„Ist Gleichberechtigung wirklich Luxus?”

Von Aleksandra Godziejewska

Stell dir eine Stadt vor, die gerade erst Ziel mehrerer Luftangriffe wurde. In manchen Stadtteilen ist der Großteil der Häuser zerstört, viele Menschen wurden getötet. Manche konnten fliehen und harren nun in leerstehenden Häusern aus. Einige sind in ihre teilweise zerstörten Häuser zurückgekehrt, doch das Risiko in den Trümmern auf explodierende Sprengsätze zu treffen, ist hoch. Die Häuser sind von der Wasser- und Abwasserversorgung getrennt – die Leitungen wurden durch Bomben zerstört. Das Krankenhaus der Stadt kann keine Patienten mehr aufnehmen; seine Betten sind mit den tausenden von Menschen belegt, die während der Angriffe verletzt wurden und dringend medizinische Versorgung benötigen.

Nach so einem Angriff kommen wir, humanitäre Organisationen wie CARE, mit guten Absichten und voller Tatendrang, um die Situation für Betroffene zu verbessern. Wir stehen unter hohem Druck. Wir müssen schnell handeln, um so früh wie möglich Lebensmittel, Wasser und eine medizinische Versorgung bereitstellen zu können und den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. In so einer Situation wird oft gedacht: „Jetzt ist keine Zeit, ‚Gender‘ zu berücksichtigen und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern einzugehen. Die wichtigen Dinge zuerst!“

Aleksandra Godziejewska hält bei dem Event "Vergiss Gender - wir retten hier Leben" einen Vortrag.

Aleksandra Godziejewska ist der festen Überzeugung: „Wir können es uns nicht länger leisten, die Unterstützung von Frauen in Krisensituationen als Luxus zu betrachten!“ (Foto: Mia Veigel/CARE)

Denken wir dieses fiktive, aber realistische, Szenario weiter: Die Nothilfe startet. Ein paar Monate später kommt das Feedback zu den Verteilungen und Maßnahmen, die stattfanden, aufgeschlüsselt nach genderspezifischen Aspekten. Es wurden 50.000 Lebensmittelpakete verteilt, aber 80 Prozent der Pakete wurden an Männer ausgehändigt. Haben Frauen überhaupt genug zu essen erhalten? Es wurden Duschen und Toiletten in den betroffenen Gebieten gebaut, doch dabei wurde vergessen, die Menschen zu fragen, wo sie aufgestellt werden sollen. Einige Frauen berichteten, dass sie sich auf dem Weg zu sanitären Anlagen nicht sicher fühlten, vor allem in der Dunkelheit. An über 35.000 Menschen wurden Supermarkt-Gutscheine verteilt, doch Frauen erzählten, dass sie an den Ausgabestellen um „Gefallen“ gebeten wurden. Zusätzlich wurden Flyer ausgeteilt und Trainings organisiert, um das Bewusstsein für die Gefahr von Blindgängern zu erhöhen – die Männer nahmen an diesen Trainings teil, während Frauen davon ausgeschlossen waren, weil sie auf ihre Kinder aufpassen mussten. Als Folge stellte sich heraus, dass wesentlich mehr Frauen und Mädchen Verletzungen durch Blindgänger erlitten.

In Krisen oder nach einer Katastrophe können viele Dinge schief gehen – trotz guten Willens und obwohl bereits viele Hilfsmaßnahmen durchführt werden.

Laraba ist Überlebende von sexueller Gewalt.

Frauen und Mädchen sind in Krisen besonders gefährdet. Soziale Normen, Geschlechterrollen sowie der oft begrenzte Zugang zu Ressourcen und Bildung haben negative Auswirkungen auf ihre Chancen, eine Krise zu überleben. (Foto: Josh Estey/CARE)

Hätte es gleich zu Beginn eine schnelle Analyse zu genderspezifischen Bedürfnissen gegeben, hätten die Ergebnisse in die Hilfsmaßnahmen integriert werden können und der Schutz der Frauen hätte sichergestellt werden können. Es hätten die gleichen Toiletten und Duschen gebaut werden können – nur an Plätzen, an denen sich die Frauen sicher fühlen und deren Wege im Dunkeln mit Licht ausgeleuchtet wären. Frauen hätten dazu ermutigt werden können, die Lebensmittelpakete selbst abzuholen. Studien aus unterschiedlichen Krisen- und Konfliktgebieten zeigen, dass Frauen mehr auf die Bedürfnisse des gesamten Haushaltes achten und Lebensmittel und Güter gerechter zwischen den Familienmitgliedern aufteilen. Alles, was zu Beginn der Nothilfe getan wird, hat einen langfristen Einfluss auf die Menschen vor Ort.

Sankarie Fofana hält ihr Kind auf dem Arm.

Die Gleichstellung der Geschlechter und die Förderung von Frauen haben das Potenzial auf alle Bereiche des Lebens in Krisensituationen positiv Einfluss zu nehmen und können eine Brücke zwischen der Nothilfe und einer langfristen Entwicklungszusammenarbeit bilden. (Foto: Freccia/Learson/CARE)

Es gibt viele Beispiele für gute Vorgehensweisen, etwa gendersensible Teams und es ist definitiv wahrscheinlicher, dass eine Frau über sexuelle Gewalt eher mit einer anderen Frau spricht als mit einem Mann. In Griechenland traf eine weibliche Mitarbeiterin von CARE eine geflüchtete Frau, die mit ihrem Teenager-Sohn in einem Apartment mit einem nicht-verwandten Mann wohnte. Während des Treffens erzählte die Frau unserer Mitarbeiterin, dass sie allein mit ihr reden wolle. Schnell wurde klar, dass der Mann, damit sie im Apartment bleiben durfte, sexuelle Gefallen von ihr einforderte. Der Frau und ihrem Sohn wurde eine alternative Wohnmöglichkeit und psychologische Betreuung angeboten.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig ein unterstützendes Umfeld für Frauen ist, um diese Anliegen zu melden. Wir wissen, dass mindestens eine von fünf weiblichen Flüchtlingen und Binnenflüchtlingen sexualisierte Gewalt erlebt hat – eine Zahl, die wegen des Risikos der Meldung und sozialer Stigmatisierung in Wirklichkeit wohl noch viel höher liegt.

Ist es also wirklich Luxus Frauen und Mädchen gleichberechtigt zu behandeln, ihnen Möglichkeiten zum Überleben und für einen Neustart zu geben? Eine Frage, die wir uns vor der nächsten Krise oder Katastrophe dringend stellen müssen.

CARE-Studie zu Frauen und Mädchen in Krisen.

Mehr über die Arbeit von CARE für Frauen und Mädchen erfahren.

 

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