Jordanien: Ein halbes Jahr Azraq Camp

Syrische Flüchtlingskinder auf einer der langen Straßen im Flüchtlingscamp Azraq. (Foto: CARE)

Syrische Flüchtlingskinder auf einer der langen Straßen im Flüchtlingscamp Azraq. (Foto: CARE)

Von Marten Mylius, CARE-Projektmanager in Jordanien

Der Wind wehte stark. Ich begann zu zittern. Es schien, als ob die Wüste uns mit aller Kraft beweisen wollte, wie unwillkommen Gäste hier sind. „Schon nach halb fünf. Das verstehe ich nicht“, nuschelte der alte Mann in seine dampfende Kaffeetasse. Auf seiner gepflegten Uniform war das Logo einer privaten Sicherheitsfirma zu erkennen. Im Licht des Mondes erblickte ich die sanft geschwungenen Hügel mit ihrem Flickenteppich aus Gras, Büschen, Steinen und Staub. Weit und breit keine Häuser, Straßenlaternen oder Moscheen. Nicht mal ein Auto fährt. Jedenfalls nicht in der Nähe der Blechhäuser, die einmal zum größten Flüchtlingscamp der Welt werden könnten.

„Wahrscheinlich ist es einfach nur die Registrierung in Rabah Sarhan, die so lange dauert“, vermutete einer meiner Teamkollegen, die ich für die Nacht zusammengetrommelt hatte. Eine Art Vorfreude hielt uns auf Trab, obwohl wir schon über vier Stunden den Empfangsbereich für Flüchtlinge abgegangen waren. Meine Teamkollegen strahlten Zuversicht aus, dass das System und dessen Partner aktiv werden und diesen Ort in eine lebhafte, sicherere und würdevolle Umgebung verwandeln würden.

Nicht zum ersten Mal im Flüchtlingscamp

Es ist nicht das erste Mal, dass wir in einem Flüchtlingscamp arbeiten. Viele meiner Teamkollegen arbeiteten schon in Zaatari, einem anderen großen Camp in Jordanien. Aus Zaatari stammen Medienberichte, die einen Schatten auf die bevorstehende Eröffnung des Azraq-Camps warfen. Mir sind sie auch nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Werden wir wütenden Menschenmassen gegenüber stehen, die bereit sind bei der kleinsten Provokation Steine zu werfen? Müssen wir uns um das Team sorgen, welches in den letzten Monaten so aufwendig ausgebildet wurde und  darauf wartet „unseren syrischen Brüdern und Schwester“ zu helfen? Meine düsteren Gedanken wurden weggeweht. Jetzt realisiere ich, wie ansteckend der Optimismus meines Teams ist. Es ist keine Blindheit, wenn unsere Augen vor der Möglichkeit verschließen, dass etwas falsch gehen könnte. Es ist der Optimismus derer, die damit vertraut sind, wie in einem Bruchteil einer Sekunde Spannungen abgebaut werden können, die ohne große Beachtung unter der Oberfläche existieren. Ich habe realisiert, was syrischen Flüchtlingen Trost und Zuversicht gibt. Es ist die Art unseres Programms in Camp und die gegenseitige Zusicherung, dass alles anders sein wird in Azraq.

Es mag nicht fair sein, das Zaatari und Azraq-Camp miteinander zu vergleichen. Ersteres wurde inmitten einer furchtbaren, humanitären Katastrophe geschaffen. Jeden Tag kamen Tausende in Scharen nach Jordanien, auf der Suche nach Sicherheit und Hilfe. Innerhalb kürzester Zeit zählte das Camp 100.000 Bewohner. Also wurde die gesamte Energie darein gesteckt, die grundlegenden Bedürfnisse so schnell wie möglich zu decken. Das war eine außerordentliche logistische Leistung. Allerdings kostete sie Geld. Menschen brauchen mehr als Wasser, Essen und einen Platz zum Wohnen. Sie müssen etwas Sinnvolles tun und an Entscheidungen beteiligt werden.

Die Kapazitäten in Zaatari waren nicht unbegrenzt. Der Konflikt in Syrien zeigte keinerlei Anzeichen, dass er abklingen würde. Ganz im Gegenteil, Millionen wurden weiterhin innerhalb Syriens vertrieben. Je länger der Konflikt dauert, desto weniger kann die Situation bewältigt werden und desto schwieriger wird es für Menschen zu überleben. Das führt zu Druck in Nachbarländern, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Und das war der Punkt, an dem das Azraq-Camp ins Spiel kam. Wir hatten den Luxus, von den Erfahrungen zu lernen, die beim Aufbau des Zaatari Camps gemacht wurden, und zu sehen, was anders gemacht werden kann und muss.

Im Unterschied zum Zaatari Flüchtlingscamp gibt es in Azraq keine riesige Ansammlung von Unterkünften, sondern eine Nachbarschaft aus unterschiedlichen Dörfern. In der Mitte jedes Dorfes steht ein Gemeinschaftszentrum, das CARE mit der Unterstützung von UNHCR erbaut hat. Drumherum soll sich ein lebhaftes Gemeindeleben entwickeln, das mit der Unterstützung unserer Teams Trägheit, Informationsmangel und Fehlinformationen bekämpft.

Die Eröffnung von Azraq

Ich kann mich noch lebhaft an die Eröffnung des Camps Ende April erinnern, als wir alle zitternd in der Kälte standen. Es existierte bereits ein Gefühl, etwas erreicht zu haben, obwohl wir noch nicht einen einzigen Flüchtling aufgenommen hatten. Aber dieses Gefühl war nicht vollkommen fehl am Platz. Mehr als 12 Monate Arbeit waren bereits in die Vorbereitungen eingeflossen. Tausende Unterkünfte sind in ordentlichen Reihen und Blöcken errichtet worden. Auf den Hügeln stehen jetzt Wassertanks. Leitungen wurden verlegt und mehr als 100 km Asphaltstraße verlaufen jetzt in der Wüste im Nordosten Jordaniens. Selbst der Supermarkt wurde mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit während den letzten vier Wochen errichtet. Jetzt ragt dessen rotes Aushängeschild in der Ferne empor.

Als in den Morgenstunden des 28. April 2014 die Busse endlich die ersten Flüchtlinge zur Aufnahmestelle im Azraq Camp brachten, ging die Sonne gerade auf. Was auffällig war und sich seitdem nicht geändert hat, war die äußerst hohe Anzahl von Kindern, und vor allem extrem junger Kinder. Heute, sechs Monate nach der Eröffnung des Camps, sind mehr als die Hälfte der 14.000 Flüchtlinge im Camp Kinder. Sie sind fast vollständig all ihrer Sachen beraubt. Vielen von ihnen bleibt nur die Kleidung, die sie tragen.

Obwohl es vorerst nicht geplant war, hat CARE bereits Kleidung an syrische Flüchtlinge im Azraq-Camp verteilt. Bislang waren die Gemeindezentren recht erfolgreich diesen Auftrag auszufüllen und die meisten Probleme zu lösen. Es wird mit den anderen 20 Organisationen, die im Azraq-Camp arbeiten kooperiert. Auch Flüchtlinge werden miteinbezogen.. Unser Lob fällt nicht zu groß aus, wenn wir sagen, dass wir einen guten Anteil zum Erfolg der ersten sechs Monate des Azraq Camp geleistet haben.

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