DR Kongo: Im Krieg sind manche Wunden unsichtbar

Elisabeth Roesch

(Übersetzung bearbeitet von Diana Holland)

Goma, 24. November, 2008 – Erneut besuchen wir die Flüchtlingslager in Goma und sammeln neue Geschichten von Vertriebenen. Wieder fragen wir uns, was die Menschen in Zeiten des Krieges wirklich brauchen. Manche Bedürfnisse sind offensichtlich, wie das Bedürfnis nach Obdach, sauberem Wasser, Nahrung und Kleidung. Aber andere Bedürfnisse erkennt man nur schwer. Dementsprechend hart ist es auf diese zu reagieren. Besonders schwer ist es im Fall von sexuellem Missbrauch.

In einer Kirche in Goma haben sich im Laufe der letzten Wochen mehr als 1000 Flüchtlinge eingefunden. Seit unserem letzten Besuch sind weitere Hunderte von Vertriebenen dazu gekommen. Die anderen Flüchtlingslager, die wir in Goma besuchen, sind kleiner. Dort leben nur ein paar Familien aus demselben Ort. Aber in der Kirche treffe ich auf Menschen aus sämtlichen Regionen, z.B. aus Masisi und dem Westen von Rutshuru. Viele von Ihnen kamen allein.

Auf sich allein gestellt, inmitten von Soldaten

Ein Mädchen, wahrscheinlich im späten Teenageralter, stammt aus Nyanzale. Mit dem Auto fährt man dorthin sechs Stunden. Im selben Ort bereitet CARE bereits ein größeres Projekt für Opfer sexueller Gewalt vor. Diesen bietet CARE erste medizinische Versorgung, Einkommen schaffende Maßnahmen und psychologische Beratung.

Das Mädchen aus Nyanzale verließ ihre Heimat vor acht Wochen und verbrachte einen Monat im Wald. Mit Hilfe einer Tagelohnarbeit wollte sie sich am Leben halten, um nach Goma zu reisen. Sie ist allein und hat keine Ahnung, wo ihre Familie ist. Seit sie in Goma ist, hat sie bisher niemanden aus Nyanzale getroffen. Sie erzählte mir nur bruchstückhaft von ihrem Leben und ich kann mir vorstellen, dass das, was sie ausgelassen hat, verheerend ist. Eine Frau, die im Kongo alleine unterwegs ist, ist ein leichtes Opfer für Missbrauch, Ausbeutung und Vergewaltigung. Wie konnte dieses Mädchen einen Monat lang auf sich allein gestellt, in einer Gegend voller militärischer Gruppen überleben? Wie bringt sie sich in Goma über die Runden? Was braucht sie, außer den zur Verfügung gestellten Hilfspaketen noch, um mit ihrer Situation umzugehen?

Ein Bezugssystem schaffen, an das sich Opfer wenden können

Es sind diese unsichtbaren Bedürfnisse, auf die man so schwer eingehen kann, die aber so kritisch sind, dass es wichtig ist, die vom Krieg Betroffenen auch physisch und mental zu unterstützen. Zum Glück gab es in der Kirche, die CARE besuchte, auch einige Frauen, die aussprachen, was häufig unausgesprochen bleibt. Sie wollten über die Frauen, die vergewaltigt wurden reden und über die, die ausgebeutet und missbraucht wurden. Eine Frau fragte, was sie dagegen unternehmen kann und ich versuchte herauszufinden, ob diese Frauen wissen, wo sie sich für medizinische und psychologische Hilfe hinwenden können. Keine von ihnen wusste es. Natürlich wussten sie es nicht, denn alle von ihnen sind gerade erst hier angekommen und haben noch keine Orientierung zu den vorhandenen Beratungsangeboten.

