Fünf Jahre Südsudan. Fünf Jahre Nyahok.

Von Lucy Beck, Nothelferin bei CARE International

Nyahok Puok und ihr Heimatland haben eines gemeinsam: Sie sind fast gleich alt. Denn als Nyahok im Winter 2011 zur Welt kam, wurde auch der Südsudan gerade erst „geboren“. Drei Jahre später erreichten gewalttätige Kämpfe Mankien, das Heimatdorf des Mädchens. Das Haus der Familie wurde niedergebrannt, deshalb flohen sie in einen nahegelegenen Wald. Heute lebt Nyahok mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern in einem neuen Haus, das die Familie erst kürzlich wieder aufgebaut hat.

Nyahok lebt mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern in diesem Haus, das die Familie erst kürzlich wiederaufbaute. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Eigentlich werden südsudanesische Kinder im Alter von drei oder vier Jahren eingeschult. Doch Nyahok ist fünf Jahre alt und saß noch nie in einem Klassenzimmer. Erst war es Gewalt, die eine Einschulung verhinderte, dann war es das Leben auf der Flucht. Heute fehlt Nyahoks Familie das Geld für Anmeldegebühren, Bücher und die Schuluniform. Die Familie verlor alles, die Felder, das Vieh und den Haushalt. „Nyahok geht nicht zur Schule, weil es zu viel Gewalt gab“, erklärt ihre Tante Nyakuoth.

Nyahok ist schon fünf Jahre alt, kann wegen der Gewalt aber noch nicht zur Schule gehen. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Anstatt zur Schule zu gehen, verantwortet Nyahok eine Reihe anderer Aufgaben. Täglich füllt sie Wasser zum Kochen und Waschen in schwere Kanister. In Nyahoks Dorf ist es schwierig sauberes Wasser zu bekommen. Wenn die wenigen Wasserquellen austrocknen, greifen die Menschen auf verunreinigtes Flusswasser zurück. Die Folge sind Erkrankungen wie Durchfall oder Typhus. Im März 2016 erkrankte Nyahok. Im CARE-Gesundheitszentrum diagnostizierte der behandelnde Arzt Malaria und Blutarmut, Krankheiten, die im Südsudan weit verbreitet sind.

An den wenigen Wasserquellen bilden sich lange Schlangen, in denen es oft zu Streit kommt. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Wenn Wasser ausbleibt, kommt es in Mankien häufig zu Konflikten. An wenigen Wasserquellen bilden sich lange Schlangen, in denen es oft zu Streit kommt, weil viele Frauen sich davor fürchten, am Ende des Tages ohne sauberes Wasser nach Hause zurückkehren zu müssen.

Unity State war eine der Regionen, die am schlimmsten vom Konflikt betroffen war, als dieser im Dezember 2013 ausbrach. Mankien wurde zweimal von bewaffneten Gruppen eingenommen: Alles wurde niedergebrannt, Menschen wurden getötet oder zur Flucht gezwungen. Erst seit Kurzem herrscht Frieden und obwohl die Situation weiterhin unsicher ist, kehren viele Menschen bereits in ihr Heimatdorf zurück.

Viele fürchten sich davor, am Ende des Tages ohne sauberes Wasser nach Hause zurückkehren zu müssen. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Nyahoks Familie teilt sich  ihren Lebensraum mit verwandten Familien, die eigene kleine Hütten bewohnen. Alle drei Hütten verfügen über jeweils einen Raum, in dem die Familien sowohl schlafen als auch essen.

In diesem Raum schläft und isst Nyahoks Familie. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Nyahoks Tante erzählt von dem Tag, an dem sie ihre Häuser zurücklassen mussten: „Als wir die Kämpfe hörten, legten wir uns auf den Boden. Wir waren mucksmäuschenstill. Als die Schüsse weniger wurden, ergriffen wir die Flucht. Wir rannten in den Wald. Die Kinder schrien und weinten, weil sie an Leichen und blutenden Menschen vorbeilaufen mussten. Wir sahen viele tote Erwachsene und Kinder; die Regierung musste kommen und die Knochen entfernen. Auch im Wald waren wir nicht sicher. Es gab kein Essen und keine Gesetze, deshalb brachen hier ebenfalls Kämpfe aus. Die Stärksten übernahmen die Kontrolle.“

Fragt man Nyahok nach ihrer Zeit unter den Bäumen, sagst sie: „Ich erinnere mich, dass wir mit meiner Tante in den Wald gingen. Es war schrecklich. Tiere aßen Menschen.

