Göttliche Eindrücke aus Haiti

Nach dem Erdbeben 2010 verloren viele Menschen alles was sie je besaßen. Trotzdem scheint ihr Glaube ungebrochen. (Foto: CARE/Hockstein)

Nach dem Erdbeben 2010 verloren viele Menschen alles was sie je besaßen. Trotzdem scheint ihr Glaube ungebrochen. (Foto: CARE/Hockstein)

Es ist Palmsonntag, und ich begleite eine Kollegin in die katholische Kirche, die rund 50 Meter vom CARE-Büro entfernt liegt. Alle haben sich schick gemacht und vor dem Eingang werden Palmenblätter verkauft. Ich bin nicht katholisch, aber da die Religion so einen großen Platz im Leben vieler Haitianer einnimmt, wollte ich mir den Gottesdienst gerne einmal anschauen. Und innen kommt mir dann alles sehr bekannt vor: Die weißen Gewänder der Messdiener, der Weihrauch, die Gesänge, all das findet man auch in einer deutschen Kirche. Ich beobachte einen älteren Mann vor mir in der Bank, der von seinem Sohn gestützt wird, als er zum Abendmahl gehen will. Wie viele Sonntage hat er wohl schon in dieser Kirche verbracht in seinem Leben? Und woher nimmt er die Kraft, die Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten, die in seinem Land seit so vielen Jahrzehnten herrschen, zu überstehen?

CARE ist eine konfessionslose Hilfsorganisation. Wir arbeiten nicht nur unabhängig von politischer und ethnischer Zugehörigkeit, sondern auch ohne religiösen Hintergrund. CARE-Mitarbeiter sind Buddhisten, Atheisten, Muslime, Christen, Juden und was es sonst noch gibt – genauso wie die Menschen in den Ländern, in denen wir arbeiten. Diese Toleranz ist einer der Gründe, weshalb ich gerne für CARE arbeite. Natürlich ist der Glaube für Milliarden Menschen auf der Welt eine Quelle der Kraft, und eine konfessionelle Hilfsorganisation kann auch hervorragende Arbeit leisten. Aber mir gefällt das Prinzip von CARE, konfessionslos zu helfen und die Religion im Privaten zu praktizieren – oder eben auch nicht.

In Haiti sind viele Menschen gläubig, ein Großteil katholisch, aber es gibt auch immer mehr evangelikale Glaubensgemeinschaften. Viele Mitarbeiter von CARE tragen ein Kreuz als Kette und engagieren sich in ihren Gemeinden. Wer sich selbst als leidenschaftlicher Christ sieht, nimmt den Glauben natürlich auch mit ins Büro. Das führt dann teilweise zu kleineren Komplikationen. Neulich gab ein Kollege ein Interview mit einem – passenderweise – protestantischen Radiosender und beendete jeden seiner Sätze reflexartig mit dem Ausspruch „dank Gottes Hilfe“. Es hat uns einiges an Argumenten und Zeit gekostet, ihm zu erklären, dass das in seiner Funktion als CARE-Sprecher unpassend ist. Und dann gab es letztens einen Workshop gemeinsam mit einer christlichen Hilfsorganisation zum Thema Stillen. Wir sitzen gleich neben dem Konferenzraum und konnten morgens den Gesang und das gemeinsame Gebet hören. An sich nicht verwerflich, aber eine Kollegin brachte es auf den Punkt: Wer bei CARE betet, muss konsequenterweise auch eine Vodou-Zeremonie durchführen, ein muslimisches Gebet anbieten und alle übrigen anwesenden Glaubensrichtungen berücksichtigen.

Religion und Glaube ist überall in Haiti präsent: Egal ob Vodou, protestantisch oder katholisch. Der Vodou-Glaube bricht jedoch die meisten Religionsgrenzen und wird oft parallel praktiziert. (Foto: CARE/Wilke)

Religion und Glaube sind überall in Haiti präsent: Manche sind Anhänger des  Vodou-Glaubens, andere Protestanten oder Katholiken. Oft werden Vodou-Elelemte in die christlichen Religionen mit aufgenommen. (Foto: CARE/Wilke)

A propos Vodou: Der wird hier verteufelt als Hexerei, verehrt als Magie, belächelt als Folklore oder einfach integriert in den Alltag. Als Ausländer ist es schwierig, durch die verschiedenen Ebenen und Bedeutungen durchzublicken. Einige Christen lehnen Vodou als unmoralisch ab, andere wiederum übernehmen einige Rituale. Nach meinem Besuch bei den Katholiken will ich jetzt zur Vollständigkeit noch eine Vodou-Zeremonie ansehen. Eine Kollegin rät mir, mich beim ethnologischen Institut der Universität kundig zu machen. Vielleicht kann ich bald im Blog von einer Begegnung mit den im Vodou-Glauben verwurzelten Zombies berichten… so die Götter es denn erlauben.

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