Die vielen Gesichter von Dadaab

Vor 25 Jahren wurde das Flüchtlingscamp Dadaab in Kenia errichtet. Heute leben rund 350.000 Menschen dort, teils schon in dritter Generation. Wer sie sind? CARE hat nachgefragt:

Die Vorsteherin

Ubah Omar Ali hat eine leitende Funktion im Dagahaley Camp in Dadaab. Hier lebt die 38-Jährige mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern. 

Ubah Omar Ali: „Wenn eine Mutter gebildet ist, wird sie auch ihre eigenen Kinder zur Schule schicken." (Foto: CARE/Lucy Beck)

Ubah Omar Ali: „Wenn eine Mutter gebildet ist, wird sie auch ihre eigenen Kinder zur Schule schicken.“ (Foto: CARE/Lucy Beck)

„Ich kannte meine Vorgängerin und habe ihre Arbeit immer bewundert. Als sie zurück nach Somalia ging, habe ich mich gefreut, als mir ihre Nachfolge angeboten wurde. Seit 2015 bin ich nun also selbst Vorsteherin im Camp. Meine Aufgabe ist es, wichtige Botschaften – etwa über Hygienemaßnahmen – unter die Menschen in Dagahaley zu bringen. Ich bin außerdem dafür zuständig, zwischen den Menschen zu vermitteln. Ich liebe diese Arbeit und widme sie meinen Kindern und der gesamten Gemeinschaft. Indem ich Probleme löse, die das Gemeindeleben beschweren, mache ich das Viertel zu einem schöneren Ort für alle. Am besten gefällt mir der Part, in dem ich junge Mädchen dazu ermutige, zur Schule zu gehen. Bildung beginnt im Haushalt und genau hier setze ich an. Wenn eine Mutter gebildet ist, wird sie auch ihre eigenen Kinder zur Schule schicken.

Ich konnte bereits viele Veränderungen hier in Dadaab miterleben. Es besteht ein reger Austausch zwischen den verschiedenen Gemeinschaften und einander fremden Kulturen. Frauen spielen eine aktive Rolle im Gemeindeleben. In Somalia wäre dies undenkbar. Ich habe mich an dieses Leben, diese Freiheiten, mittlerweile so gewöhnt, dass es schwer für mich wäre, zurückzukehren.“

Der Aktivist

Der heute 30 Jahre alte Abdi Aden Bille kam 1992 nach Dabaab, im Alter von acht Jahren. Er ist Teil einer Männer-Gruppe, die sich dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung verschrieben hat. 

Abdi Aden Bille: „Wir müssen uns langsam herantasten." (Foto: CARE/Lucy Beck)

Abdi Aden Bille: „Wir müssen uns langsam herantasten.“ (Foto: CARE/Lucy Beck)

„Aller Anfang ist schwer. So war es auch bei mir, als ich 1992 als Flüchtling in Dadaab ankam. Um das Camp herum herrschte damals gähnende Leere – weder Menschen noch Tiere teilten sich die heiße, staubige Wüste mit uns. Erträglicher machten es zu jener Zeit nur CARE und UNHCR, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen.

2001 habe ich zusammen mit fünf anderen Männern die Gruppe „Männer in Aktion“ gegründet. Heute zählen wir 30 Mitglieder. Uns alle eint ein Anliegen: Wir wollen, dass unsere Mütter und Töchter mit der Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung brechen. Dafür veranstalten wir Gruppengespräche, in denen wir Mädchen und Frauen über ihre Rechte aufklären. So viele Mädchen sterben während oder an den Folgen der Genitalverstümmelung, zwischen zehn und 20 Prozent der Frauen in Dabaab müssen ihre Kinder im Krankenhaus entbinden, weil die Beschneidung so viel Schaden angerichtet hat. Als wir die Gruppe gründeten, beschränkten wir unsere Aufklärung zunächst darauf, dass Menschen eher die „Sunna“, eine weniger extreme Form von Genitalverstümmelung, praktizieren. Uns ist bewusst, dass wir uns langsam herantasten müssen. Anders wird es unsere Gemeinschaft nicht akzeptieren.“

Die Nicht-Somali

Die 42-jährige Gladys Gaba Cyrus kam 1995 nach Dadaab. Sie musste ihre Heimat in Yei, Südsudan, verlassen, nachdem sie dort an einer Demonstration gegen Scharia-Gesetze teilgenommen hatte. Seit ihr Mann in den Südsudan zurückgekehrt ist, lebt sie allein mit ihren fünf Kindern.

Gladys Gaba Cyrus: „Es gibt viele Frauen, die sich ihrer Rechte nicht bewusst sind und nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie brauchen Unterstützung." (Foto: CARE/Lucy Beck)

Gladys Gaba Cyrus: „Es gibt viele Frauen, die sich ihrer Rechte nicht bewusst sind und nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie brauchen Unterstützung.“ (Foto: CARE/Lucy Beck)

„Für Flüchtlinge hier in Dadaab ist CARE so etwas wie eine Großmutter. Nach meiner Ankunft habe ich mich ziemlich schnell einer Frauengruppe von CARE angeschlossen, in der jede Frau einen Kredit erhielt, um ein Batik-Geschäft zu eröffnen. Ich habe CARE viel zu verdanken. Ohne die Trainings und Workshops von CARE hätte ich wohl nie entdeckt, welche Führungsqualitäten in mir stecken. Jetzt bin ich Vorsitzende der Jugend Dadaabs und in der Lage, für meine Überzeugungen einzustehen. Ich kann meine Kinder versorgen und ihnen eine gute Bildung ermöglichen. Mein ältester Sohn ist momentan in Nairobi und studiert an der Universität.

