Griechenland: Theaterspielen gegen den Schmerz der Flucht

„Bei meinem ersten Besuch im Melissa-Zentrum hat mich die warme Atmosphäre überrascht. Es wirkt wie ein gemütliches Zuhause. Vom ersten Moment an haben mir die Energie, die Farben  und der Duft nach frisch zubereitetem Essen gefallen. Das ist ein Ort, an dem sich Menschen wohl fühlen”, erzählt Katerina Polemi, Theatertherapeutin im Melissa-Zentrum.

Jede ist willkommen

Μέλισσα (Melissa) bedeutet „Honigbiene“ und das Melissa-Zentrum steht für alles, was die Biene symbolisiert. Es ist ein Ort, an dem sich geflüchtete Frauen treffen, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Es ist nicht einfach ein Unterschlupf, sondern ein richtiges Haus, das Platz bietet für die Träume, Hoffnungen und schmerzlichen Erfahrungen der Frauen. Viele kommen jeden Tag hierher, um ihrem anstrengenden, trostlosen Alltag zu entfliehen. Im Zentrum findet jede ein offenes Ohr für ihre Geschichte, willkommen geheißen werden hier Frauen aller Nationalitäten, Altersgruppen und Konfessionen.

Im Melissa-Zentrum können Frauen auf der Flucht Theater spielen, um den Schmerz zu vergessen.

Theater- und Bewegungstherapie im Melissa-Zentrum. (Foto: CARE/Dora Vangi)

Ich habe das Zentrum besucht, weil ich neugierig auf eines seiner erfolgreichsten Angebote war: eine von CARE geförderte Theater- und Bewegungstherapie, geleitet von Katerina Polemi und Thaleia Portokaloglou.

Barrieren überwinden

Wie kann man sich so eine Theater- und Bewegungstherapie vorstellen? „In unseren Sitzungen laden wir die Frauen dazu ein, die Hauptrolle in einer Geschichte zu übernehmen. Durch spontane Rollenspiele bekommen wir Einblicke in ihre Lebensgeschichte und ihre innersten Emotionen. Die Szenen, die wir spielen, sind entweder alltagsnah oder Fantasiegeschichten, in denen sich die Frauen ausprobieren können und – wie wir es nennen – Erlösung finden. Mithilfe der Theater- und Bewegungstherapie werden die natürlichen Sprachbarrieren überwunden. Beim Theater zählt vor allem die Körpersprache”, erklärt Thaleia.

Die meisten Teilnehmerinnen sind junge Frauen aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus afrikanischen Ländern wie Nigeria und Ghana. Sie alle möchten Griechenland verlassen und warten auf ihre Familienzusammenführung. Sie träumen davon, zu studieren und einen guten Job zu finden. „Die Frauen, die zu uns kommen, sind unglaublich kreativ. Sie wollen sich ausleben”, sagt Katerina.

Porträt von Thaleia, Theater-Therapeutin im Melissa-Zentrum.

Thaleia Portokaloglou hat Psychologie studiert und arbeitet als Theater-Therapeutin im Melissa-Zentrum. (Foto: CARE/Dora Vangi)

Thaleia beschreibt die täglichen Herausforderungen ihrer Arbeit: „Jede Stunde ist anders, jede Sitzung ein erstes Mal. Wir haben mit Sprachbarrieren zu kämpfen und sind auf die Unterstützung von zwei Dolmetschern angewiesen. Außerdem sind viele der Frauen traumatisiert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Salz in ihre Wunden streuen. Es ist bemerkenswert, dass die Frauen sich davon nicht entmutigen lassen. Wir müssen an ihre schlimmen Erfahrungen anknüpfen, um zu ihnen vorzudringen. Und dadurch gewinnen sie an Stärke.”

Die Bewegungstherapie setzt auf kleine Schauspiel- und Vertrauensübungen, um den Zusammenhalt der Gruppe zu fördern. Die Frauen sollen sich gegenseitig in die Augen schauen oder umarmen, manchmal erzählen sie sich auch Geschichten. Während der Sitzung sehe ich mit eigenen Augen, wie die Frauen aufblühen. Anfangs bewegen sie sich nur zögerlich, viele fühlen sich unwohl und es dauert einige Zeit, bis sie sich ganz auf die Situation einlassen. „Wir beginnen jede Sitzung mit einer kleinen Bewegungsrunde, bei der jede Frau mit einer Geste zeigt, wie sie sich heute fühlt. Das fiel den Teilnehmerinnen am Anfang sehr schwer. Sie fragten mich, ob ich wirklich von ihnen verlange, dass sie sich nur mit ihrem Körper ausdrücken. Wir sprechen hier von jungen Frauen, die ihr Leben lang gelernt haben, dass ihre Sexualität etwas Schlechtes ist und die daher große Schwierigkeiten haben, sich körperlich auszudrücken.”

Bewegungstherapie im Melissa-Zentrum: Hier haben die Frauen einen sicheren Zufluchtsort.

Bei der Bewegungstherapie lassen die Frauen ihren Emotionen freien Lauf. (Foto: CARE/Dora Vangi)

Den Emotionen freien Lauf lassen

Ich frage Katerina und Thaleia nach einem besonderen Erlebnis aus ihrer Zeit als Therapeutinnen. Für Katerina ist das in jeder Sitzung der Moment, in dem die Frauen ihre innere Kontrolle aufgeben und sich plötzlich frei fühlen: „Das Verhalten der Frauen erinnert mich an einen Staudamm. Erst lassen sie ihre Gefühle nicht durch, aber dann gibt der Damm langsam nach und setzt einen Strom der Emotionen frei. Freude, Schmerz, Frustration, Wut, sie alle beginnen zu fließen und die Frauen selbst werden zu einem Teil des Flusses. Wenn wir sie an diesen Punkt bringen, ist das ein befreiendes Gefühl. Bei uns können die Frauen all ihren Emotionen ihren freien Lauf lassen.”

Die Theater- und Bewegungstherapie ist Teil der Unterstützung für geflüchtete Frauen, die CARE mithilfe von Partnerorganisationen in Griechenland umsetzt. Ich bin dankbar, dass ich die Dynamik der Teilnehmerinnen selbst erleben durfte, denn sie lässt sich nicht in Worte fassen. Thaleia und Katerina stecken ihre ganze Energie in das Projekt. Was sie sich für die Zukunft wünschen? „Die Kultur spielt eine wichtige Rolle. Wahrscheinlich hat die Mädchen bisher niemand gefragt, wie es ihnen geht, was sie sich wünschen oder wovon sie träumen. Wir hoffen, dass wir weiter auf ihr Bedürfnis nach Anerkennung eingehen können. Es wäre toll, wenn wir mit ein paar der Frauen, die schon länger dabei sind, auch außerhalb des Melissa-Zentrums arbeiten könnten, um sie in ihrem Alltag zu begleiten.”

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