Kein Vor und kein Zurück: Das Leid der Flüchtlinge in Serbien

Von Katharina Katzer, Kommunikation CARE Österreich, aus Serbien

Ein kleines Mädchen, offensichtlich nicht schüchtern, kommt auf mich zu. Stolz zeigt es mir seine Schätze: einen Nagellack und einen Labello. Mit Gesten besteht sie darauf, meine Fingernägel zu lackieren. Ich willige ein, ihre kindliche Freude ist ansteckend. Mit konzentriertem Gesicht macht sie sich ans Werk.

Wir sind in Principovac, nur 20 Meter von der kroatischen Grenze entfernt. Principovac beherbergt eines von vielen Flüchtlingscamps in Serbien. Rund 400 Menschen leben hier, geflüchtet aus dem Irak, aus Pakistan, aus Afghanistan oder aus Syrien. Frauen, Kinder, Männer begegnen uns, Familien, aber auch  Alleinstehende. Sie alle sind als Flüchtlinge in Serbien registriert. Was sie bei allen Unterschieden in Bezug auf Herkunft und Fluchtmotiv eint: Die

Hoffnung, hier nur auf kurzer Zwischenstation zu sein. Die meisten haben ihr gesamtes Vermögen – oder das der zuhause gebliebenen Verwandten – investiert, um es in die Europäische Union zu schaffen. Um es in ein besseres Leben zu schaffen. Doch in Serbien gibt es kein Weiterkommen, die Grenzen sind geschlossen. Daran glauben will hier noch niemand so recht. Zu groß waren die Anstrengungen hierherzukommen, um sich jetzt einzugestehen, dass das womöglich vergebens war.

Essensausgabe im Flüchtlingscamp Adasevci (Foto: CARE)

Die Lebensbedingungen für die Menschen in den Camps sind schlecht. Manche Familien leben in großen Zelten mit 70 anderen Personen. An Privatsphäre oder eine Rückzugsmöglichkeit ist hier nicht einmal zu denken: Decken, die entlang der Stockbetten aufgehängt werden, sind die einzige Möglichkeit, sich abzugrenzen. Die Außentemperaturen von mehreren Minusgraden machen sich auch im Inneren stark bemerkbar. Dennoch haben nicht alle wintertaugliche Kleidung oder Schuhe, immer wieder begegnen uns Menschen in offenen Plastikschuhen.

Zu Gast im „Hotel Berlin“

Die Camps sind überfüllt: In Sjenica im Süden Serbiens besuchen wir das „Hotel Berlin“. Das ist ein ehemaliges Hotel, das zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. Die Kapazität der Räumlichkeiten beträgt 250 Personen, tatsächlich sind es 450, die hier leben. Es ist eng und laut. Für 450 Menschen gibt es eine einzige Waschmaschine und ein paar wenige Duschen.

Eng und laut, keine Privatsphäre: Das Flüchtlingscamp in Sjenica (Foto: CARE)

Ingesamt halten sich derzeit rund 7300 Flüchtlinge in Serbien auf. Etwa 1000 davon möchten nicht in einem Camp leben: Sie fristen hinter dem Belgrader Hauptbahnhof in großen, aufgelassenen Lagerhallen ein unwürdiges Dasein. Als wir ankommen, abends, sitzen Männer in Gruppen um Feuerstellen, sie verheizen Teile alter, geölter Bahntrassen, Plastik, alte Möbel. Der Geruch ist stechend und nicht auszuhalten. Die ganze Halle ist von Rauchschwaden erfüllt, Personen kann man nur aus nächster Nähe sehen. Es ist ruhig, beinahe gespenstisch, und eiskalt. Immer wieder die Frage an uns, woher wir kommen. „Ah Österreich, ein gutes Land“, lautet meist die Antwort. Wir treffen Tahir (Name geändert). Seine Familie in Afghanistan hat ihr Haus verkauft, um ihm die Reise nach Europa zu ermöglichen. In ihn setzte sie ihre ganzen Hoffnungen und ihr ganzes Geld. Kaum nachzuvollziehen, welcher Druck auf ihm lastet.

Serbien verlangt von den Belgrader Flüchtlingen, in Camps zu gehen, wo sie zumindest eine Grundversorgung haben. Doch sie lehnen das ab, zu groß ist die Furcht vor einer Abschiebung. Die meisten hier werden wohl mit einem Schlepper versuchen, über die ungarische Grenze zu kommen. Derzeit erhalten sie einmal täglich ein warmes Essen und können sich im nahe gelegenen Flüchtlingszentrum aufwärmen, medizinische Hilfe in Anspruch nehmen und sich waschen.

Ein Flüchtling geht mit hochgezogenen Schultern durch den Schnee.

Flüchtlinge leiden unter den kalten Temperaturen. (Foto: CARE)

Der einzige Besitz, den die Flüchtlinge hier noch haben, ist die Hoffnung, dass Serbien nicht das Ende ihrer langen Reise ist. An diese Hoffnung werden sie sich festklammern, so lange es irgendwie möglich ist. Die einzigen, die sich auch diesmal angesichts des Profits, der aus diesem Leid geschlagen wird, die Hände reiben, sind die Schlepper.

CARE in Serbien: CARE hat entlang der Balkanroute seit 2015 über 180.000 Menschen geholfen. Insgesamt hat CARE mit seinen Partnerorganisationen 130.000 Lebensmittelpakete und warme Mahlzeiten verteilt, 4.200 Hygiene-Pakete, 38.000 Hilfsgüter wie Decken und Kleidung und Sanitäranlagen eingerichtet.

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