Ich schätze es sehr, was CARE für uns Frauen getan hat – und für mich ganz persönlich. Ich bin alleinerziehende Mutter, doch ich lasse mich nicht unterkriegen. Aber es gibt viele Frauen, die sich ihrer Rechte nicht bewusst sind und nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie brauchen Unterstützung.

Bevor ich nach Dabaab kam, war ich Studentin und hatte keinerlei Arbeitserfahrung. Hier habe ich gelernt, ein Unternehmen aufzubauen, es erfolgreich zu führen, eine Familie zu ernähren und nebenbei ein aktiver Teil einer Gemeinschaft zu sein. Falls ich – wenn Frieden herrscht – zurück in meine Heimat kehre, werde ich mich für die Frauen und Kinder dort einsetzen, damit sie von der guten Bildung profitieren, die ich hier erhielt.

Ich hoffe, dass ich irgendwann kein Flüchtling mehr bin. Das Leben als Flüchtling ermüdet mich und meine Familie. Meine Kinder sind hier in Dadaab geboren und kennen kein anderes Leben. 25 Jahre an derselben Stelle – es wird immer schwerer sich weiterzuentwickeln.“

Der Lehrer

Der 31-jährige Ibrahim Ali Mohamed lehrt an einer Grundschule in Dagahaley, Dadaab.

Ibrahim Ali Mohamed: „Ich will ein Vorbild für meine zwei Kinder sein und arbeite deswegen hart." (Foto: CARE/Lucy Beck)

Ibrahim Ali Mohamed: „Ich will ein Vorbild für meine zwei Kinder sein und arbeite deswegen hart.“ (Foto: CARE/Lucy Beck)

„Unsere Schule besuchen 1.762 Schüler, 755 davon sind Mädchen. Ich selbst bin hier in Dadaab groß geworden, begann 1993 mit finanzieller Hilfe von CARE zur Schule zu gehen.

Als ich 2005 unerfahren aber hoch motiviert anfing, als Lehrer in Dagahaley zu arbeiten, kam ich abermals in Kontakt mit CARE. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel CARE für uns Menschen in Dadaab getan hat. Im Juli 2015 bot man mir den Posten des Schulleiters an. Ich will ein Vorbild für meine zwei Kinder sein und arbeite deswegen hart. Ich betrete die Schule um sechs Uhr früh und verlasse sie um sechs Uhr abends. Im letzten Jahr erzielten unsere Schüler in den kenianischen Abschlussprüfungen die besten Ergebnisse in ganz Dadaab und belegten den zweiten Platz in Garissa.

Als ich in Dadaab ankam, war das Leben voller Entbehrungen. Doch dank der Bemühungen zahlreicher Organisationen hat sich inzwischen vieles verbessert. Die Jugend kann zur Schule und zur Universität gehen und ihr steht es offen, später als Lehrer, Sozialarbeiter oder im Gesundheitswesen zu arbeiten. Der Unterschied zu früher ist groß.“

Die Frau, die für sauberes Wasser sorgt

arbeitet für CARE. Sie prüft die Wasserqualität im Dagahaley Camp in Dadaab. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann und den gemeinsamen drei Kindern.

Siyado Abdi Muhamed: „Ich kenne nichts als Dabaab." (Foto: CARE/Lucy Beck)

Siyado Abdi Muhamed: „Ich gebe mein Wissen an meine und andere Kinder weiter.“ (Foto: CARE/Lucy Beck)

„Seit ich 1992 aus Kismayo in Somalia nach Dadaab geflohen bin, habe ich das Camp nicht mehr verlassen. Ich war so jung bei meiner Ankunft. Mein Vater starb noch bevor unserer Abreise, meine Mutter nicht viel später hier in Dabaab. Somalia ist für mich ein fremdes Land. Was ich darüber höre, beschränkt sich auf Krieg und Gewalt. Ich höre Namen wie Mogadischu, doch ich verbinde nichts mit ihnen. Ich kenne nichts als Dabaab, noch nicht einmal die nahe gelegene Stadt Garissa habe ich je besucht.

Ich bin schon vielen verschiedenen Arbeiten nachgegangen, doch dieser Job liegt mir besonders. Ich habe so viel gelernt: wie man Wasser lagert zum Beispiel und welche Hygieneregeln es zu beachten gilt. Dieses Wissen gebe ich an meine und andere Kinder weiter. Meine Nachbarn kläre ich auf, wenn ich sehe, dass sie gegen wichtige Regeln verstoßen. Von dem Geld, was CARE mir zahlt, kann ich Nahrung, Kleidung und Medikamente für meine Familie kaufen.“

Bitte unterstützen Sie unsere Hilfe in Dadaab und für Flüchtlinge weltweit mit Ihrer Spende. 

Mehr Informationen zu CAREs Arbeit in Kenia finden Sie auf unserer Website.

 

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