Haiti: In welchem Film sind wir?

Als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation kennt man das aus seinem privaten Umfeld: Viele Dinge, die zu unserem Berufsalltag gehören, sind für Außenstehende häufig schwierig nachzuvollziehen. Es gibt jede Menge Vorstellungen von der Arbeit in armen Weltregionen und humanitären Krisen, aber die Wirklichkeit ist manchmal schwierig zu beschreiben. Nun sind wir mit der Schauspielerin Judith Hoersch in Haiti unterwegs, und sie berichtet Ähnliches von ihrem Berufszweig. Wer weiß schon genau, wie ein Casting funktioniert oder welche Schauspielmethoden es gibt?

Zuhören, hinschauen, lernen: Judith Hoersch in Léogâne, Haiti. (Foto: CARE/ Sabine Wilke)

In dieser kurzen dreh- und probefreien Woche stürzt sich Judith nun in unseren Alltag der humanitären Hilfe und wagt den Perspektivwechsel. Sie ist zum ersten Mal in Haiti, beschäftigt sich aber bereits seit dem Erdbeben 2010 mit dem Land in der Karibik. Wir haben schon in Deutschland das eine oder andere Mal „theoretisch“ über die Arbeit von CARE gesprochen, aber es ist natürlich etwas ganz anderes, die Realitäten vor Ort mit eigenen Augen zu sehen und mit den Menschen zu sprechen. Worin liegt der Unterschied zwischen Nothilfe und langfristigem Wiederaufbau? Wie genau funktioniert ein Eltern-Lehrer-Komitee an einer Schule? Was muss man beim Bau einer Toilette beachten? Judith bekommt auf ihre Fragen Antworten von unserem größtenteils haitianischen CARE-Team, und ich beobachte mit Freude, wie engagiert unsere Ingenieure, Bildungsexperten, Projektmanager und natürlich auch die Gemeindefreiwilligen von ihrer Arbeit erzählen.

Eine Fremdsprache für die Schauspielerin…

Für uns Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sind viele Dinge Alltag, die man in der Kommunikation immer wieder „übersetzen“ muss. Das fängt schon mit der Sprache an: Als wir in einer Schule erklärt bekommen, wie die Toiletten konstruiert werden, redet ein Kollege automatisch von WASH-Aktivitäten. Für unsere Besucher natürlich ein Fremdwort: Es steht für Water, Sanitation and Hygiene – also alle Aktivitäten rund um Wasser, sanitäre Einrichtungen und Hygieneverhalten.

Fotografenblick über Port-au-Prince: Fotos sagen mehr als tausend Worte, aber die Arbeit von Hilfsorganisationen muss doch häufig für Nichtkenner sprachlich „übersetzt“ werden. (Foto: CARE/ Frédéric Haupert)

Judith beobachtet und fragt, notiert und fotografiert. „Stimmt, ihr müsst ja erstmal herausfinden, was die Leute eigentlich brauchen.“ Eine gute Übersetzung für unseren NGO-Sprech, da heißt die Prüfung des Hilfsbedarfs ‚assessment’. „Und warum haben nicht mehr Familien ein Übergangshaus bekommen?“, fragt Judith. Schon sind wir mitten drin in der Problematik des Übergangs von der Nothilfe zum Wiederaufbau. Die Übergangshäuser aus Holz, Wellblechdach und Plastikplanen als Wände wurden schnell errichtet, um möglichst vielen Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Das ist aber keine langfristige Lösung. Langfristigkeit bedeutet in Haiti, wo das Erdbeben so viel Zerstörung gebracht hat, vor allem den Wiederaufbau der beschädigten Häuser. CARE trainiert Handwerker und Hausbesitzer, damit sie das richtige Material aussuchen und eine solidere Bauweise wählen. „Sind die denn dann auch erdbebensicher?“, hakt Judith nach. „Erdbebenresistent, darum bemühen wir uns“, erklärt der CARE-Bauingenieur. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es in Haiti nicht geben können, dafür ist das Land zu anfällig für Erdbeben und die jetzt noch stehenden Gebäude nicht solide genug. Aber im Falle eines nächsten Erdbebens sollten mit den durchgeführten Reparaturen wesentlich weniger Menschen sterben müssen als im Januar 2010.

Aus ihren Notizen und Videos wird Judith Hoersch ihre Sicht auf Haiti zusammenstellen, das gibt es dann bald auf der CARE-Webseite und anderswo zum Anschauen. Bis dahin ordnet sie ihre Eindrücke von der Reise und schaut zurück auf diesen für sie gänzlich neuen „Film“ namens Haiti.

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