English Version

Gorillas am Hebel

Von Sabine Wilke

„Park-Mensch-Konflikte“ – was sich so hölzern anhört, erklärt mir ein Kollege im Büro von CARE Ruanda ganz einfach: Wo ein Nationalpark entsteht, ist die umliegende Bevölkerung betroffen und sieht sich häufig benachteiligt oder eingeschränkt.

Vor Ort sehe ich, was er damit meint: Felder und Siedlungen reichen bis an die Grenze des Naturschutzgebietes, dem Volcanoes National Park im Norden Ruandas. Die Vulkanlandschaft liegt im Grenzgebiet von Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo und hat nicht nur friedliche Zeiten erlebt.

Auf dem Weg nach Ruhangiri – dem Treffpunkt für Touren zu den Berggorillas – muss ich an ein Bild denken, das im Herbst 2008 durch die Medien ging: Als im Ostkongo der Konflikt zwischen Rebellen und Regierung wieder eskalierte, drangen Männer in den Nationalpark auf kongolesischer Seite ein und töteten ein Gorillamännchen auf brutalste Weise. Schätzungen zufolge leben in der Region nur noch knapp 700 Gorillas und jede Familie fußt auf einem fragilen sozialen System, an dessen Spitze das älteste Männchen steht. Man kann sich also vorstellen, was so ein Mord für katastrophale Auswirkungen hat.

Glücklicherweise ist auf ruandischer Seite seit einigen Jahren der Frieden eingekehrt – und damit auch der Gorillatourismus. 2003 kamen rund 6000 Touristen nach Ruanda, um die Berggorillas in freier Wildbahn zu erleben. Fünf Jahre später waren es schon mehr als 17.000. Das Geschäft mit den sanftmütigen Verwandten der Menschen boomt also. Und wenn das Land sich auch in Zukunft weiter entwickelt, werden wohl immer mehr Menschen den Weg nach Ruanda und zum Nationalpark finden. Alle Aktivitäten in und um den Park richten sich deshalb an die Berggorillas und Besucher. Das Gebiet ist von einer Steinmauer eingezäunt, Wildhüter bestrafen falsches Verhalten und jagen Wilderer, zahlreiche Herbergen bieten Übernachtungen für die Anreisenden.

Ohne Armutsbekämpfung kein Naturschutz

Und die lokale Bevölkerung? Das große Fragezeichen bei solchen Tourismusprojekten in Entwicklungsländern ist immer, ob die benachbarten Gemeinden nachhaltig von dem Besucherandrang und Geldsegen profitieren können. CARE ist keine Tierschutzorganisation. Aber hier im Norden Ruandas ist der Schutz der Gorillas eng mit dem Kampf gegen die Armut verknüpft. Und deshalb gibt es seit 2007 eine Partnerschaft zwischen CARE und dem International Gorilla Conservation Project. Während IGCP sich um die Bewahrung der Gorillas und ihres Lebensraumes kümmert, ist CARE für die ländliche Entwicklung und die Organisation der politischen Prozesse zuständig. Konkret heißt das: Die lokalen Gemeinden werden dabei unterstützt, die Profite aus dem Gorillatourismus in nachhaltige Projekte umzusetzen und sich institutionell so zu organisieren, dass sie mit den lokalen Behörden auf Augenhöhe zusammenarbeiten können.

Als ich schließlich vor dem 200 Kilo schweren Männchen stehe, das sich auf die Brust trommelt und grölt, scheint mir der Begriff „Park-Mensch-Konflikt“ auf einmal gar nicht mehr so abstrakt. Zum Glück sind die Gorillas die täglichen Besuche von Menschen inzwischen gewohnt. Und sie sind Vegetarier.

Tags: , , , , , ,

Kommentar schreiben