Judith Hoersch: Manchmal muss man einfach nur fragen

Indira Bajramovic und Judith Hoersch in Tuzla, Bosnien und Herzegowina. (Foto: CARE/Andrea Diefenbach)

Indira Bajramovic und Judith Hoersch in Tuzla, Bosnien und Herzegowina. (Foto: CARE/Andrea Diefenbach)

Als Sabine Wilke, Pressesprecherin von CARE, mich letzten Winter anrief und fragte, ob ich Lust habe, gemeinsam mit CARE noch einmal auf Reisen zu gehen, war ich gleich dabei. Ob ich Lust habe mit nach Bosnien und Herzegowina zu fahren und deren Partnerorganisation „Better Future“ zu besuchen, die sich dort für die Rechte der Roma einsetzen? Aber natürlich!

Über Bosnien und Herzegowina kenne ich nur wenige, unschöne Fakten. Den Krieg, die politischen Auseinandersetzungen und die wenigen Bilder, die ich bei Google unter dem Stichwort Bosnien und Herzegowina finde. Bei der Recherche treffe ich auf so viele unterschiedliche Aussagen, dass ich am Ende verwirrter bin als vorher. Ich möchte mir mein eigenes Bild machen. Und so mache ich mich mit Vorfreude und Neugier auf diese Reise.

Sarajevo – erster Blick, erste Begegnungen

Bosniens Hauptstadt Sarajevo hat eine bezaubernde Altstadt. Sie ist überschaubar groß und es gibt viele Läden mit Wollsocken, Teegläsern und schönem Schmuck. Es riecht nach gebratenem Fleisch, und während wir eine Kleinigkeit essen, hallt des Muezzins Gebetsauforderung über die Stadt.

Nur ein paar Minuten Fußweg entfernt, liegt das CARE-Büro. Dort angekommen, bekommen wir eine erste Einführung in die Situation dieses Landes, in die Zusammenarbeit von CARE und der Partnerorganisation „Better Future“: Wo steht Bosnien? Wie ist die politische Situation? Was wird in den kommenden Tagen passieren? Wie ist die Situation der Roma in Bosnien? Was werden wir besichtigen? Wo geht es hin? Am Anfang stehen Fragen über Fragen.

Roma in Bosnien

In Bosnien herrscht große Arbeitslosigkeit. Es gibt verschiedene Statistiken dazu, aber es ist eine Zahl weit über 50 Prozent der Bevölkerung. In Bosnien und Herzegowina lebt die weltweit größte Roma-Community. Roma leiden überall auf der Welt unter Diskriminierung, so auch in Bosnien.  Es herrschen nach wie vor viele Vorurteile. So wie: Sie stehlen, sie sind faul und sie sind ungewaschen. Drei bestehende Vorurteile, denen ich auch auf meiner Reise begegne.

„Better Future“ ist die erste von einer Roma-Frau gegründete Organisation, die sich an Roma-Frauen (aber nicht nur an sie) richtet. Das Ziel von „Better Future“  ist es, gegen Diskriminierung anzugehen, das Bewusstsein der Frauen zu steigern, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind und Versorger einer Familie werden können. CARE fördert weiterführende Projekte und bietet Workshops an, die die Frauen ermutigen sollen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Die Zusammenarbeit von CARE und „Better Future“  muss man sich in etwa so vorstellen: „Better Future“  forscht und recherchiert ‚in the field’ – wie es in NGO-Sprache heißt und übersetzt so viel bedeutet wie direkt am Mann (an der Frau), vor Ort, mit den Menschen, hautnah, mittendrin. Wir als CARE, so erzählt Sumka, suchen nach Partnerorganisationen, die möglichst nah an den Menschen dran sind. Und „Better Future“  ist eine davon. Indira Bajramovic, Direktorin und Gründerin von „Better Future“, war überhaupt die erste Roma-Frau, die eine eigene Organisation für Roma und im Speziellen für Roma-Frauen gründete.  Morgen werde ich sie kennen lernen. In Tuzla befinden sich die meisten Roma-Siedlungen Bosniens. Dort werden wir morgen hinfahren und nicht nur Indira und ihr Team treffen, sondern auch Einblick in die einzelnen Projekte bekommen. Darauf freue ich mich.

Sympathie auf den ersten Blick! Indira Bajramovic und Judith Hoersch in Tuzla, Bosnien und Herzegowina. (Foto: CARE/Andrea Diefenbach)

Sympathie auf den ersten Blick! Indira Bajramovic und Judith Hoersch in Tuzla, Bosnien und Herzegowina. (Foto: CARE/Andrea Diefenbach)

Indira, „Better Future“ und die Lage

Schnell wird mir klar: Ich treffe hier nicht irgendeine Organisationsdirektorin, sondern eine Frau, die mit Herz und Seele bei der Sache ist und mit enormem Aufwand die Sache auf die Beine gestellt hat. Anfangs wurde sie nur belächelt. Indira ist eine kleine, agile Frau mit wachen Augen und einem Herz so groß wie ein Ozean. Nach kurzer Zeit werden wir warm miteinander und sie berichtet von ihren Anfängen.

