Jordanien: Eine Kunstgalerie in der Wüste

Von Azraq nach Berlin: Maler aus Syrien sorgen mit ihrer Kunst für Abwechslung und Veränderung im Alltag von Geflüchteten. Ihre Werke werden nicht nur im Flüchtlingscamp Azraq bewundert, sondern auch von Besuchern des Roten Rathauses in Berlin.

Hisham und Samir Al Ghafari und Mohammed Ibrahim: Viele der Bilder in CAREs Showroom stammen von den drei Künstlern. Foto: CARE/Lina Tölle

Wer sind die Menschen hinter den Bildern?

Sie sehen aus wie Künstler aus dem Bilderbuch: Ihre Hosen und T-Shirts zieren unzählige Farbkleckse. Dass ihre Kleidung mal grau war, kann man kaum noch erahnen. Auch ihre Hände und Schuhe sind von der leuchtenden Farbe überzogen.

Als sie das dunkle Container-Büro, das als einziges in „Village 2“ im Camp klimatisiert ist, betreten, mischt sich der Geruch frischer Farbe unter den abgestandenen Zigarettenrauch. Samir und Hisam Al Ghafari und Mohammad Ibrahim kommen direkt von der Arbeit, aus dem Azraq- Showroom. Dort stellen sie die Kunstwerke aus, mit denen sie auch ihre Flucht aus Syrien verarbeiten oder sich ein Stück ihres syrischen Alltags zurückholen. Seit 2014 leben die drei im Flüchtlingscamp Azraq. Hier arbeiten sie an ihren Werken, die im Winter letzten Jahres bereits im Roten Rathaus in Berlin ausgestellt wurden.

Ihre Kunst hat mich heute in dieses Büro gebracht. Vor ein paar Monaten bewunderte ich die Gemälde im Roten Rathaus in Berlin, heute darf ich in der trockenen Wüste Jordaniens mit den Künstlern sprechen, die hinter den Bildern stecken.

Ich habe Fragen vorbereitet, aber die drei beginnen von sich aus zu erzählen. Mein Kollege Mohannad übersetzt aus dem Arabischen: „Dass unsere Bilder in Berlin gezeigt wurden, war eine große Überraschung für uns. Unsere Bilder, international ausgestellt? Das war ein Traum, der in Erfüllung ging“, erklärt Mohammed. „Viele Menschen haben ein ganz bestimmtes Bild von Geflüchteten, denken sie sind niedergeschlagen und resigniert. Wir als Künstler wollen zeigen, dass das nicht stimmt und dass viele Geflüchtete große Hoffnung haben.“

In den bunten Büros im Community Center durfte ich die Künstler treffen, deren Namen ich bisher nur aus dem Katalog der Ausstellung in Berlin kannte. Foto: CARE/Lina Tölle

Die Galerie im Community Center im Azraq Camp gibt es seit 2016. CARE stellt Materialien, wie Farbe oder Leinwand für die Künstler bereit und bietet damit die Möglichkeit, Kreativität zu entfalten und der eigenen Leidenschaft nachzugehen. Mit dem Azraq-Showroom schafft CARE einen Raum der Begegnung, hier wird nicht nur die Schaffenskraft der Künstler sichtbar gemacht, hier kommen Menschen zusammen, um sich die Bilder anzusehen und ins Gespräch zu kommen.

Die Anerkennung hat etwas ausgelöst

Dass einige dieser Werke in Berlin ausgestellt wurden hat etwas im Camp verändert, sowohl an der Einstellung zu Kunst als auch in der Gemeinschaft. Mohammad erzählt weiter: „Unsere Arbeit bricht mit Geschlechterrollen. Morgen stellen wir ein Projekt fertig, eine große Wand, die wir mit Kindern bemalt haben. Um das zu feiern, richten wir ein Fußballspiel aus, Mädchen gegen Jungs. Mädchen malen und sie spielen Fußball, gegen die Jungs – das hätten viele der Jungs nicht erwartet. Die Ausstellung hatte eine besondere Wirkung auf Frauen und Mädchen. Viele haben mit dem Malen angefangen oder sind wieder zum Malen zurückgekehrt. Sie nehmen sich dadurch jetzt mehr Zeit für sich und kümmern sich um ihre Bedürfnisse.“

Vater und Sohn: Hisham hat Samir sehr früh das Malen beigebracht, heute ist es ihre gemeinsame Leidenschaft. Foto: CARE/Lina Tölle

Samir hat bisher nur zugehört. Er sagt: „Die Ausstellung in Berlin hat definitiv mehr Frauen dazu motiviert, sich der Kunst zu widmen. Frauen, die malen, tun das für gewöhnlich weit nach Mitternacht. Wenn die Hausarbeit erledigt ist und die Kinder schlafen. Ihre Kunst sollte nur an Menschen gelangen, die das verstehen, die anerkennen, wie viel harte Arbeit in diese Bilder geflossen ist.“
Falls sie noch einmal die Möglichkeit bekommen, Bilder auszustellen, wollen sie, dass mindestens zehn Frauen teilnehmen. Von null auf zehn, das ist ihr Ziel.

Solche Worte, ohne dass eine weibliche Künstlerin anwesend ist. Ohne, dass ich sie auf das Thema Gender angesprochen hätte. Das Bewusstsein, dass Frauen und Mädchen von Krisen und Vertreibung am stärksten betroffen sind und die Selbstverpflichtung, dieser Ungleichheit entgegenzuwirken, prägt die Arbeit von CARE maßgeblich. Die Künstler beschreiben genau das: Frauen stecken in Vertreibungskontexten zurück, stellen die Bedürfnisse ihrer Familie voran. Doch Kunst überwindet diese traditionellen Rollen, lehrt sie, diese Rollen auch im Alltag zu hinterfragen und ein Vorbild für Töchter, Schwestern und Freundinnen zu sein. Die drei Künstler haben diese Erfahrung gemacht und unterstützen ihre Kolleginnen diesen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben.

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