In diesem Video bekommen Sie einen Einblick in Nyahoks Leben und alle Infos zur aktuellen Situation im Südsudan.

 

Weil sie kein Spielzeug mehr haben, müssen Kinder wie Nyahok besonders kreativ sein. Dieses Metallrad, das sie an einer Schnur hinter sich her zieht, ist Nyahoks Lieblingsspielzeug. Vor der Flucht in den Wald, besaß sie richtiges Spielzeug. „Mit den Schüssen im Nacken war es schwierig genug, die Kinder zu tragen. Spielzeug konnten wir nicht auch noch retten“, erklärt Nyahoks Tante.

Dieses Metallrad, das sie an einer Schnur hinter sich her zieht, ist Nyahoks Lieblingsspielzeug. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Nyahok spielt gern „Zuhause“. Sie setzt sich hin und stellt eine Schüssel auf drei heiße Steine – ganz nach traditioneller Art. Wenn sie Wasser und Dreck miteinander vermischt, stellt sie sich vor, dass sie für ihre Familie kocht. So wird sie spielerisch an die Pflichten einer Hausfrau herangeführt.Nyahok hat keine Spielzeuge mehr. Daher hilft sie sich mit einfachen Gegenständen und spielt zum Beispiel „Zuhause". (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Vor dem Konflikt besaß Nyahok Spielzeug, das die Familie auf dem Markt gekauft hatte. Am liebsten mochte sie ihre kleine Puppe, doch wie fast alles, ist sie verloren gegangen, wurde gestohlen oder verbrannt. „Ohne Geld kein Spielzeug“, erklärt ihre Tante nüchtern. „Vor dem Konflikt hatten wir Geld und konnten den Kindern ab und zu ein kleines Auto, eine Musikbox oder eine Puppe schenken. Heute haben wir nichts mehr.“

Nach über zwei Jahren Konflikt stellt Nahrungsmangel die größte Herausforderung im Südsudan dar. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Nach über zwei Jahren Konflikt stellt Nahrungsmangel die größte Herausforderung im Südsudan dar. Eine von drei Personen hat nicht genug zu essen. Auch Nyahok und ihre Familie sind betroffen. Anstelle von drei Mahlzeiten isst die Familie nur noch ein bis zwei Mal am Tag. Vor dem Konflikt versorgte das Vieh die Familie mit Milch, die Felder warfen Mais oder Getreide ab, heute ist die Familie darauf angewiesen, ob Nyahoks Mutter genügend zu essen findet.

Anstelle von drei Mahlzeiten isst Nyahoks Familie nur noch ein bis zwei Mal am Tag. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Der Konflikt brachte nicht nur Tod und Elend über elf Millionen Menschen, sondern hat der Bevölkerung auch ihre Lebensgrundlagen genommen. Ohne Ernten und Vieh reduziert sich die Nahrung von Nyahok und ihrer Familie auf eine „Wassersuppe“, also Körner und Wildkräuter gemischt mit Wasser. Um ihre Kinder besser ernähren zu können, arbeitet Nyahoks Mutter auf dem Markt des Dorfes, verkauft Wasser und Feuerholz.

Wenn ihre Eltern die Tage nutzen, um Geld zu verdienen, bleibt Nyahok gerne bei ihrer Großmutter Nyariaka. (Foto: CARE/ Lucy Beck)

Nyahok verbringt viel Zeit mit ihrer Großmutter Nyariaka. Ihre Eltern nutzen die Tage, um Geld zu verdienen und Nahrung für die Familie zu suchen. Ihr Ziel ist es die Felder wieder zu bewirtschaften.

Wird die Familie danach gefragt, ob sie den Unabhängigkeitstag ihres Heimatlandes feiern, sagen sie: „Wir werden uns daran erinnern, dass Unabhängigkeitstag ist, doch es wird kein glücklicher Tag sein. Man feiert, wenn es etwas zu feiern gibt. Doch wir haben nichts, wie und was sollen wir also feiern?

Wie es Menschen im Südsudan fünf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung geht und was Ihre Spende an CARE vor Ort bewirkt, erfahren Sie hier

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