßen sind gesperrt und Benzin ist unglaublich teuer.

Nostalgie überkommt mich, wenn ich an meine Jugend denke.

Nüsse, Süßigkeiten und Getränke - damit verband Mohammed das Fastenbrechen als Kind. Heute ist ihm kaum nach Feiern zumute. Foto/Mohammed Almahdi

Nüsse, Süßigkeiten und Getränke – damit verband Mohammed das Fastenbrechen als Kind. Heute ist ihm kaum nach Feiern zumute. Foto/Mohammed Almahdi

Jetzt, wenn wieder Eid begangen wird, wirken die Straßen in Sana‘a verlassen, die Läden sind geschlossen. Wenn ich abends durch die Altstadt streife, bleibt der Geruch von frisch gebackenen Keksen aus. Kinder, die sporadisch meinen Weg kreuzen, wirken aggressiv – sie sind jeden Tag Gewalt ausgesetzt.

Drei Jahre lang wurden die staatlichen Gehälter nicht mehr ausgezahlt. Deswegen erscheinen Dinge, die früher als selbstverständlich galten, nun wie Luxusgüter. Familien sind schlicht nicht mehr in der Lage, Eid und die dazugehörigen Rituale zu zelebrieren – auch wenn diese elementarer Bestandteil unserer Kultur sind. Sie können sich keine Nüsse oder Desserts leisten, ganz zu schweigen von Keksen. Männer haben kein Geld mehr, das sie an ihre Frauen und Kinder verschenken können.

Während des Ramadans wurden früher stets neue Kleider für das große Fest des Fastenbrechens gekauft. Doch durch die hohen Preise und die niedrigen Einkommen können sich Familien keine neue Kleidung mehr leisten. Für diejenigen, die in Camps leben, die den Dreck, die Kälte und den Regen aushalten müssen, und die keine Toiletten oder sauberes Wasser haben – für die sind diese kleinen Geschenke zu unerreichbaren Träumen geworden.

Mohammed Almahdi ist Kommunikationsexperte für CARE im Jemen. Er erinnert sich gerne an die Vorfreude auf das Fastenbrechen zurück - bevor der Krieg im Jemen ausbrach. Foto/CARE

Mohammed Almahdi ist Kommunikationsexperte für CARE im Jemen. Er erinnert sich gerne an die Vorfreude auf das Fastenbrechen zurück – bevor der Krieg im Jemen ausbrach. Foto/CARE

Während Eid denke ich häufig an die Menschen, die die Feiertage im Krankenhaus verbringen müssen. Cholera- und Diphtherieausbrüche geißeln das Land, viele Jemeniten leiden unter Herzkrankheiten oder Bluthochdruck. Im letzten Jahr habe ich einige Krankenhäuser besucht. Ich erinnere mich an die vielen Schwangeren dort, die auf die Geburt ihrer Kinder warteten – Kinder, die bereits tot waren. Diese Frauen hatten weite Reisen auf sich genommen, auf kaputten und gefährlichen Straßen. Ich erinnere mich noch genau an die leiderfüllten Schreie.

Ich denke oft an die glücklichen Zeiten, an die Vorfreude, die uns als Kinder am Abend vor Eid erfüllte. Eine Zeit zum Feiern. Ich denke an die vielen Menschen im Jemen, für die Eid dieses Jahr von schrecklichen Kämpfen geprägt ist – am häufigsten vom Kampf um das eigene Leben. Und ich frage mich, wie viele von uns das nächste Jahr, das nächste Eid erleben.

Unterstützen Sie die Hilfe für die Menschen im Jemen mit Ihrer Spende!

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.