Gary, Judith und der kleine Prinz
Von Sabine Wilke
Schock Deine Eltern, lies ein Buch! So hieß es vor einigen Jahren in einer Kampagne in Deutschland, die sich an lesefaule Jugendliche richtete. In Port-au-Prince, Haiti, heißt es in diesem Jahr: „Lire – malgré tout“ – Lesen, trotz allem!

"Lesen, trotz allem" - Das ist das Motto einer Buchmesse zur Förderung haitianischer Literatur in Port-au-Prince. (Foto: CARE/Wilke)
Im Vorhof der Direction Nationale des Livres, einer Art staatlichen Buchbehörde, sind Tische und Zelte aufgebaut, es ist weihnachtlich geschmückt und von der Bühne erklingt eine kräftige Frauenstimme mit Gitarrenbegleitung. Das Kulturministerium hat eine Buchmesse organisiert, um haitianische Literatur zu fördern und am Ende dieses katastrophalen Jahres Raum für Kunst und Kreativität zu schaffen. Das Gebäude der Direction ist aber von tiefen Rissen durchzogen und ich erkenne die rote Markierung an der Wand – es muss wie so viele andere Bauten der Hauptstadt bald abgerissen werden. Deshalb also eine Messe unter freiem Himmel. Die Besucher drängen sich um die Tische, es wird geblättert, diskutiert, gekauft. Mittendrin genieße ich es, neben meiner üblichen Arbeit der CARE-Nothilfe und des Wiederaufbaus einmal diese andere Seite Haitis erleben zu können. Ein junger Dichter preist mir stolz sein Werk an, jemand anderes erzählt von seiner Liebe zur deutschen Literatur.
Per Du mit dem Autor
Und was hat das mit CARE zu tun? Ich bin auf der Buchmesse, um Gary Victor zu treffen, der meist gelesene Schriftsteller Haitis. Er wird sehr geliebt von seinen Landsleuten, alle nennen ihn freundschaftlich beim Vornamen. „Ich liebe Gary!“ „Oh ja, Gary. Seine Geschichten sind toll.“ So hallt es durch die Luft, egal, bei wem man sich umhört.
Die deutsche Schauspielerin Judith Hoersch hat wie Millionen andere Menschen die Bilder vom Erdbeben in Haiti gesehen. Und fragte sich dabei auch, was die Zerstörung für die Kunstszene des Landes bedeutete. Und so entstand die Idee, Hilfe für Haiti mit einem literarischen Projekt zu verbinden und damit auch die andere Seite der karibischen Nation, ihre Kunst und ihre Kreativität, zu beleuchten. Nun entsteht in Deutschland gerade ein Hörbuch aus der Geschichtensammlung „Der Blutchor“ von Gary Victor. „Das ist das erste Mal, dass jemand mein Werk vertont, und dann gleich auf deutsch“, stellt der Autor lachend fest. Judith Hoersch hat viele Schauspielkollegen mobilisiert, darunter Richy Müller, Steffen Groth und Oliver Wnuk. Sie alle begegnen nun im Tonstudio der literarischen Stimme von Gary Victor und erwecken seine Geschichten für deutsche Ohren zum Leben.

Deutsche Prominente vertonen die Geschichtensammlung "Der Blutchor" des berühmten haitianischen Schriftstellers Gary Victor. (Foto: CARE/Wilke)
Ich wiederum begegne Gary nun hier, um von dem Projekt zu berichten und ein Interview mit ihm zu führen. Der Autor ist eine imposante Gestalt und man möchte ihm stundenlang zuhören. Es war noch nie leicht, Künstler in Haiti zu sein. Aber nun sind Druckereien und Verlagshäuser zerstört, und es fehlt einfach an Geld, um Projekte anzustoßen. Vor ihm auf dem Tisch liegt sein neuestes Werk: Gary Victor hat den kleinen Prinzen von Saint-Exupéry ins Kreolische übersetzt. Ohne ein großes Verlagshaus im Rücken, mit viel Durchhaltevermögen und aus Liebe zu seiner Muttersprache. In Haiti gilt also auch „Schreiben – trotz allem!“
Und dann doch noch: Weihnachtskaufrausch
Wie immer, wenn ich vor einem Bücherstapel stehe, juckt es in meinen Fingerspitzen. Und schließlich ist ja Weihnachten. Also landet „Ti prens la“, der kleine Prinz, in meiner Tasche. Dazu Garys neuester Roman, „Le sang et la mer“. Und ein dicker, vergilbter Wälzer aus den 1970er Jahren mit kreolischen Sprichwörtern und ihrer Bedeutung – vielleicht hilft mir das, all diese wunderlichen Facetten Haitis ein bisschen besser zu begreifen. Und zum Schluss ein Wörterbuch Französisch-Kreolisch. Ich bin gespannt, was „Affenbrotbaum“ und „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ in der Sprache Haitis bedeuten.
Übrigens: Das Hörbuch „Der Blutchor“ erscheint im Februar im Verlag Random House und der Erlös geht vollständig an die CARE-Hilfe in Haiti. Ich freue mich schon darauf, Gary hier in Haiti ein Exemplar seines ersten Hörbuches überreichen zu können.
Tags: Cholera, Erdbeben, Haiti, Judith Hoersch, Literatur, Oliver Wnuk, Richy Müller, Steffen Groth, Wiederaufbau


30. Dezember 2010 at 15:04
Liebe Sabine,
meine Freude ist groß. Ich bin wirklich berührt. Danke Dir für all deine wunderbaren aussführlichen Blog Einträge. Sie geben mir und hoffentlich vielen anderen, die Möglichkeit, durch Deine Augen ein bisschen von der Stimmung die bei Euch herscht mit zuerleben und etwas mehr zu erfahren. Gary ist so sympathisch, ich kann verstehen, das er so gemocht wird. Ich bin gespannt wie „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ auf kreolisch klingt, ein herrliches Buch, das ich sehr liebe. Vielleicht hilft es den Menschen dort ein bisschen. Wenn ich komme, so hoffe ich auch das neue Buch zu ergattern, wobei ich hörte, das es im selbigen Verlag auch wieder in Deutschland erscheinen soll. Ich wünsche Haiti ein friedliches 2011. Alles Liebe für Euch und Dich liebe Sabine Judith