Jemen: Jede Stunde stirbt ein Mensch an Cholera

Von Dr. Wolfgang Jamann, Generalsekretär CARE International

Meine letzte Reise in den Jemen lag zehn Jahre zurück. Zehn Jahre, das ist eine lange Zeit, in der sich viel verändern kann. Das musste ich voller Trauer feststellen, als ich vor kurzem in das einst so schöne Land im Nahen Osten zurückkehren durfte. Damals konnte man durch die Straßen der Hauptstadt Sana’a spazieren, sich in ein Café setzen oder die idyllische Landschaft bewundern. Heute herrscht ständig Angst vor Bombenangriffen und Schießereien.

Die Bevölkerung des Jemens ist gefangen in einem komplexen Netz aus konkurrierenden nationalen, regionalen und internationalen Interessen. Der vor zwei Jahren ausgebrochene Bürgerkrieg fordert hohe Opfer: Bereits tausende Menschen kamen ums Leben, geschätzte zwei Millionen Menschen sind im eigenen Land auf der Flucht.

Ein Mädchen mit rotem Kopftuch sitzt auf einem Stuhl und erhält eine Infusion.

Bushra Abdullah, 12 Jahre alt, wird im Aljomhuri-Krankenhaus in der Provinz Hajjah behandelt. Im Jemen gibt es über 400.000 Cholera-Verdachtsfälle.

Der Jemen war nie ein reiches Land, der aktuelle Konflikt aber macht das Überleben noch schwieriger: Nahrung und sauberes Wasser werden knapp, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. 60 Prozent der Bevölkerung haben zu wenig zu essen. Etwa die Hälfte der Jemeniten hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die am Boden liegende Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit führen dazu, dass 80 Prozent der Familien im Jemen verschuldet sind.

Wie in so vielen Krisen auf der Welt, trifft es auch im Jemen die Schwächsten am meisten: Immer mehr Kinder leiden Hunger oder werden krank. Ihre Familien können sich Nahrungsmittel und medizinische Versorgung nicht leisten. Ich habe die Provinz Hajjah im Nordwesten des Landes besucht. Dort steht die Bevölkerung wie in vielen anderen Regionen des Jemens am Rande einer Hungersnot. Während die Politik dieser humanitären Krise, die sich vor ihren Augen abspielt, tatenlos zusieht, stirbt im Jemen jede Stunde ein Mensch an Cholera. Die Krankheit verbreitet sich rasant: Es ist der schlimmste Cholera-Ausbruch, der je dokumentiert wurde. In den letzten drei Monaten wurden mehr als 400.000 Verdachtsfälle und fast 2.000 Todesfälle gezählt.

Akut muss humanitäre Hilfe geleistet werden, aber wir dürfen es nicht bei einmaligen Verteilungen belassen. Die Gemeinden müssen bestärkt werden, sich in dieser schwierigen Situation mit dem wenigen, das sie haben, selbst zu versorgen. CARE arbeitet bereits seit 25 Jahren im Jemen, schafft Wasserversorgung und kümmert sich um die Belange von Frauen und Mädchen.

Die internationale Gebergemeinschaft muss nachlegen. Bei der Geberkonferenz in Genf im April dieses Jahres wurden internationale Hilfen zugesagt, doch  Immer noch fehlen 1,2 Milliarden US-Dollar.  Die deutsche Bundesregierung hat in ihrem Berliner Appell im Frühjahr darauf hingewiesen, dass die gesamte Staatengemeinschaft hier in der Verantwortung ist. Das ist richtig und gut. Und das Auswärtige Amt hat seine Hilfen aufgestockt. Insgesamt stellt Deutschland derzeit rund 125 Millionen Euro für den Jemen zur Verfügung, eine Vervierfachung gegenüber 2016. Die Arbeit von CARE wird dabei mit 2 Millionen Euro unterstützt.

Die Berichterstattung über den Jemen ist oft mit komplexen politischen Analysen der Region verbunden. Das mag viele Menschen überfordern. Vielleicht müssen wir deshalb eine einfachere Geschichte erzählen: die der Menschen, die tagtäglich unter den Folgen des Konflikts leiden.

Dass Menschen im Jemen im 21. Jahrhundert an Cholera sterben, an Hunger und an Durst, ist eine Schande für die Menschheit. Wie kann es sein, dass es ausreichend Waffen zu geben scheint, aber Ärzte und Lehrer bereits seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen? Die Menschen vor Ort haben mir eine klare Botschaft mitgegeben: Ihr Leid muss ein Ende haben.

Bitte unterstützen Sie die Nothilfe von CARE im Jemen und anderen Krisengebieten mit Ihrer Spende!

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