Furchterregende Korrekturen
Von Thomas Schwarz
Mein letzter Blog aus Pakistan. Für dieses Mal jedenfalls.
Selten ist es mir so schwer gefallen, von hier wieder nach Hause zu fliegen. Das liegt an vielen Dingen. Sicher vor allem daran, dass ich glaube, noch nicht fertig zu sein mit meiner Arbeit. Dabei habe ich auch in Deutschland genug zu tun.
Eine Dynamik dieser Art hat es kaum jemals gegeben. Welche Gründe es auch waren, die Zahlen sind atemlos nach oben korrigiert worden. Eine Million, drei, zehn, 15 und 20 Millionen Flutopfer. Dann: direkt betroffen, unmittelbar oder irgendwie betroffen. Wassermassen, die rücksichtslos über Menschen und Tiere, Felder und Wohnungen hinweg rasten, und sie tun es noch immer. Jetzt im Süden, in Sindh vor allem. Millionenstädte stundenlang in gelähmter Angst. Wird evakuiert, ja oder nein? Und es ist noch lange nicht zu Ende. Der Monsun hält sich an den Kalender, er hat noch nicht einmal das zweite Drittel hinter sich. Regenzeit ist Regenzeit, da gibt es nichts.
Zahlen, Summen, Menschen
Der Punjab im Süden Pakistans ist die „Kornkammer des Landes“. Was hier gesät und geerntet wird, ist nicht nur für das eigene Land. Bei guter Ernte wird auch Reis exportiert. Jetzt ist sprichwörtlich nichts zu erwarten. Die Provinz Sindh, noch weiter südlich, wird vom Wasser überrollt, Dämme brechen, Hunderttausende sind auf der Flucht. Und auch das: Die Zeitung „The News“ schreibt, dass 200.000 Tonnen Getreide mit den Fluten verschwunden sind. Die Hälfte war für Afghanistan bestimmt, die andere Hälfte für Pakistan selbst.

Notdürftig halten die Menschen ihr Hab und Gut zusammen. Das Wasser reißt alles mit sich (Foto: CARE/Rauf)
Vorstellbar ist das für mich alles nicht. Das geht nicht. Ich habe es versucht, aber die Zahlen sind zu viele. Was aber vorstellbar ist, sind die einzelnen Schicksale. Das sind die Flutopfer, die ich gesehen und getroffen und gesprochen – vor allem aber: denen ich zugehört habe. Da ist die schwangere Balqis, die ihr erstes Kind erwartet, aber nicht weiß, wo und wann sie es zur Welt bringen kann. Da ist der vierjährige Junge, der, leicht atmend, auf dem feuchten Lehmboden liegt. Und die Mutter hat nicht einmal das Geld, ihn mit dem Bus zum Arzt zu bringen. Oder der alte Mann, der mich fragt: „Haben Sie vielleicht ein paar Schuhe für mich?“
Würde und Hoffnungslosigkeit, Apathie und Wut
In diesen Fällen konnte CARE mit seinen lokalen Partnern helfen. Schnell, ohne lange zu fackeln. Auch die mobilen Gesundheitsteams arbeiteten bis über den Rand der Erschöpfung hinaus. Ebenso andere Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Und natürlich fasten sie, denn es ist Ramadan. Es sind die Geschichten zu einer Katastrophe ungeheuren Ausmaßes. Deswegen schreibe ich sie auf. Aber im Grunde sind es keine Geschichten. Es sind Schicksale. Wie die der Ungenannten, Ungesehenen, auch der immer noch Unerreichten. Sie haben vielleicht ihre vier Hühner in den Wassermassen verloren. Aber sie waren ihre Lebensgarantie. Oder die Kuh, oder eine Ziege. Sie gaben die Milch für die Babys. Die Tiere sind ertrunken, die Lebensgrundlage ist geraubt.
Die Menschen in Pakistan, die ich so sehr schätze, tragen diese Schläge des Schicksals mit unglaublicher Würde. Einige sind apathisch und hoffnungslos, aber das sind die wenigsten. Wütend werden immer mehr, was ich nachvollziehen kann. Wer schuldlos sein Kind nicht ernähren kann, muss verzweifelt und wütend werden.
Zwischendurch war ich geschockt und entsetzt bei meinen Reisen nach Multan oder Muzaffargarh im Süden, oder nach Mardan oder Charsadda weiter oben im Land. Jetzt, wo im Nordwesten das Wasser verschwindet, wird ganz langsam das Zerstörte sichtbar. Wie aber sollen die Menschen das alles wieder aufbauen, wenn sie nicht genug zu essen haben? Wie sollen sie Ziegelsteine schleppen oder Schubkarren schieben, wenn sie Durchfall haben oder Cholera? Die Bilder Pakistans in diesen Tagen sind ein Hilferuf an alle, die mit unseren Werten auch nur ein wenig zu tun haben. Es gibt – jedenfalls für mich – keine Ausflüchte, Erklärungen, nicht zu helfen.
Erinnern wir uns an die ersten CARE-Pakete? Die kamen nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland hatte gerade Furcht und Zerstörung über Europa gebracht, Millionen Menschen ermordet. Trotzdem halfen die Amerikaner. Alle Zweifel wurden hintenan gestellt, weil es um Menschen ging. Wie jetzt in Pakistan. Ich werde zurück kommen hierher. Und dann all die Tees trinken, die mir die Menschen in den Flutgebieten angeboten haben. Insh’Allah!
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