Haiti: Im Herzen der Operation -
Von Sabine Wilke
Die Szene: ein staubiger Parkplatz auf einem Gelände in Port-au-Prince, umrundet von riesigen Lastwagen. Hier bin ich mitten im Gedränge und in der Hektik des Warenlagers von CARE.
Das CARE-Warenlager am Rande des Flughafens von Port-au-Prince (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Flugzeuge fliegen mit Ohren betäubendem Lärm alle paar Minuten über mich hinweg, der Flughafen von Port-au-Prince befindet sich nur ein paar Straßen entfernt vom Lager. Und es gibt noch eine weitere Besonderheit: “Wir befinden uns im Herzen der sogenannten Roten Zone”, sagt Geoffroy Larde vom CARE Logistik-Team. Der Rand des Warenlagers grenzt nämlich direkt an Cité Soleil, dem berüchtigten Slum, das seit Jahren vernachlässigt wurde und bei dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 schwere Schäden erlitten hatte.
Einige Männer tragen Kisten aus einem LKW, als plötzlich der Boden einer der Pappkartons durchbricht. Heraus fällt ein großer Stapel Kleidungsstücke, die gleich wieder sorgfältig aufgehoben und verstaut werden. Zeit ist Geld hier. Die Lastwagen bringen ständig neue Lieferungen. Das Team muss rund um die Uhr sicherstellen, dass alle Gegenstände unversehrt gelagert und auf LKWs verladen werden, die dann zu den einzelnen Verteilungsstationen fahren. Damit die Hilfe dort ankommt, wo sie am nötigsten gebraucht wird, ist es wichtig, dass genau die Zahl an Gütern geliefert wird, die von den Teams vor Ort angefordert werden. Denn man möchte sich nicht die Enttäuschung einer Frau vorstellen, die ohne Matratze, Hygiene-Kit oder andere Hilfsgütern wieder nach Hause gehen muss, obwohl sie vorher einen Coupon für die Verteilung erhalten hatte.
Patricia zwischen Maschinen und Muskeln
Glücklicherweise verläuft der Logistikeinsatz reibungslos und professionell. Rund 50 Leute sind im Lager beschäftigt. Und im Einklang mit CAREs Auftrag, die Frauenrechte zu stärken, leitet eine weibliche Mitarbeiterin das Team. Patricia A. Louis ist 31 Jahre alt und auf den ersten Blick wirkt ihre zierliche Gestalt fehl am Platz in dieser von Männern dominierten Umgebung aus Maschinen und Muskeln. Aber man lässt schnell los von diesem Gedanken,wenn sie anfängt zu reden. “Ich arbeite jetzt seit drei Jahren für CARE und war vorher verantwortlich für unser Inventar im Büro”, sagt Patricia resolut.
Patricia vom Logistikteam (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Nun hat sie ihren Schreibtisch in der Mitte eines riesigen Lagers aufgestellt, und ihre Aufgabe ist es, alles zu registrieren und auszuweisen, was ins Lager kommt und es dann wieder verlässt. Ist es schwer, in diesem Umfeld als Frau die Chefin zu sein? Patricia schüttelt fest ihren Kopf. “Nein, wenn du einmal gelernt hast, ein Team zu leiten , spielt es keine Rolle mehr, wo du das machst. Ich bin es gewohnt, Anordnungen zu geben und zu führen. Das ist nichts Neues für mich.”
Es ist bis zu 40 Grad Celsius unter dem Dach der Lagerhalle, die Atmosphäre heizt sich weiter auf. Geoffroy nimmt seinen Hut ab und wischt sich den Schweiß aus seinem Gesicht. Er hat schon alles gesehen: Kongo, Timor Leste, und jetzt Haiti. Er hat sich die Arbeit als Logistiker aus einem Grund ausgesucht: “Ich habe Projekte geleitet und ich habe in der Vergangenheit auch andere Aufgaben erledigt. Aber Logistik… das liebe ich einfach. Man sieht direkt, was man tut und ist immer unterwegs. Alles hier ist andauernd in Bewegung.” So wie er selbst. Es ist schwindelerregend, Geoffroy bei seiner Arbeit zu beobachten. Er ist überall, läuft um das Lagerhaus oder das Büro, dabei hat er die ganze Zeit irgendjemanden am Telefon und kümmert sich um die kleinen und großen Notfälle, die eintreten.
Dieser Job wird nie langweilig – auch das Organisieren des Lagerhauses nicht, erklärt er. “Es sieht niemals gleich aus. Man sieht sich morgens um und es kann sein, dass das Lager bis unter die Decke mit Hygiene-Kits, Decken und Abdeckfolien gefüllt ist. Bis zur Nacht hat sich alles geändert – die alten Hilfsgüter sind schon lange verteilt worden und Neue eingelagert.”
Sicherheit spielt eine wichtige Rolle
Das Innere des Lagerhauses ist nicht selten mit Waren gefüllt, die mehrere hunderttausend Euro wert sind. Deswegen spielt auch die Sicherheit eine wichtige Rolle. Besonders kritisch war es in den ersten paar Wochen nach dem Erdbeben. In ihrer Verzweiflung versuchten die Menschen an alles zu gelangen, was ihnen irgendwie hätte helfen können. In diesem Sinne versucht CARE sich mit der einheimischen Bevölkerung zu verständigen, um ihnen zu erklären, dass sie alle von einem geregelten Nothilfeeinsatz profitieren. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Toiletten: Direkt hinter dem Lagerhaus befindet sich ein offener Platz, den die Anwohner als Müllhalde benutzt haben. Der Gestank ist entsetzlich und es ist schockierend zu sehen, dass sich dort einige Behelfsunterkünfte befinden, und Kinder hin und her laufen und spielen. “Wir werden hier Toiletten aufstellen und Küchensets in der Nachbarschaft verteilen”, erklärt Geoffroy.
Geoffrey denkt über die Rolle von Logistik in einem solchen Nothilfeeinsatz nach, dabei streift er durchs Lagerhaus und kontrolliert die verschiedenen Stapel mit Hilfsgütern. “Wir sind immer für die Menschen da. Der Nachteil ist, dass wir niemals vor Ort an den Verteilungsstationen sind, und so bekommt man kein direktes Feedback. Unsere Arbeit spielt sich im Verborgenen ab.” Also könnte man sagen, dass die Logistik DAS Herzstück eines solchen Einsatzes ist?, frage ich.
Geoffroy lacht und verbessert die Frage bescheiden: “Nein, wir sind eher IM Herzen des Einsatzes. Das ist etwas anderes. Aber ich bin wirklich stolz auf mein Team. Sie machen eine ausgezeichnete Arbeit.” Und dann ist er auch schon wieder weg, auf einer weiteren Tour durch das Lagerhaus. Es ist unschwer zu erkennen, dass eine ganze Menge Herz in diesem Einsatz steckt.



