In Haiti zählt die Gemeinschaft

Michelle, die Sekretärin der Spargruppe, erklärt einer Sparerin an Hand der Sterne im Sparbuch wie viel Guthaben sie auf ihrem Konto hat, Carrefour. (Foto: CARE/Kara Langford)

Michelle, die Sekretärin der Spargruppe, erklärt einer Sparerin an Hand der Sterne im Sparbuch wie viel Guthaben sie auf ihrem Konto hat, Carrefour. (Foto: CARE/Kara Langford)

Ich begleite heute meine haitianischen Kollegen McArthur und MacKenson zur Versammlung einer Kleinspargruppe. Mit welchem Ernst und welcher Würde die Einzahlungen in die Kasse – eine graue Metallkiste – vorgenommen und quittiert werden, habe ich schon in meinem letzten Blog berichtet. Nun steht eine Frau auf, tritt in die Mitte der Gruppe und beantragt mit lauter und selbstbewusster Stimme einen Kredit von 3.000 Gourdes, das sind etwa 50 Euro. Michelle, die Sekretärin der Kleinspargruppe, fordert sie auf, den Antrag zu begründen. „Vor zwei Jahren habe ich schon einmal einen Kredit bekommen, mit dem Geld kaufte ich damals Hühner. Seitdem verkaufe ich Eier auf dem Markt. Nun möchte ich eine Ziege anschaffen, um meine Familie mit Milch zu versorgen und mein Verkaufsangebot zu erweitern“, erklärt Virginie. Die gesamte Gruppe stimmt mit Gemurmel zu und das Geld wird gegen eine Quittung ausgezahlt. Vielleicht schon morgen besitzt Virginie eine Ziege, die einen wertvollen Anteil zum Einkommen beitragen wird. Und während draußen im Hof ein Hahn kräht lässt der zweite Antrag auf einen Kredit nicht lange auf sich warten.

Catheline ist ebenfalls Mitglied der Kleinspargruppe und möchte eine Nähmaschine kaufen. Sie hat einen Nähstand auf dem Markt und könnte mit der Maschine mehr Aufträge erfüllen. Auch ihrem Antrag auf Kredit stimmen alle Anwesenden zu. „Das ist ein typisches Darlehen für die Stadt“, erklärt mir McArthur. „Die meisten kaufen von dem Geld Vorräte, die sie dann auf dem Markt weiterverkaufen können oder Werkzeuge, mit denen sie selbst Güter für den Markt herstellen.“ Auf dem Land werden die Kredite eher für Saatgut und Vieh ausgezahlt.

Damit scheint die heutige Sitzung beendet. Alle Sparbücher werden wieder in die Truhe gelegt und diese wird von den beiden Schlüsselwächtern mit zwei schweren Schlössern verschlossen. Die Schlüsselwächter übergeben die Kiste an die Bewahrerin der Kasse und alle stehen auf. Aber es verlässt noch niemand den Raum. Alle legen ihre Hände ineinander, viele blicken zu Boden und die gewählte Präsidentin der Spargruppe spricht ein Dankgebet. Sie dankt für die Sicherheit, die die Kleinspargruppe ihren Mitgliedern gibt und für das große Gemeinschaftsgefühl, dass alle miteinander verbindet.

„Das ist bestimmt auch ein Grund, warum bisher jeder Kredit in dieser Gruppe vollständig mit Zinsen zurückgezahlt worden ist. Jeder weiß, dass er nicht nur durch seine Sparbeiträge sondern auch durch die Rückzahlung seines Kredites zum Erfolg der ganzen Gruppe beiträgt“, weiß MacKenson, der alle Mitglieder schon lange persönlich kennt.

Bei Ra-Ra vergisst man alles um sich herum

Auf dem Rückweg ins Büro stockt plötzlich der Verkehr – das ist hier nichts Ungewöhnliches. Aber als es auch nach vielen Minuten noch keinen Schritt weitergeht, steigen wir aus, um uns nach dem Grund zu erkundigen. Hinter der nächsten Ecke hören wir schon laute Trompetenmusik und Trommeln. Inzwischen gießt es in Strömen – wie an jedem Abend seit ich hier bin. Viele junge Männer mit nackten Oberkörpern kommen uns lachend und vollkommen durchnässt entgegen. Sie singen und schwenken bunte Fahnen an langen Stöcken.  Ich schaue McArthur fragend an und wieder lässt er mich nicht im Stich: „Das ist Ra-Ra!“ Aber ich sehe offenbar immer noch nicht klüger aus und er muss weiter erklären. „Ra-Ra Prozessionen sind zu Zeiten der Sklaverei entstanden. Am Ende der Trockenzeit sind fast alle Vorräte aufgebraucht – meistens ist nur noch Saatgut vorhanden. Das Saatgut wird zu Beginn der Regenzeit von allen Bauern gemeinsam auf den Feldern verteilt. Und am Abend feiert man nach der Arbeit zusammen Ra-Ra – dann siegen das Gemeinschaftsgefühl und die Hoffnung auf eine gute Ernte über die hungrigen Bäuche.“  Erst als wir wieder ins Auto steigen, merken wir, dass auch wir kein einziges trockenes Stück mehr am Körper tragen – bei Ra-Ra vergisst man alles um sich herum.

Morgen fahren wir zu einer Schule in Gonaives – weit weg von Port-au-Prince. Dort werden seit vier Jahren auch viele Kinder unterrichtet, die nach dem verheerenden Erdbeben 2010 aus der Hauptstadt fliehen mussten, weil sie hier kein zu Hause mehr hatten. Und bis dahin werden wir auch wieder trocken sein.

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