Die Arbeit begann vor über 13 Jahren, erzählt mir Indira. Nach dem Krieg, waren nur Männer in NGOs anzutreffen. Sie war die erste Roma und überhaupt die erste Frau, die je in einer Hilfsorganisation arbeitete. Dort war sie Sekretärin, schrieb Berichte, aber an Entscheidungen durfte sie nicht teilhaben. Auch hatten die Männer keine wirklichen Vorstellungen von den Diskriminierungen, die Frauen erleben mussten. Sie fragte nach, ob sie eine eigene Sektion für Frauen gründen dürfte, die sie betreuen wolle, aber das wurde abgelehnt. Indira waren damals die Hände gebunden. Im Jahr 2000 traf sie eine Entscheidung: Sie gründete eine eigene Organisation und wurde vom Roma-Board als Präsidentin ausgewählt. „Better Future“  gibt es offiziell seit 2001. „Es war sehr schwierig zu Beginn”, erinnert sich Indira. Sie erhielt keine Unterstützung von männlichen Kollegen und die Vorurteile waren groß. Dann folgten nach und nach andere Frauen, die sich ebenfalls NGOs anschlossen oder aber selber Hilfsorganisationen gründeten. Daraus bildete sich das Netzwerk ‚Success Roma Women Network’.

Heute hat „Better Future“  18 Projekte zu den Themen Aufklärung, Menschenrechte, Gesundheit, Bildung, Wirtschaftsprogramme und Arbeit. Die meisten Roma-Frauen wissen nicht einmal, dass sie Rechte haben. Warum hat sie die Organisation eigentlich in Tuzla gegründet, möchte ich wissen? „Weil in Tuzla die größte Roma-Gemeinschaft lebt. Wir brauchten lange Zeit, bis wir klar gemacht hatten, dass wir für alle Romas arbeiten, nicht nur für die Frauen. Wir bei „Better Future“  richten uns an alle Mitglieder der Roma-Gemeinde. Wir konzentrieren uns dabei besonders auf die Frauen, weil sie die Familie in der Regel zusammen halten. Wenn wir die Frauen erreichen, profitiert davon die ganze Familie.“

Vertrauen zu gewinnen war also nicht von Anfang an gegeben. Besonders Roma-Männer waren eher dagegen, dass die Frauen an „Better Future“ -Programmen teilnehmen. Sie wollte schon öfter aufgeben, schildert Indira. Aber heute vertrauen ihr die Mitglieder, und die Projekte erfahren immer mehr Zuwachs. „Vertrauen ist überhaupt das Allerwichtigste“, betont Indira. Inzwischen arbeiten 15 sogenannte Fieldworker für „Better Future“. Viele von ihnen sind auch  Roma. Sie besuchen Roma-Familien, verteilen Materialien zu den Programmen, organisieren öffentliche Veranstaltungen, verteilen Kondome und halten Vorträge zur Prävention gegen HIV, Hepatitis und TBC. Das ist hier nämlich – neben den ökonomischen Problemen – ebenfalls ein großes Thema. Leider gibt es immer noch eine hohe Zahl von positiven HIV- und TBC-Fällen. Um die Situation wirklich verändern zu können braucht es Geduld und eine intensive Aufklärungsarbeit. „Die Menschen hier wissen nicht einmal, das TBC heilbar ist oder was eine Krankenversicherung ist,“ erklärt Indira. Deshalb laufen diese vorbeugenden Maßnahmen und verschiedenen Programme über viele Jahre bis das Wissen in den Köpfen verwurzelt ist.

Indira und ihr Team wissen: „Wir machen kleine aber stete Fortschritte, wir haben immer noch einen weiten Weg vor uns. Man muss halt auch geduldig sein. Ich habe noch viel vor. Wir sind diejenigen, die was ändern können, und ich werde niemals aufgeben.“ Und während sie das sagt, sehe ich in dieser kleinen Frau die große Kämpferin und ihr Herz, so groß wie ein Ozean. Indira spricht nicht gerne über sich, über das, was sie leistet. Sie möchte ein Vorbild sein, an dem die anderen wachsen können, und sie ist sehr dankbar und glücklich für die Unterstützung von CARE.

Zu Besuch bei Roma-Familien, die von CARE und “Better Future” unterstützt werden: Indira Bajramovic und Judith Hoersch in Tuzla, Bosnien und Herzegowina. (Foto: CARE/Andrea Diefenbach)

Zu Besuch bei Roma-Familien, die von CARE und “Better Future” unterstützt werden: Indira Bajramovic und Judith Hoersch in Tuzla, Bosnien und Herzegowina. (Foto: CARE/Andrea Diefenbach)

Die Beneficiaries

Noch am selben Tag wird es sehr lebendig im Büro. Einige der sogenannte Beneficiaries  sind gekommen, um ihre privaten Geschichten mit uns zu teilen.

