Japan: Gastfreundschaft in einem Container

Auf der Fahrt durch die vom Tsunami verwüstete Region kommen wir immer wieder an „Parkplätzen“ vorbei, auf denen hunderte von Autos aufgereiht stehen. Allerdings handelt es sich um lauter Wracks, wie sie bei uns nicht einmal auf einem landläufigen Schrottplatz zu sehen sind. Die Welle hat nicht nur alles Leben ausgelöscht, das ihr im Wege stand, sie hat auch die Autos durcheinander gewirbelt. Manchmal sind Häuser aus einem unerfindlichen Grund stehen geblieben. Wenn sie vier Stockwerke hoch oder höher waren, sind die drei unteren Stockwerke aufgerissen – das Grauen starrt uns wie aus zahnlosen Mäulern an. Ein CARE-Kollege erzählt, dass eine Grundschule mit fünf Stockwerken bis zum Dach unterspült wurde, zum Glück waren die Kinder schon evakuiert worden.

Frau Kikuchis gedeckter Tisch für die CARE-Helfer. (Foto: CARE/ Rottländer)

Frau Kikuchis gedeckter Tisch für die CARE-Helfer. (Foto: CARE/ Rottländer)

Erste Anlaufstelle für die Menschen waren die Evakuierungszentren in Schulen, Kultureinrichtungen oder Gemeindezentren, manche mussten wieder verlassen werden, als die Flut höher stieg. Frau Kikuchi, eine Überlebende, treffen wir in ihrer Notunterkunft. Der Container hat einen 40 cm breiten Eingangsbereich, wo man – wie in Japan üblich – die Schuhe auszieht und abstellt. Dann geht es auf Strümpfen durch die winzige Kochnische mit integrierter Naßzelle in den einzigen Raum. Unsere Gruppe von acht Personen passt kaum hinein, was aber vor allem an dem Tisch liegt, den Frau Kikuchi mit einem Mittagsmahl bedeckt hat, wie ich es noch nie gesehen habe. Sie will uns aus Dankbarkeit für die Hilfe durch CARE bewirten.

Fröhlichkeit vertreibt jede klamme Stimmung

Wir sitzen alle landestypisch auf dem Boden und staunen über die Gastfreundschaft. Frau Kikuchi kann ja nicht einfach in ein Geschäft gehen und einkaufen, denn hier gibt es weit und breit keinen Supermarkt, kein Lädchen, kein Büdchen. Zunächst wurden die Menschen durch die Armee und später durch Hilfsorganisationen versorgt. Auch CARE betrieb Suppenküchen, um den Menschen in dem eiskalten Klima eine warme Mahlzeit anzubieten. Das Militär hatte zunächst nur kalten gedämpften Reis verteilen können.

Frau Kikuchi ist CARE sehr dankbar für die Hilfe (Foto: CARE/ Rottländer)

Frau Kikuchi ist CARE sehr dankbar für die Hilfe (Foto: CARE/ Rottländer)

Frau Kikuchi ist glücklich, dass sie überlebt hat und dass ihr von CARE geholfen wurde. Als das Beben begann, hat sie ihr vorgepacktes Köfferchen für derartige Fälle herausgeholt und ihr Haus verlassen. Das sei so üblich, wenn die Beben stärker als gewöhnlich seien, sagt sie. Dann hält man sich in der Gegend an Plätzen auf, an denen einem der Himmel nicht auf den Kopf fallen kann. Frau Kikuchi hatte aber auch ihr kleines Radio dabei und hörte, dass ein sechs Meter hoher Tsunami angekündigt wurde. Da beeilte sie sich, höher gelegene Straßen zu erreichen. Von dort musste sie dann fassungslos zusehen, wie ihre Heimatstadt zerstört wurde.

Sie hält das kleine Radio in die Höhe und wir sitzen betroffen in diesem winzigen Raum, aber Frau Kikuchi vertreibt mit ihrer Fröhlichkeit jede klamme Stimmung. Sie sorgt sich vor allem darum, dass wir auch ordentlich essen. Das ist für die Europäer unter uns eine spannende Angelegenheit, denn zwei Drittel der angebotenen Speisen haben wir bisher weder gesehen, noch gekostet. Und somit wird das Mittagessen auch zu einem interkulturellen Ereignis. Ach so: gegessen wurde natürlich mit Stäbchen oder mit der Hand. Und obwohl sich Japaner in der Öffentlichkeit nicht anfassen, liegen wir uns beim Abschied in den Armen. Da staunte selbst die Nachbarschaft und lächelte fein.

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