Hat das Volk der Chepang eine Zukunft?

Von Christina Ihle

Kinder der Chepang-Schule in Khairani (Foto: CARE/Christina Ihle)

Gerade noch rechtzeitig konnten wir heute morgen Kathmandu verlassen. Um 9.30 Uhr passierten wir den Schlagbaum zum Highway Richtung Süd-Westen. Um 10 Uhr riegelten Bandhs die Hautstadt von der Außenwelt ab. Unser Ziel: die Provinz Chitwan. Hier unterstützt Shanti Griha zusammen mit CARE 53 Dörfer, baut gemeinsam mit den Bewohnern Schulen, Wassersysteme und sucht nach neuen Einkommenswegen gegen die extreme Armut. Nach sechs Stunden einer manchmal dramatischen Fahrt über die „Highway“ genannte Bundesstraße mit ihren streunenden Kühen, bemalten LKWs, überladenen Motorrädern, Tuk-Tuks, marschierenden Kolonnen von Fußsoldaten, spielenden Kindern, und in leuchtenden Farben gekleideten Frauen biegen wir in einen unbefestigten Weg ein.

Besuch beim Volk der Chepang

Auf seiner Stirnseite unser erstes Ziel, ein Internat für die Kinder des Volkes der Chepang, einer der ärmsten Volksgruppen Nepals. Früher lebten sie in der Abgeschiedenheit der Bergwälder vom Jagen, Fischen, Wurzel- und Wildhonigsammeln. Ihr Wissen um die Heilkunst der Kräuter, zum Beispiel, ist legendär. Die meisten von ihnen können heute in den Wäldern nicht mehr überleben. Sie ziehen in die tiefer gelegenen Dörfer, um Landwirtschaft zu betreiben. Da die Chepang jedoch nicht registriert sind, haben sie auch nicht das Recht, eigenes Land zu besitzen – von politischer Mitsprache ganz zu schweigen. Bildung ist für sie eine der wichtigsten Voraussetzung, um ihre Situation langfristig verändern zu können.

Kaum kommt das Auto zum Stehen, laufen uns Blumen schwenkend die Kinder entgegen. „Dies ist ein idyllischer Platz, der glücklicherweise nicht viel von der Notsituation verrät, die ihn geschaffen hat“, sagt Roger Willemsen später. „Zwei Häuser inmitten weitläufiger Felder, ein Hof zum Spielen, die Ruhe der Natur ringsum – hier lässt sich leben und lernen. Der Übermut der Kinder beeindruckt mich so wie ihre Offenheit, ihre Breitwilligkeit, Fragen zu beantworten oder sich um uns zu scharen.“ Stimmt! Das sind die nettesten Momente, die man sich nur vorstellen kann: Ameisenbedeckte Blumen werden uns um die Hälse gelegt, erst schüchtern, dann lachend verraten die Kinder und ihre Namen und als das Eis gebrochen ist, führen sie uns wild gestikulierend durch ihre Schule. Pflichtbewusst zeigen sie uns zuerst die Klassen, viel lieber aber eigentlich die Schulziege, die Küche, in der sie reihum für alle 200 Schüler selber kochen, den indischen Butterbaum im Innenhof – Wahrzeichen der Chepang – und dann ihr Allerheiligstes: die Schlafräume. Hefte stapeln sich am Kopfende der Holzpritschen. So manche hat ihren heimlichen Filmstar in vergilbten Zeitungsausschnitten an der Wand drapiert. Dann werden uns die wahren Schätze präsentiert: Döschen mit Bintis, Steine eines selbst gemachten Brettspiels, glitzernde Haarbürsten und sogar ein Foto von Zuhause.

Schule bedeutet Zukunft

Die meisten Kinder sind zwischen sieben und acht Marschstunden von ihren Dörfern entfernt. Sie sehen ihre Familie nur in den Ferien. Für Sangita allerdings ist heute ein Festtag. Ihr Vater, Mitglied des Elternschulkommitees, hat sieben Stunden Fußmarsch auf sich genommen, um uns heute zu treffen und von der Situation seines Volkes zu berichten. Wie immer hat er von der Mutter Honigsüßigkeiten mitgebracht.

Sangita ist zurecht stolz auf ihren Vater. Und er auf sie. (Foto: CARE/Christina Ihle)

Sangita ist in der siebten Klasse. Sie ist die einzige aus ihrem Dorf, die hier zur Schule gehen darf. „Wir sind froh, dass Sangita für uns Lesen und Schreiben lernt“, sagt ihr Vater. „Außerdem bekommt sie hier kostenlos täglich zu essen.“ In den Dörfern sei dies schwierig, erzählt er. Die Böden oben in den Bergen seien schlecht und ihre Erträge reichten nicht länger als sechs Monate. Und den Rest des Jahres? Den würden sie überbrücken, durch Jagen und Sammeln von Wurzeln oder Brennholz, das sich auch im Tal verkaufen lässt. Sangita möchte Lehrerin werden und hofft im nächsten Jahr, zur Highschool gehen zu dürfen. Ihr Vater nickt. Was er kann, wird er dafür tun. Er ist stolz auf Sangita und Sangita zurecht stolz auf ihn. Denn mit dieser Entscheidung bricht er mit der Tradition der Chepang, Mädchen mit dem 12. Lebensjahr zu verheiraten.

Während CARE-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Jamann sich in einem unteren Klassenzimmer von den Eltern detailliert beschreiben lässt, wie sie ihr Leben führen und um ein Auskommen ringen, hat sich Roger Willemsen mit Vertretern aus drei Generationen in den Hof gesetzt. „Mir war wichtig, etwas vom Innenleben der Chepang zu erfahren und fragte sie nach ihrer Zukunft“, erzählt er. „Der Junge sieht die Zukunft seines Volkes unter den Städtern, er beobachtet die Abwanderung der Jugend mit Verständnis und wünscht sich selbst eine bessere Ausbildung in der Stadt. Der Mann mittleren Alters hat durch einen Schlangenbiss ein Bein verloren. Er braucht zu Fuß nun drei Stunden für den Weg in sein Dorf, der andere eine halbe kostet. Für ihn bietet nur das Dorf die Unterstützung, die er so dringend braucht.

Der Alter erzählte mir aus Großvaters Zeiten und als ich ihn fragte: Glauben Sie, dass Ihr Volk in hundert Jahren noch existiert, schüttelte er wehmütig den Kopf: Nein, das glaube er nicht. Aber glücklich sei er über die Möglichkeiten des Überlebens, die sich seinen Enkeln auch durch ein Schulprojekt wie dieses bietet.“

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