Irgendwas mit Medien!?

Ach, diese Presseleute in den Hilfsorganisationen. Schön reden, ein paar Fotos machen, blabla eben. Braucht man in Haiti als Hilfsorganisation wirklich jemanden, der sich nur um Medien und Kommunikation kümmert? Leider fehlen in Hilfsorganisationen für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit häufig die Ressourcen, manchmal auch das Verständnis. Natürlich ist eine gute Arbeit vor Ort die beste Werbung für CARE und sollte für sich alleine sprechen. Aber es geht in der Kommunikation eben nicht nur um Werbung: Humanitäre Hilfe ist komplex und bedarf auch der Mitarbeit der Bevölkerung, die ihren Teil zum Erfolg beiträgt. Wir müssen also –genau! – reden.

Nach Katastrophen ist es wichtig, dass Hilfsorganisationen wie CARE einen Dialog mit der Öffentlichkeit führen. (Foto: CARE/Wilke)

Bei aller Koordination, Planung und dem hohen Arbeitspensum, eine Sache kommt im Alltag in Haiti leider oft zu kurz: Der Dialog mit der Öffentlichkeit, mit den Menschen, denen unsere Arbeit zugute kommt. Jede Evaluation über die Nothilfe nach dem Erdbeben endet mit der Empfehlung, die Arbeit von Hilfsorganisationen besser und deutlicher gegenüber der Bevölkerung zu kommunizieren. Die Menschen wollen (und sollten!) wissen, welche Organisation wo arbeitet, warum bestimmte Materialien für die Übergangshäuser gewählt wurden, was im Haushalt gegen Cholera schützt und wann die nächste Impfkampagne stattfindet. Und sie informieren sich, ob durch die Zeitung, das Radio oder im Gespräch mit den Nachbarn.

CARE hat rund vier Wochen nach dem Erdbeben eine Mitarbeiterin für Kommunikation eingestellt. Mildrède ist ehemalige Journalistin und kennt das Metier und die Anforderungen an gute Kommunikation. Und genau das ist ihre Stärke: Sie weiß, welche Fragen gestellt und welche Informationen erwartet werden. Sie kennt den Zeitdruck und den Blickwinkel eines Journalisten. Und sie weiß auch, dass viele ihrer ehemaligen Kollegen seit dem 12. Januar 2010 einen noch schwereren Stand haben – kaum Bezahlung, die Ausrüstung zerstört, der Druck groß. Mildrède hat im letzten Jahr schon einige Feuertaufen überstanden, wie etwa die Richtigstellung von Gerüchten über CARE mit Hilfe einer einstündigen Live-Sendung im Radio, bei der die Zuhörer anrufen und sie befragen konnten. Dazu unzählige Journalistenbesuche in den Projekten. Und die Überzeugungsarbeit von Kollegen, dass ein Interview eben doch ein bisschen Vorbereitung braucht, und dass genau das ihr Metier, ihre Expertise ist.

Pressekonferenz à la haitienne

 

Montag, 31. Januar, Léogâne. Die Stadt, in der CARE seit dem Erdbeben arbeitet und viele Projekte im Bereich Gesundheit, Bildung, Wasser und Unterkünfte umsetzt. CARE lädt zu einer Bilanz-Pressekonferenz in eine Schule ein, für die unser Bildungs-Team an den anderen Tagen der Woche eine Lehrerfortbildung organisiert. Der Raum ist nicht überdacht, die Tische und Bänke winzig. Eine weiße Decke liegt über dem Beistelltisch, auf dem ein paar Snacks und Getränke aufgebaut sind. Goldene Journalistenregel wie überall auf der Welt: Hunger und Durst der gestressten Redakteure stillen, das hebt die Stimmung bei Sender und Empfänger. Und auch ansonsten läuft es eigentlich genauso wie bei Pressekonferenzen, die ich bisher für CARE Deutschland begleitet habe. Ob in Bonn oder Berlin oder eben in Léogâne, Haiti: Kommen die Redner von CARE pünktlich? Ist der Raum vorbereitet? Sind die Pressemappen vollständig? Fünf Minuten vor Beginn: Oh weia, erst drei Journalisten da?

„CARE hat fantastische Träger des Wortes in Haiti.“ (Foto:CARE/Wilke)

In Léogâne warten wir einfach noch eine gute halbe Stunde, schließlich rufen die bereits anwesenden Journalisten ihre Kollegen an, um zu hören, wie weit sie noch entfernt sind und ob man hier schon mal anfangen könne. Das Milieu ist übersichtlich hier, man kennt sich. Es sind übrigens ausschließlich Männer. Die vier CARE-Kollegen der verschiedenen Projekte berichten über das letzte Jahr. Einige sind sichtlich nervös, aber das Medientraining letzte Woche hat geholfen. Keine zu technischen, umständlichen Begriffe, klare Sprache, konkrete Beispiele. Die Fragen der Journalisten sind kritisch, aber fair. Wie viel Geld wurde in Léogâne ausgegeben? Wo arbeitet CARE genau? Wie lange werden die Camps noch versorgt? Aber eben auch das: Warum unterstützt CARE keine Journalisten, die auch alles verloren haben? Mildrède antwortet souverän, offen und kompetent. Sie hat sich das Einmaleins von CARE angeeignet und hält dem Druck stand. Und sie hat darauf bestanden, dass eine der Podiumsteilnehmer eine weibliche CARE-Kollegin ist. In meinem Kopf jubelt es leise „Girl Power!“.

CAREs wertvolle Träger der Worte

 

Ich bin für insgesamt sechs Monate in Haiti, um die Medienarbeit von CARE Haiti zu unterstützen. Zunächst in Vorbereitung für den Jahrestag, den wir jetzt hinter uns gebracht haben. Und nun ist es meine Aufgabe, Mildrède richtig „fit“ zu machen für die Zeit, wenn sie hier alleine die Verantwortung haben wird. Was muss im Katastrophenfall direkt kommuniziert werden? Wie können unsere Standard-Produkte wie Flyer, Broschüren und Pressemitteilungen aussehen? Dann das Projekt einer eigenen CARE Haiti-Website. Und wie speichern und sortieren wir am besten unsere Fotos und Filme? An all diesen Dingen arbeiten wir in den kommenden Wochen und Monaten.

Im Französischen heißt Pressesprecher „Porte-Parole“, also buchstäblich „Träger des Wortes“. Während ich auf der kleinen Bank im Klassenzimmer in Léogâne sitze und meine Knie als Erinnerung an meine eigene Grundschulzeit schmerzhaft gegen die Tischkante stoßen, blicke ich auf Mildrède und die anderen Kollegen. CARE hat fantastische Träger des Wortes in Haiti. Und das ist jetzt wirklich mal kein Blabla.

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