Draženka Kostić ist 38 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und hatte vor dem Krieg als Friseurin in einem Salon gearbeitet. Ihr Mann war in der IT-Branche tätig. Seit dem Krieg sind beide arbeitslos. Ein bisschen Geld zum Leben verdienen sie, wie viele andere auch, durch das ‚Recycling’. Recycling heißt in dem Fall, dass sie Plastikflaschen sammeln und diese dann verkaufen. „Mein Mann war Volunteer bei „Better Future“  und hat mich mit der Organisation bekannt gemacht. Mittlerweile sind wir seit drei Jahren dabei.” Draženka ist so dankbar über all die Programme und auch ihr Mann ist glücklich über die Unterstützung. Draženka hat nun eine Krankenversicherung für die drei Kinder und sich. Vorher hatten sie keinerlei medizinische Versorgung. Für sie eine große Verbesserung. Um hier zum Arzt zu gehen, braucht man gültige ‚Marken’. Eine ‚Marke’ kostet pro Jahr und Person zehn Euro, dafür war einfach nie Geld da und auch nicht das Wissen darüber, dass sie ihnen gesetzlich zusteht.

Ob sie Diskriminierung von anderen Bosniern erfahren, will ich wissen. Die Frauen am Tisch lachen zusammen und fast unisono beten sie die bestehenden Vorurteile runter: „Lazy, thiefs, stink.“ Schön, dass sie zumindest darüber lachen können, denke ich. Auch die Kinder in der Schule erfahren diese Ausgrenzung. Das geht soweit, dass manche Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen wollen.

Besuch bei Familien

Ich freue mich, dass ich nicht nur vom Leben der Romas erfahre, sondern jetzt auch sehen kann, wie sie leben und was es mit den Projekten genau auf sich hat. Sobald wir in die Roma-Siedlungen einfahren, wird Indira wie eine Art Popstar gefeiert. Händeschütteln, Umarmungen kurze Gespräche. Indira kennt alle. Alle kennen Indira.

Die erste Familie, die wir besuchen, haben vor einigen Jahren Schafe von „Better Future“  bezogen. Sie fingen mit ein paar wenigen Tieren an und haben mittlerweile eine ganze Herde. Ifeta Mumimović lebt zusammen mit ihren beiden Töchtern, einer Enkeltochter und ihrem Mann. Gemeinsam unterhalten sie mittlerweile ihren kleinen Viehbetrieb. Sie haben sehr gut gewirtschaftet und aus den Erträgen zwei weitere Kühe gekauft. Die ganze Familie kann nun davon leben und beteiligt sich an der Arbeit.

Mirsada Halivović und ihre Familie sind die nächsten, die wir besuchen. Als ich eintreffe, steht sie mit ihrem Mann Medim im Stall und füttert das junge Kalb. Auch die zweite Kuh ist schon wieder trächtig, sagt sie voller Stolz. „Eine Kuh kostet 1500 Euro”, erzählt Indira. „Wir sind sehr glücklich zu sehen, dass dieses Projekt so tolle Früchte trägt. Es ist ja auch immer ein Experiment. Wir geben den Frauen alles an die Hand, was sie daraus machen, liegt dann bei ihnen.“  Zum Kaffee bekommen wir frische Kuhmilch und Mirsada erzählt davon, dass sie Milch und Käse auf dem Markt verkauft. Die Einkünfte sind inzwischen so gut, dass sie sogar ihr Haus weiterbauen konnten und ihr Mann nicht mehr in der Mine arbeiten muss.

Der letzte Besuch für heute führt uns zu Draženka Kostić. Im Vorgarten des Hauses türmt sich ein großer Haufen an Plastikflaschen. Draženka möchte wieder als Friseurin arbeiten. In der ganzen Region gibt es keinen Friseur. Sie möchte Hausbesuche machen und könnte damit auch die Familie ernähren. Das Problem ist bloß, dass nicht einmal Geld für das nötige Equipment da ist. Ob es ihr helfen würde eine komplette erste Friseurausstattung zu bekommen, möchte ich wissen. „Aber natürlich.“ Ich versichere ihr, dass ich nach meiner Rückkehr meinen gesamten Freundeskreis und alle Friseure, die ich kenne, mobilisieren und ihr ein Paket nach Tuzla schicken werde mit Scheren, Kämen, Lockenwicklern, Föhn usw. Sie ist völlig überwältigt.

Gesagt, getan. Zurück in Deutschland kostet es mich nur wenige Mails und Anrufe und schon kommen paketweise Friseur-Artikel zu mir. Scheren, Umhänge, Bürsten, Pflegeprodukte, Lockenstäbe und vieles mehr. Mehr, als ich mir je erträumt hätte. Manchmal muss man einfach nur fragen und auch wenn es ‚nur’ einer Familie hilft, so ist eine Familie besser als keine Familie, denke ich. Am 8. April, wenn Indira ihren wohlverdienten Preis in Bonn bei der Verleihung des CARE-Partnerschaftspreises erhält, wird sie das große Paket mitnehmen, und ich hoffe sehr, dass Draženka und ihrer Familie damit geholfen ist.

Dies ist ein Auszug aus dem Blog der Schauspielerin und Sängerin Judith Hoersch, den vollständigen Reisebericht lesen Sie hier.

 

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