Kein Mensch rettet alleine die Welt

von Niki Clark aus Dadaab

Als ich meiner Familie und meinen Freunden erzählte, dass ich für sechs Wochen in Dadaab, dem weltweit größten Flüchtlingslager, arbeiten werde, wurde ich sofort mit Facebook-Nachrichten, Emails und Anrufen bombardiert. Alle lauteten ungefähr so: „Ich bin so stolz auf dich. Du wirst die Welt retten!“ oder „Du machst so einen Unterschied!“

Ein neu angekommenes Flüchtlingskind versucht das Kochgeschirr für seine Familie aufzuheben. (Foto: CARE/Clark)

Um ehrlich zu sein – und abgesehen davon, dass es übertrieben war – fühlte ich mich ein bisschen unbehaglich. Versteht mich nicht falsch, ich weiß die guten Wünsche und Gedanken meiner Lieben sehr zu schätzen. Aber alles, was ich bisher hier erreicht habe, ist nicht vergleichbar mit der Hingabe und Leidenschaft der übrigen CARE-Mitarbeiter hier. Und es scheint mir beinahe lächerlich, in die gleiche Kategorie wie meine Kollegen gesteckt zu werden,.

Am vergangenen Wochenende nahm ich an meiner ersten echten Dadaab-Feier teil – mit gegrillter Ziege  (wen es interessiert: ein echter Leckerbissen,). Wir feierten den Abschied des langjährigen CARE-Mitarbeiters Julius. Julius verlässt Dadaab nach 19 Jahren und wechselt zu CARE nach Nairobi. Neunzehn Jahre! Das entspricht 133 Jahren einer „normalen“ Laufbahn, denn ich bin überzeugt, dass Jahre in Dadaab wie bei Hunden gezählt werden sollten, mal sieben. Julius kam zu CARE, als etwa 35.000 Flüchtlinge in Dadaab lebten. Heute sind seitdem fast 400.000 Menschen dazugekommen.

19 Jahre lebte er hier, weit weg von seiner Familie. Er teilte meist sein Zimmer mit anderen, benutze einen Gemeinschaftswaschraum und –dusche. Platz ist hier nämlich Luxus, und wenn Mitarbeiter uns verlassen, tauschen die Leute ihre Räume, einige wechseln jede paar Wochen. Es gibt keine Wandbilder, keine persönlichen Erinnerungen. In  vielen Fällen sind die Mitarbeiter obdachlos wie die Neuankömmlinge. Sie sind Nomaden ohne ein Zuhause. Sie arbeiten stundenlang in einer gnadenlosen Kombination aus Hitze und Staub.

Ein Helfer verteilt Öl an die Flüchtlingen. 1.600 Helfer in Dadaab sind selbst Flüchtlinge. (Foto: CARE/Clark)

Ich bin sechs Wochen hier, und sogar in dieser relativ kurzen Zeit kenne ich Kummer und Heimweh. Ich ging davon aus, dass meine Kollegen in Dadaab ein einsames Leben führten, frei von den Verpflichtungen der Beziehungen. Bis ich Maureen traf, eine neue Mitarbeiterin, die nebenbei ihren dreijährigen Sohn und ihren Mann in Nairobi erwähnte. Oder einen anderen Kollegen, der erwähnte, dass er die Zeit mit seiner Frau, während seines nächsten Urlaubs, plante. Jeder hier hat eine Familie, ein Leben außerhalb von Dadaab. CARE-Mitarbeiter arbeiten acht Wochen und haben dann zwei Wochen frei. Manchmal werden die freien Tage aber gekürzt, weil es zu viel Arbeit und zu wenig Mitarbeiter gibt. Ich habe bis jetzt keine Beschwerden gehört. Ich habe bis jetzt kein Stirnrunzeln gesehen. Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das sagt: „ Ich frage nicht nach einer leichteren Bürde, sondern nach breiteren Schultern.“ CARE-Mitarbeiter in Dadaab sind in dieser Hinsicht wahre Champions.

Zusätzlich zu den schwierigen Lebens- sind auch die Arbeitsverhältnisse schwer. Stellen Sie sich vor, über  430,000 Menschen zu ernähren. Sauberes Wasser bereitzustellen. Sie auszubilden. Sie zu schützen. Viele Flüchtlinge, die den weiten Weg von Somalia gemacht haben, haben unvorstellbare Gewalt und Verlust erlebt. Jede Geschichte und jedes erlebte Entsetzten übersteigt das zuvor gehörte. CAREs zuständige Betreuer haben die gewaltige Aufgabe, den Überlebenden beim Start ihres neuen Lebens zu helfen. Tag für Tag für Tag.

Kein Mensch rettet alleine die Welt. Aber hier in Dadaab lebe und arbeitet ich mit einer Menge Leute, die ihren Teil dazu beitragen.

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