Aus diesem Grund entwickelt CARE ein Bezugssystem, das überlebende Vergewaltigungsopfer über Beratungsstellen informiert. Außerdem ermöglicht CARE den Betroffenen einen leichteren Zugang zu Beratungsangeboten. Durch diese Informationen werden die Opfer von sexuellem Missbrauch wieder gestärkt. Sie geben Frauen, die durch diese schrecklichen Erfahrungen in all ihren Grundrechten verletzt wurden, die Kraft zu entscheiden, wie sie mit ihrer Situation umgehen wollen. CARE arbeitet mit lokalen Partnern und Gemeindemitgliedern, um rechtzeitig auf die medizinischen, psychologischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Frauen zu reagieren. In den Gemeinden stärkt CARE das Bewusstsein für die Gewalt an Frauen und versucht so ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Frauen sicher genug fühlen, um Hilfe zu suchen.

Dieses Projekt zeigt erneut, wie dringend Frauen Zugang zu diesen Beratungsangeboten brauchen. Angemessen auf die Gewalt an Frauen zu reagieren ist für CARE eine Priorität in Notsituationen. Es ist genauso wichtig, wie die Bereitstellung von Decken, um Frauen zu wärmen, Essen um diese zu ernähren und Unterschlupf, um sie vor den kalten Nächten in Goma zu schützen.

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ENGLISH ORIGINAL VERSION BY ELISABETH ROESCH

In war, some wounds are hard to see

Elisabeth Roesch is CARE’s Gender and Advocacy Advisor in Goma, DR Congo.

Goma, Nov. 24, 2008 – Another trip to new displacement sites in Goma brings more stories and more questions about what people really need in times of conflict. Some needs are evident – shelter, clean water, food, clothes – but others are harder to see and therefore harder to respond to. That is certainly the case when it comes to responding to sexual violence.

In a church in Goma, there are more than 1,000 people gathered, having fled their homes in the past few weeks. Since our last visit, a few hundred more people have arrived. The other sites I have been to in Goma are smaller, with a few families from the same town or village moving together and setting themselves up in the same site. But in this church I find people from all over and from farther away, Masisi and western Rutshuru, and many of them came alone.

One girl who appears to be in her late teens came from Nyanzale, a town that is a six-hour drive away, where CARE is soon to set up operations for a large project providing primary health care, livelihoods activities, and support for survivors of sexual violence.

The girl from Nyanzale left her town 8 weeks ago, and spent one month in the forest, trying to find day-work to sustain her until she could make it to Goma. She is alone, and does not know where her family is. She has not met a single person from her home town of Nyanzale since arriving in Goma. The gaps in this story are enormous and I imagine by the few facts I have heard, that what is not being said is devastating. In the DR Congo, a woman alone is a target – for abuse, for exploitation, for rape. How did this young girl survive a month on her own, walking through an area filled with armed groups, alone with no family and friends to protect or help her? What is she doing now in Goma to make ends meet? What does she need, aside from the distributions that we are providing to cope with this situation?

It is these invisible needs that are so hard to respond to but so critical to support the physical and mental well-being of those affected by war. Luckily, in the church that CARE visited, some women were willing to give words to what often remains unsaid. They wanted to speak about the women who have been raped, and the others who have been exploited and abused. One woman asks what we can do and I try to see if they know where to go for medical or psychosocial assistance. No one does. Of course they don’t, they just arrived and have no idea how to navigate the services available to them.

That is why CARE is developing a referral system to make sure that all the survivors of rape know where to go to get help, and are able to access those services by providing transport or assistance. Information in this case is empowering. It gives women who have experienced something that has completely violated all their rights the power to decide how to deal with their situation.

CARE’s role is to make it easier for women to access the information and services they need, and give at least some power back to women who have experienced more horror than one can imagine. It requires us to work together with partners and members of the community in order to provide the rapid response needed to ensure that women have timely options to deal with their medical, psychological, and economic needs. It also requires us to work with communities to raise awareness about gender-based violence and to create a protective environment in which women feel able to come forward to seek help.

Most importantly, it validates once again how desperately women need access to these services and that responding to violence against women is a priority during emergencies – just as important as distributing the blankets that will keep them warm, the food that will sustain them, and the shelter that will protect them from the cold Goma nights.

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