English Version

Gespensterdebatten und Realität

Von Thomas Schwarz

Die Taliban, so lese ich in den Medien in Deutschland, würden den Flutopfern helfen. Und sie feierten sich dafür auch noch.

Diese notdürftig errichteten Behausungen ersetzen die überfluteten Häuser vieler Menschen in Punjab. (Foto: CARE/Schwarz)

In Interviews werde ich gefragt: „Stimmt es, dass die radikalen Taliban Hilfe leisten und sich so positiv positionieren können?“ Ja, das können sie. Selbstverständlich können sie das. Das tun andere übrigens auch, wenn sie Hilfe leisten (können). Aber ist das wirklich eine Frage zur Zeit? Ist das eine Debatte, die wir jetzt, zu diesem Zeitpunkt führen sollten? Ich finde: nein!

Die CARE-Hilfe kommt an

Diese Debatte ist eine von Gespenstern und hat nichts mit dem zu tun, was ich hier sehe. Nicht im Nordwesten, wo ich war und auch nicht hier im Süden, wo ich jetzt bin. Es ist eine Luxusdiskussion, die man nur dann führen kann, wenn man selbst keine großen Probleme hat. Ich meine wirklich große Probleme. Ehrlich gesagt verstehe ich nur schwer, was dieses Thema mit einer der größten Katastrophen der neueren Zeit zu tun haben soll. Wir sollten vielmehr nach Lösungen suchen, wie wir den Menschen hier besser und viel, viel schneller helfen können. Zum Beispiel mit Geld aus Deutschland an Hilfsorganisationen wie CARE. Denn das Geld, das von dort kommt, wird direkt eingesetzt. Zum Beispiel für eine mobile medizinische Hilfe. Das habe ich heute in Moltan gesehen.

Es herrschen 40 Grad und mehr, Fliegen surren über einem Haufen von Medikamentenpäckchen, ein Mann scheucht sie mit einer Art Fächer weg. Eine Schlange von Flutopfern steht geduldig an. Die, die Hilfe bekommen, werden in eine Liste eingetragen. Alles geht ruhig, schnell und effizient zu. Das ist CARE-Hilfe, die ankommt. Und es ist nur ein Beispiel. Moltan liegt im Süden, in Punjab, wo sie eine neue Flut erwarten. Genau weiß man das nicht. CARE hat in den ersten Tagen nach der Flut seine Lager hier geräumt. Hat Zelte verteilt, Hygienepakete an Frauen, Küchenutensilien, Moskitonetze. Niemand kann wirklich behaupten, das Geld komme nicht an, das an Hilfsorganisationen geht.

Menschen helfen Menschen – so ist Pakistan

An der großen, vierspurigen Straße außerhalb von Moltan, in Punjab also, sehen wir Zelte, aneinander gereiht wie an einer Perlenschnur. Zelte? Eher sind es Behausungen. Tücher sind behelfsmäßig an Holzstöcken befestigt, wie übergroße Küchenrollen. Nach vorne und nach hinten offen, also kein Schutz, keine Privatsphäre. Aber ein „Dach“ über den Köpfen. Ein alter Mann kauert alleine vor sich hin. Er ist bestimmt 70. Kinder schauen apathisch ins Nichts.

Auch dieser alte Mann hat alles bis auf seine Ziege verloren. (Foto:CARE/Schwarz)

Als wir kommen, sind wir in Sekunden umringt von Menschen, die alle gleichzeitig drauflos reden. Und das sind immer die gleichen Sätze, die sie sagen: „Wir haben keine Zelte, sehen Sie!“ Wir können es sehen. „Da hinten, da haben wir gewohnt.“ Sie zeigen auf ihr Dorf, keine 200 Meter entfernt. Es steht unter Wasser, nur die Dächer sind noch erkennbar. Und eine Art Dorf- oder Stadtmauer. Wann sie zurück können, hängt davon ab, ob es bald wieder regnen wird oder das Wasser endlich abzieht.

Und dann erzählen sie, dass sie Essen bekommen. Von wem, fragen wir. „Wer versorgt Euch?“ Es sind die Städter, die aus Moltan, die ihnen gekochtes Essen bringen, jeden Tag. Sie kennen sie nicht, aber sie wissen, auch morgen werden sie wieder da sein. Seit heute kommen sie abends, nach Einbruch der Dunkelheit. Denn heute hat der Ramadan begonnen, den sie hier Ramazan nennen. Der Fastenmonat hat begonnen, morgen ist Unabhängigkeitstag. Und es gibt sie, die Hilfe – die kommt aber hier von Pakistanis für Pakistanis. Keine Taliban, keine Politik, kein Militär ist hier ein Thema. Hier sind es die Menschen. Und das ist genau das Pakistan, das ich kenne und so sehr schätze.

Zahid, den ich vor zwei Tagen getroffen habe, spielt wieder – auf dem aufgeweichten Schlammboden seines Dorfes, da, wo die Wassermassen nicht hingekommen sind. Mein Kollege Mujahid hat mir gerade eine Mail geschickt. Die Mutter konnte mit dem Jungen zum Krankenhaus. Jetzt geht es ihm wieder gut. Auch das gehört zur Frage: „Kommt die Hilfe wirklich an?“ Ja, sie kommt an.

Tags: , , ,

3 Kommentare to “Gespensterdebatten und Realität”

  1. sap ebook leser Says:

    Mir tun die Leute richtig leid. Wie man eben in den Nachrichten sehen konnte ist jetzt eine Flutwarnung für die südpakistanische Stadt Jacobabad gekommen. Die Behörden haben die 400.000 Einwohner aufgefordert, die Region zu verlassen. Tausende Menschen brachten sich mit Autos, auf Traktoranhängern oder auf Eselskarren in Sicherheit. Das Hochwasser im Noorwah-Kanal könne jederzeit über die Ufer treten.
    Siegfried Anton Paul

  2. Johannes Schwarz Says:

    Hallo Thomas,

    heute habe ich Deinen Bericht in der Tagesschau gesehen und anschließend Deine Berichte auf der Seite von CARE gelesen.
    Diese Art von Berichterstattung ist sehr autentisch und kommt bei den Lesern sicherlich gut an und wird zur Spendenbereitschaft beitragen.

    Toller Job. Weiter so!

    Viele Grüße eines Leubsdorfers aus Dattenberg sendet Dir

    Johannes Schwarz

  3. Hedwig Hörsch Says:

    Hallo Thomas,

    habe dir bereits die mail geschickt und werde für dich in Lemgo sammeln!!!
    Gib nicht auf!!!Weiter…

    Liebe Grüße
    Hedwig Hörsch

Kommentar schreiben