Kein –ling. Sondern ein Mensch.

Mani mit seinen Söhnen Mahmoud und Dani. Flüchtlinge. Aber vor allem: Menschen. (Foto: CARE/Lucy Beck)

Mani mit seinen Söhnen Mahmoud und Dani. Flüchtlinge. Aber vor allem: Menschen. (Foto: CARE/Lucy Beck)

Warum das Wort des Jahres gut gewählt ist – aber dennoch nicht reicht.

„Flüchtlinge“ ist das Wort des Jahres. So hat es heute die Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfdS) verkündet. Im letzten Jahr wurde diese Ehre dem Ausdruck „Lichtgrenze“ zuteil, 2013 wurde „GroKo“ gewählt. Das Wort des Jahres hat – so sagt es die GfdS selbst „das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines Jahres sprachlich in besonderer Weise bestimmt“. Insofern ist „Flüchtlinge“ eine gute Wahl.

Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wenn wir über Flüchtlinge sprechen. Sprache steuert unsere Wahrnehmung, Sprache ist Politik. Sprache verbindet uns, denn über sie schaffen wir Kontakt. Wir lernen, das Gegenüber zu verstehen und ordnen unsere Umwelt ein. Sprache sorgfältig und respektvoll zu nutzen, das ist gerade in Umbruchzeiten, wenn Neues auf eine Gesellschaft zukommt, von unschätzbarem Wert.

Hilfsorganisationen nutzen Worte, um der Öffentlichkeit die Lebenssituation von Menschen in anderen Ländern näher zu bringen. Um aufzurütteln und zum Engagement zu bewegen – ob nun durch Geld, Zeit oder einen Facebook-Post. CARE hat sich selbst Regeln gegeben, wie wir in Worten (und übrigens auch mit Bildern) kommunizieren. Wir sprechen etwa von Überlebenden, nicht von Opfern. Denn letzteres klingt passiv und wird dem Lebenswillen des Einzelnen nicht gerecht. Wir sagen nicht „Hütten“, wenn die Gebäude doch für die Menschen, die darin leben, ihre Häuser sind. All das hat mit Würde zu tun, und die ist bekanntlich unantastbar.

Aber wir diskutieren intern auch häufig und durchaus kontrovers, wie wir über Ereignisse sprechen und schreiben. Flüchtlingskrise? Ist das nicht zu negativ? Nein. Denn das ist sie schon seit nunmehr fast fünf Jahren, seit Ausbruch der Gewalt in Syrien. Weniger für uns hier in Deutschland, bei allen Herausforderungen. Sondern für die fast elf Millionen Menschen, die aus Syrien fliehen mussten oder im eigenen Land vertrieben sind. Krise muss man sagen, sonst beschönigt man das, was jedem einzelnen dieser elf Millionen Menschen widerfahren ist. Flüchtlingskind? Schon schwieriger. Sicher ist das ein Begriff, der direkt ins Herz trifft. Mir ist es aber lieber, von Kindern auf der Flucht zu sprechen. Denn Kinder sind zunächst einmal Kinder. Ihr Flüchtlingsstatus ist dabei ein Merkmal, aber nicht das einzige und hoffentlich nicht das, was ihr Leben für immer bestimmen wird.

Flüchtling. Die Endung –ling hat häufig etwas Abwertendes an sich, fühlt sich wie ein Fremdkörper an: Eindringling. Findling. Fremdling. Das muss nicht bedeuten, dass wir das Wort Flüchtling nicht mehr nutzen sollen. Es beschreibt den Zustand – auch den rechtlichen – eines Menschen, der seine Heimat verlassen hat. „Asylbewerber“ hört sich da noch bürokratischer an, zumal die Bewerbung auch immer einen Beiklang von Wettbewerb hat.

Ich finde, wir sollten die heutige Wahl zum Wort des Jahres zum Anlass nehmen, neue Begrifflichkeiten zu finden. Das Gespräch zu suchen. Uns selbst zu hinterfragen. Ich wünsche mir, dass in ein paar Jahren aus all den „Flüchtlingen“ in unserer aller Wahrnehmung etwas anderes geworden ist: Nachbarn. Mütter und Väter. Freunde. Kinder. Menschen, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Auch Menschen, die in ihre (hoffentlich dann friedliche) Heimat zurückgekehrt sind.

Vor zehn Jahren, 2005, wurde übrigens ein Ausdruck zum Wort des Jahres gewählt, der heute beinahe kurios anmutet in seiner damaligen Neuheit: Bundeskanzlerin. Man sieht: Wir schaffen das.

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