Flüchtling zur Gewalt in Köln: „Niemand sollte solches Leid erfahren“ Teil II

„Ich bin männlich, Flüchtling aus Syrien und wohne in der Nähe von Köln.“, Basheer Alzalaan möchte sich mit den Opfern der Vorfälle in Köln solidarisieren und äußert sich zu den Ereignissen in der Silvesternacht.

Basheer Alzalaan engagiert sich für die Integration von Flüchtlingen in Deutschland. (Foto: CARE)

Basheer Alzalaan engagiert sich für die Integration von Flüchtlingen in Deutschland. (Foto: CARE)

Ich selbst bin vor ziemlich genau einem Jahr an Silvester nach Deutschland gekommen, meine Heimatstadt Deir Ez Zoor in Syrien wurde von terroristischen Gruppierungen eingenommen und ich hatte Angst um das Leben meiner Frau, unserer drei und fünf Jahre alten Töchter und das unseres damals noch ungeborenen Sohnes. Jeden Tag wurde bombardiert und ich habe so viele von meinen Bekannten und Freunden verloren. Außerdem gab es seit Jahren kaum Strom und fließendes Wasser in meiner Stadt, nicht mal mehr Krankenhäuser.

Ich bin tagelang gelaufen, saß auf einem wackeligen Boot nach Griechenland, und habe die gefährliche Balkanroute durchquert. Ich bin einer von über 4.5 Millionen Syrern, die seit Beginn des Konflikts im März aus unserer Heimat in andere Länder geflohen sind.

Ich denke viel an die Menschen, die ich verloren habe, und auch an die, die nicht fliehen konnten. Einige haben ihre ganze Familie verloren. Sie wollen nicht mehr leben. Jeden Tag sehe ich Meldungen auf Facebook, dass noch mehr Menschen gestorben sind und die Bombardierungen immer weiter gehen. Ich hoffe, dass der Krieg eines Tages endet, doch die Situation ist so kompliziert. Syrien bleibt meine Heimat, aber mein Zuhause ist jetzt hier. Deutschland ist ein gutes, sicheres Land. Ich fühle mich wohl.

Engagement beim „KIWI“-Projekt

Ich wusste nicht viel über meine neue Heimat, bis die Schmuggler mich aus Österreich über die Grenze schafften. Seit ich hier bin, bin ich überwältigt über die Hilfsbereitschaft, die mir entgegengebracht wurde. Ich bin hier, um mich zu integrieren, um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden, in der Freiheit, Gleichberechtigung und Frieden hochgehalten werden. Ich bin dankbar dafür, dass die Deutschen ihr Land mit mir teilen. Meine Freunde hier sind zu einer neuen Familie geworden, und wenn ich mir vorstelle, dass einer unter den Opfern in Köln gewesen sein könnte, werde ich wütend und traurig.

Gleichzeitig ist es jetzt wichtig, nach vorne zu schauen. Menschen müssen sich integrieren können und es muss mehr Klarheit darüber geben, wie man mit Verbrechern umgeht. In Syrien habe ich als Englischlehrer gearbeitet. Jetzt bin ich Bundesfreiwilliger bei der Hilfsorganisation CARE beim sogenannten „KIWI“-Projekt. KIWI steht für Kultur, Integration, Werte und Initiative. Wir helfen Lehrern beim Umgang mit neu angekommenen Schülern, die Fluchterfahrung haben, wollen zentrale Grundwerte der deutschen Gesellschaft vermitteln und negative Geschlechterrollen und Diskriminierung bekämpfen. CARE unterstützt seit vielen Jahren in Ländern wie Serbien, Kosovo oder Bosnien männliche Jugendliche dabei, stereotype Geschlechterrollen und Verhaltensmuster abzulegen und greift jetzt in Deutschland auf diese Expertise in der Jugendarbeit zurück. Es ist wichtig, dass deutsche Schulen bei der großen Herausforderung, hunderttausende Kinder und Jugendliche mit Flucht- und Migrationshintergrund in den Schulalltag zu integrieren, nicht alleine zu lassen.

Eine „Brücke“ zwischen Flüchtlingen und Deutschen

Als ich selbst vor einem Jahr nach Deutschland kam, war ich überrascht, wie offen die Menschen hier sind. In Deutschland sind alle gleich, egal ob Du Flüchtling oder Deutscher bist. Das war ein gutes Gefühl, vor allem, wenn man aus einem Bürgerkriegsland kommt, in dem Herkunft eine große Rolle spielt. Ich will den Kindern und Jugendlichen, die als Migranten oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind dabei helfen, sich zu integrieren, hier einen Platz für sich zu finden. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich als „Brücke“ zwischen ihnen und Deutschen dazu beitragen kann, das eben genau dieses Gefühl des „Sich Willkommen Fühlens“, das nach Jahren des Krieges Balsam auf meiner Seele war, nicht aufgrund der Ereignisse in Köln verloren geht.

Ich hoffe, dass die Verbrecher gefasst und stark bestraft werden, und dass die deutsche Politik Antworten auf solche Taten findet – ganz unabhängig davon, ob die Täter und Opfer Migranten, Flüchtlinge oder Deutsche sind. Gleichzeitig wünsche ich mir inständig, dass die „Willkommenskultur“, das multikulturelle Köln und Deutschland, das ich kennengelernt habe, sich dadurch nicht negativ verändern. Sonst, so kommt es mir vor, lassen sie die Täter von Köln gleich noch ein weiteres Verbrechen begehen.

 

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