Fünf Jahre Krieg, fünf Jahre Menschlichkeit

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Ein Kind wird eingeschult, ein komplettes Studium beendet, ein Haus gebaut. Fünf Jahre – so lange arbeite ich auch bei der Hilfsorganisation CARE und solange hält nun schon der Krieg in Syrien an.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Kollegin Eman in Jordanien 2011 per Skype über die ersten tausenden Menschen berichtete, die über die Grenze flohen. Anfangs packten die Mütter ihre Koffer gar nicht aus – sie dachten, sie würden schon an einem der nächsten Morgen wieder zurück in ihre Heimat Syrien fahren können. In den Folgemonaten kamen dann immer mehr Menschen und im Sommer 2012 wurde das erste große Camp in Zaatari gebaut. Etwa sechs Kilometer von der syrischen Grenze entfernt ist es mittlerweile zu einem der weltgrößten Flüchtlingslager geworden.

2013 überschritt die Zahl syrischer Flüchtlinge die Millionenmarke. Im selben Jahr saß ich im Flugzeug nach Amman, um die Nothilfe für syrische Flüchtlinge in der Region zu unterstützen. Der Konflikt wuchs zur größten humanitären Krise unserer Zeit heran. Menschen flohen unablässig, vor den Kriegsparteien und vor neuen Gruppen wie dem Islamischen Staat. Gleichzeitig war das Welternährungsprogramm gezwungen, Lebensmittelausgaben für Millionen von syrischen Flüchtlingen zu unterbrechen. Es gab einfach nicht genügend Geld. Weil das Zaatari Camp komplett überfüllt war, wurde im Mai 2014 auch ein neues Flüchtlingscamp in Azraq eröffnet. Die Menschen, die in Azraq ankamen, waren müde und ausgezehrt vom Krieg. Ich erinnere mich an eine junge Mutter, Nada, die mit ihren vier Kindern durch die Wüste geflohen war. Es war das erste Mal, dass sie eine Nacht durchschlafen konnte und sich sicher fühlte.

Im Mai 2014 wurde ein neues Flüchtlingscamp in Azraq eröffnet. Dort leben heute etwa 30 000 syrische Flüchtlinge (CARE / Lucy Beck)

Fünf Jahre sind eine lange Zeit, wenn Menschen ausharren müssen und ihre einzigen konstanten Begleiter die Erinnerungen an den Krieg, die Angst ums Überleben und die Sorge um Familienmitglieder sind. In diesen fünf Jahren haben Familien an einem einzigen Tag verloren, was sie ein ganzes Leben aufgebaut hatten, sind über zwei Millionen Kinder zu Flüchtlingen geworden, Mütter vor Trauer verrückt geworden, weil sie ihre Kinder auf der Flucht im Wüstensand begraben mussten.

Die Krise hat mittlerweile auch Europa erreicht. Hunderttausende Menschen haben sich zu Fuß und auf wackeligen Booten auf den Weg gemacht, um in Deutschland und anderen Ländern Sicherheit zu finden. Ich habe in Deutschland nach meiner Rückkehr aus der Region viele syrische Freunde und Kollegen wiedergetroffen, die aufgrund der verzweifelten Situation in Syrien und in den Nachbarländern keinen Ausweg mehr gesehen haben, als nach Europa zu laufen. Die Bilanz, die wir fünf Jahre nach Kriegsbeginn ziehen müssen, ist düster. Im letzten Jahr hat sich die Situation der Bevölkerung in Syrien noch einmal dramatisch verschlechtert. Fünf Millionen Syrer sind nun außerhalb, etwa sieben Millionen weitere innerhalb ihres Landes auf der Flucht. Mindestens eine Viertel Millionen Menschen haben den Krieg nicht überlebt und ein Großteil der Infrastruktur des Landes liegt in Schutt und Asche.

Viele Menschen sehen aufgrund der verzweifelten Situation in Syrien und in den Nachbarländern keinen anderen Ausweg, als nach Europa zu laufen. (Foto: CARE)

Viele Menschen sehen aufgrund der verzweifelten Situation in Syrien und in den Nachbarländern keinen anderen Ausweg, als nach Europa zu laufen. (Foto: CARE)

Während all dieser Jahre hat aber auch immer die Menschlichkeit durch das Dunkel des Krieges geschienen. Zahllose Menschen haben ihren neuen Nachbarn Matratzen oder Kochtöpfe geschenkt und Mütter haben sich in die Schusslinie geworfen, um die Leben ihrer Kinder zu retten. Seit fünf Jahren stehen viele Syrer jeden Tag auf, um sich in Flüchtlingszentren für ihre Landsleute zu engagieren, zuzuhören, Rat zu geben und manchmal auch zusammen mit ihnen zu weinen.

Seit fünf Jahren unterstützen auch Hilfsorganisationen wie CARE Menschen, die in Syrien oder in den Nachbarländern auf der Flucht sind. Ich selbst habe in den letzten Jahren hart dafür gearbeitet, dass die Welt die Aufmerksamkeit auf diese Krise lenkt und das Leid der Syrer nicht vergisst. Wir haben uns immer wieder Neues einfallen lassen müssen, damit das Röhren der Panzer das Weinen der Menschen nicht übertönt. Wir haben vor mehr Leid gewarnt, den Syrern selbst eine Stimme gegeben und immer und immer wieder an die Weltgemeinschaft appelliert, Friedensprozesse wieder aufzunehmen und eine Lösung für diesen Konflikt zu finden.

Ob ein Jahr, fünf oder zehn: Die vielen Helfer auf dieser Welt werden weitermachen müssen, unsere Appelle und Warnungen wiederholen und verstärken. Auch in den nächsten Jahren wird sowohl für mich beruflich als auch privat Syrien täglich Thema sein. Ich hoffe jedoch inständig, dass es bald bessere Neuigkeiten sein werden, Nachrichten über erfolgreiche Friedensgespräche, über ausreichende Hilfe für Menschen in Not und über die ersten Menschen, die in ihre Heimat wieder zurückkehren und sie wieder aufbauen können.

Erfahren Sie mehr über das Leben im Azraq Flüchtlingscamp. Hanan, Nahed, Maysa und viele andere erzählen hier ihre Geschichte.

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Mehr über die Arbeit von CARE in Syrien und den Nachbarländern erfahren Sie hier.

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