Japan: Hier stand einmal eine Stadt

Als wir, CARE-Helferinnen und Helfer, mit dem Wagen in die Bucht von Miyako in der nordjapanischen Provinz Iwate einschwenken, fällt als erstes die Leere auf. Keine Häuser, keine Fabriken, keine Hafenanlagen – stattdessen nur eine weite Ebene, die sich bis an die umgebenden Hügel zieht. Dort sieht man ab einer bestimmten Höhenlinie eine dichte Bebauung. Beim näheren Hinsehen aber bemerken wir links und rechts der Straße ein dichtes Geflecht von Betonfundamenten, die in einer skelettartigen Formation die Ebene kilometerweit überziehen. Schlagartig wird klar: Hier stand einmal eine Stadt.

Weite Teile der Küstenregion Japans wurden grundlegend vom Tsunami zerstört. (Foto: CARE/Rottländer)

Weite Teile der Küstenregion Japans wurden grundlegend vom Tsunami zerstört. (Foto: CARE/Rottländer)

Wir nähern uns dem Uferbereich, der von dicken Kaimauern – manche mit einem Fundament von mehr als zehn Metern – geschützt wird. Oder besser: geschützt wurde. An vielen Stellen ist diese Barriere über weite Strecken aufgebrochen, die Trümmer liegen grotesk versetzt im Hinterland. Es sieht aus, als habe ein zorniges Kind mit einem Schlag sein sorgfältig gebautes Baukastenland zerstört.

Durch das Erdbeben vom 11.3.2011 wurde ganz Japan erschüttert, im Norden waren die Erdstöße besonders heftig, erste Zerstörungen traten ein. Als dann der Tsunami kam, wischte er alles Vorhandene beiseite. Sechs Meter hoch sei die Welle hier gewesen, berichten Überlebende, bis zu 30 Meter wuchs der Tsunami in den engen Fjorden der Region auf. Mir fällt eine Zeile aus einem Gedicht von Theodor Fontane ein: „Tand, Tand, ist das Gebilde aus Menschenhand.“

Die Menschen finden wir in den von der Regierung errichteten Notunterkünften, aneinander gereihte Container in höheren Geländebereichen. Es gibt hier eigentlich keinen Siedlungsplatz außerhalb der Küstenregion, weil das Gelände sofort steil ansteigt. Man hat also Terrassen frei geschoben und die Container drauf gesetzt. Es gibt Strom- und Wasseranschluss, Abwasser und Müll werden effektiv entsorgt. Vor den Containern ist es pieksauber, eine alte Dame entfernt mit der Hand winzige Tannennadeln vor ihrem Eingang. Überwiegend alte Menschen sind hier untergebracht. Die Region war vor der Katastrophe schon extrem überaltert, denn außer im Fischfang gibt es hier im Norden kaum Anstellungen.

Der Vereinsamung entgegenwirken

Der überwiegende Teil der Alten besteht aus Frauen. Mit einer Gruppe von ihnen treffen wir uns im Gemeinschaftscafés der Containersiedlung, das von CARE Japan betrieben wird. Der Vereinsamung und der Verzweiflung wird hier entgegen gewirkt. Der Programmbegriff „Psychosoziale Hilfe“ umschreibt nur hölzern, was die CARE-Mitarbeiter hier vermitteln: liebevolle Zuwendung. Die alten Damen kommen für einige Stunden aus ihren bienenwabenartigen Containern und haben die Möglichkeit zu sprechen, zu singen, zu lachen. Ein medizinischer Check wird durchgeführt, eine Pflegerin erklärt Methoden der Handmassage.

Vor allem ältere Frauen kommen zu den Gemeinschaftscafés. (Foto: CARE/ Zanettini)

Vor allem ältere Frauen kommen zu den Gemeinschaftscafés. (Foto: CARE/ Zanettini)

Die Menschen, die hier in den Notunterkünften leben, sind aus ihren vorherigen Lebenszusammenhängen brutal herausgerissen worden. Ihre Nachbarn in der Siedlung kannten sie vorher nicht, ihre Familienmitglieder und die früheren Nachbarn sind irgendwo – viele sind vom Tsunami getötet worden. Gerade in der japanischen Gesellschaft bedeutet dies eine totale Entwurzelung.

Meine direkte Nachbarin, fast 90 Jahre alt, erzählt mir, dass ihre Familie seit 100 Jahren in der Bucht ein kleines Geschäft mit Lebensmitteln und Haushaltswaren betrieben habe. In dieser Zeitspanne seien vier Tsunamis gekommen und hätten immer wieder alles zerstört. Und immer wieder hätten sie das Geschäft an der gleichen Stelle wieder aufgebaut. Und dieses Mal? Sie weiß es nicht. Dann wendet sie sich ab, damit es niemand sieht und weint leise.

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