Haiti: Der größte Schatz ist Bildung

Schüler mit CARE-Luftballon, Gonaïves. (Foto: CARE/Kara Langford)

Schüler mit CARE-Luftballon, Gonaïves. (Foto: CARE/Kara Langford)

Von Stefan Ewers

Jeden Abend dasselbe in Port-au-Prince. Auch gestern begann es wieder ganz typisch: erst Stromausfall und dann der große Regen – als ob er nur darauf gewartet habe, dass die Lichter erlöschen. Am nächsten Morgen aber sind Spuren des Regens nur noch in besonders tiefen Schlaglöchern zu entdecken.

Im Chaos bunt bemalter Pickups

Vor allem die Seitenstraßen in den Städten sind löchrige Schotterpisten. Rudy kann ein Lied davon singen – er arbeitet als Fahrer für CARE. Und er begleitet Kara und mich heute von Port-au-Prince hoch in den Norden nach Gonaïves – die Hauptstadt der Provinz Artibonite. Dort besuchen wir die Schule Saint Ambroise, die von CARE nach dem Erdbeben im Jahr 2010 zusammen mit 74 weiteren Schulen im ganzen Land unterstützt wurde. Wir möchten uns informieren, welche Fortschritte bereits erzielt werden konnten und was die Hilfe für die Schüler, Lehrer und Eltern bedeutet. Und wir wollen hören, welche Sorgen und Nöte immer noch bestehen, um auch dort helfen zu können. Denn Unterstützung ist weiterhin notwendig.

Aber vor den Preis haben die Götter den Schweiß gesetzt. Die Fahrt dauert endlos – der Verkehr in den Städten ist zäh und gefährlich. Auf den Seitenstreifen und in den Gräben sehen wir immer wieder umgestürzte und zerquetsche Lastwagen. Wie Autos hier nach schweren Unfällen aussehen, möchte man sich gar nicht vorstellen. Rudy weiß, wie die Menschen zwischen den Städten verkehren: „Fast alle Haitianer sind auf Tap-Taps angewiesen.“ Das sind kleine Pickups mit Sitzbänken und einem losen Dach auf der Ladefläche. „Die Fahrgäste schlagen dem Fahrer auf die Schulter, wenn sie aussteigen möchten. Daher der Name Tap-Tap“, erläutert Rudy. Alle Tap-Taps sind voll bis auf den letzten Platz. Und es gibt immer auch noch zwei Sitzplätze hinten, außerhalb der Ladefläche. Junge, waghalsige Männer stehen auch auf den Trittbrettern und halten sich nur mit einer Hand fest. Alle Tap-Taps sind wunderschön bunt bemalt und werden zudem oft mit Psalm-Sprüchen verziert. Leider schützt auch das nicht immer vor Unfällen, wie wir heute noch erleben müssen.

Schüler im Klassenraum, Gonaïves. (Foto: CARE/Kara Langford)

Schüler im Klassenraum, Gonaïves. (Foto: CARE/Kara Langford)

Auf dem Schulhof gehören alle zusammen

Irgendwann kommen wir dann aber endlich in Gonaïves an. Etienne Jean Wilème arbeitet schon seit 16 Jahren für CARE und nimmt uns vor der Schule in Empfang. Er hat selbst drei Kinder und weiß, wie wichtig Bildung ist: „Wir haben dieses Projekt direkt nach dem Erdbeben begonnen, um die Qualität der Erziehung zu verbessern. Besonders wichtig ist uns eine angemessene psychosoziale Betreuung von Kindern, die das Erdbeben in Port-au-Prince selbst miterlebt haben. Viele Kinder sind danach auch in Gegenden gekommen, die selbst nicht vom Beben betroffen waren. Heute gibt es im ganzen Land traumatisierte Kinder.“

In den drei Klassenräumen, die wir besuchen ist davon anscheinend nichts mehr zu sehen. Kinder zwischen drei und fünfzehn Jahren zeigen beim Lachen ihre strahlend weißen Zähne und blitzenden Augen. Alle tragen gepflegte Schuluniformen und die Mädchen weiße Bänder in den Haaren, um ihre langen Zöpfe zu halten. Sainte Ambroise ist als Schule von CARE zusammen mit dem haitischen Erziehungsministerium ausgewählt worden, weil sie in einem besonders armen und benachteiligten Stadtviertel steht. Gonaïves liegt mit schlimmer Regelmäßigkeit in der Flugschneise der karibischen Hurrikanes und diese verwüsten alles. Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man die Kinder hier nun sieht. Aber das kann doch auch allein an der psychologischen Schulung der Lehrer und der besonderen Betreuung der Kinder nicht liegen, frage ich Wilème. Da lacht auch die Direktorin der Schule, Madame Hyné: „Vieles hat sich verändert für uns, seit wir alle Teil des CARE-Programms sind. Wir Lehrer haben fachliche Fortbildungen in Sozialwissenschaften, Mathematik, Kreol und Französisch erhalten. Noch viel wichtiger aber war die psychosoziale Unterstützung für uns Lehrer. Mit diesem Hilfsmittel gelingt es uns, alle Kinder – auch die eigentlich fremden aus dem direkten Erdbebengebiet – zu einer großen Gruppe zusammen zu führen.“ Und auf dem Schulhof meint man, das auch auf den ersten Blick erkennen zu können. Alles lacht, tobt und rennt – und niemand steht abseits und allein. Das wäre auch bei uns in Deutschland nicht selbstverständlich, auf einem Schulhof in einem „Problemgebiet“ mit vielen „Zugezogenen“.

Endlich ausreichend Schulmaterial

Im Klassenraum der ganz Kleinen werden wir nun mit Gesang begrüßt und voller Stolz präsentieren die Mädchen und Jungen ihre Fibeln und Hefte – auch das ist keine Selbstverständlichkeit, erklärt uns Herr Simon, der Klassenlehrer:  „Erst seit CARE Bücher und Schreibblöcke ausgeteilt hat, gibt es ausreichend Schulmaterial für jeden Schüler.“ Seit Beginn des Programms verteilte CARE bereits 9.000 solcher Schulsets an Schülerinnen und Schüler  – und ein Lesebuch mit bunten Bildern scheint hier wirklich ein wahrer Schatz zu sein. Allerdings nur, bis die Kinder irgendwie die orangen Luftballons entdeckt haben, die wir mitgebracht haben. Als die aufgeblasen sind, gibt es kein Halten mehr und auch der strenge Herr Simon muss lachen, als sich niemand mehr von ihm bändigen lassen will.

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