Haiti gestern, heute und morgen -
Staubwolken hängen in den Straßen im von dem Erdbeben zerstörten Port-au-Prince, der Wind fegt durch die Ruinen.
Turnschuhe zum Verkauf auf den Straßen von Port-au-Prince (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Trotzdem hat der Straßenhandel längst wieder begonnen, heftiger als je zuvor, da ja keine Verkaufsräume mehr zur Verfügung stehen. Mitten unter den Angeboten zum täglichen Bedarf finden sich die Händler mit den nach unseren Begriffen kitschigen aber gerade deshalb wunderschönen Bildern aus dem haitianischen Alltagsleben, ästhetisch der naiven Malerei zuzuordnen. Und unter diesen Bildern von Bauern, Kokosnusspflückern und Fischern findet sich das Porträt eines stattlichen Mannes in französischer Marschallsuniform: François-Dominique Toussaint L’Ouverture, Kommandeur der Rebellion von 1791, Verfassungsgeber von 1801, Kriegsgefangener der Franzosen und Nationalheld der Haitianer.
Der haitianische Freiheitskämpfer Toussaint L’Ouverture
Befreiung vom kolonialen Joch
Die französischen Kolonialherren, seit 1691 herrschend, hatten die Ideen der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – selbst nach Haiti gebracht und wunderten sich nun, als die Haitianer diese Ideale ganz praktisch anwandten. Der Freiheitskämpfer Francois-Dominique wurde gefangen genommen und nach Frankreich gebracht, wo er im Kerker von Château de Joux im französischen Jura starb und somit den Unterschied zwischen Theorie und Praxis erfahren musste. Die Verfassung von 1801 war eine gegen Frankreich gerichtete Unabhängigkeitserklärung und der dazugehörige Unabhängigkeitskrieg grausam und verlustvoll. Die Plantagen wurden weitgehend zerstört, ein Drittel der Bevölkerung war tot. Aus dieser Zeit erwuchs der Ausdruck, Haiti sei ein Land, dessen Geschichte mit Blut geschrieben sei. Die Befreiung vom französischen Joch bereits 1804, also sehr lange vor vergleichbaren Aufbrüchen aus kolonialen Machtstrukturen, konnte wohl nur deshalb gelingen, weil Kaiser Napoleon das Interesse an dieser überseeischen Besitzung verloren hatte und keine Verstärkungen in die Neue Welt sandte.
Im Würgegriff der Schulden und Naturkatastrophen
Dafür sandten die Franzosen im Jahr 1825 Kanonenboote vor die Küste Haitis und forderten 150 Millionen Francs für die staatliche Anerkennung des unter den europäischen Kolonialmächten geächteten Landes. Haiti nahm Kredite auf und zahlte – trotz der späteren Reduzierung der Summe auf 60 Millionen dauerte das Abtragen dieser Last bis 1947, womit ein Grundstein für Armut und Korruption gelegt war. Die Aufnahme der Kredite erfolgte überwiegend bei französischen Auslandsbanken, wodurch es zu einem tödlichen Kreislauf der Abhängigkeit kam. In unzähligen Aufständen und Bürgerkriegen kam es zur Teilung der Insel in das heutige Haiti im Westen und die Dominikanische Republik im Osten, verbunden mit massenhaftem Sterben, das durch immer wiederkehrende Erdbeben und Wirbelstürme noch verschlimmert wurde. Daran änderte auch die Besetzung der Insel durch die USA von 1915 bis 1934 nichts, der imperialistische Hochmut der Amerikaner zog vielmehr den Hass der Haitianer auf sich. Auf Haiti unvergessen ist der Ausspruch des damaligen amerikanischen Außenministers William Jennings Bryan: “Ach Gottchen, denken Sie nur – Nigger, die Französisch sprechen!“
Bis in die jüngste Vergangenheit reihen sich Kämpfe, Diktaturen und Aufstände – Haiti ist ein geschundenes Land mit einer geschundenen Bevölkerung. Dabei muss man feststellen, dass dies die Weltbevölkerung nie so besonders interessierte. Auch in Deutschland war vor dem Erdbeben der Kenntnisstand über Haiti nicht weit verbreitet – man flog zum Urlaub in die Dominikanische Republik, was rund 100 km weiter im Westen der Insel passierte, blieb außerhalb des Gesichtskreises. Nun aber hat das verheerende Erdbeben auch die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Hilfs- und Spendenbereitschaft sind groß, eindrucksvoll arbeiteten die internationalen Kräfte vor Ort Hand in Hand.
Eine Chance für die Zukunft – wenn alle mitmachen
Für CARE heißt das, dass nun alle Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Notunterkünfte durch die massive Bereitstellung von Plastikplanen wetterfest zu machen. In zwei bis drei Wochen beginnt die Regenzeit, erste Niederschläge hat es schon gegeben. Der Aufbau von Zelten verbietet sich, weil nicht genügend Platz vorhanden ist.
Plastikplanen sind eine Übergangslösung, um die Menschen vor dem Regen zu schützen (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Eine Verzögerung beim Bau dieser Übergangsbehausungen würde eine zunehmende Frustration der Betroffenen nach sich ziehen und unweigerlich zu Unruhen führen. Gleichzeitig ist festzustellen, dass große Bevölkerungsgruppen, die zunächst in die ländlichen Gebiete geflohen waren, nunmehr in die Region Port-au-Prince zurück kehren. Auch sie müssen mit dem Nötigsten und mit Unterkünften versorgt werden. Und es kann zusätzliche Desaster geben: weitere Erdstöße sind nicht ausgeschlossen, von der „normalen“ Wirbelsturmsaison Mitte des Jahres ganz zu schweigen. Auch wenn Haiti nunmehr aus den Medien verschwunden ist, von einer Normalisierung der Lage kann keine Rede sein. Aber vielleicht gelingt es ja jetzt, da zumindest die bisherigen Gebernationen eng zusammen arbeiten, ein funktionierendes haitianisches Gemeinwesen aufzubauen, in dem Regierung und Zivilbevölkerung Hand in Hand arbeiten.
Tags: Erdbeben, Haiti, koloniale Vergangenheit, Regenzeit, Wiederaufbau, Wirbelstürme




