Japan: Die Gesamtkatastrophe in den Griff bekommen

Das Krankenhaus von Kamaishi liegt auf einer Anhöhe über der Bucht und ist daher von der mörderischen Welle verschont geblieben. Insgesamt hat man in der Region 12.787 Leichen gefunden, 14.991 Personen werden vermisst – sie sind von den Fluten ins Meer gespült worden. Etwa 3.000 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen konnten im Krankenhaus von Kamaishi behandelt werden.

CARE stellt Kutterschiffe für die Ausbildung junger Matrosen (Foto: CARE/ Rottländer)

CARE stellt Kutterschiffe für die Ausbildung junger Matrosen (Foto: CARE/ Rottländer)

Als wir das Foyer betreten, herrscht dort starker Besucherverkehr. Aber nicht die Ärzte und Pfleger sind es, die hier hin und her eilen: die Stadtverwaltung hat das gesamte Erdgeschoss in eine provisorische Katastrophenzentrale verwandelt.

Das eigentliche Verwaltungsgebäude ist weggespült worden. Hier im Krankenhaus laufen jetzt die Fäden zusammen, vor unzähligen Computern sitzen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ordnen das Leben in ihrer zerstörten Stadt. Es ist bitter kalt in den Großraumbüros, die Menschen arbeiten in dicken Pullovern und wattierten Jacken. Eine Heizung gibt es nicht.

Wir sitzen an einem improvisierten Konferenztisch und sind dankbar, als heißer grüner Tee aus Pappbechern gereicht wird. Um uns herum werden die Dinge an den Computern, am Telefon oder im Besucherverkehr geregelt.

Keine Regierung der Welt ist auf eine solche Katastrophe vorbereitet

In all diesem Stress fällt vom Sozialreferenten der Stadt der erste Satz: „Wir sind CARE unendlich dankbar, dass uns Ihre Organisation geholfen hat, den Betroffenen hier zu helfen.“ Die Kollegen von CARE Japan hatten schon früh mit der Verwaltung Kontakt aufgenommen und Unterstützung bei der Verteilung von Hilfsgütern und der sozialen Betreuung angeboten. Decken, Matratzen, Kochutensilien, Hygieneartikel und vieles mehr wurden verteilt. CARE hat ein Auto beschafft, mit dem die Menschen in den entlegenen Randgebieten versorgt werden können.

 

Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung berichten freimütig, dass sie vor der Katastrophe nicht gewusst hätten, was eine Nichtregierungsorganisation sei, die sich der Hilfeleistung verschrieben hat. Somit sei auch der Dialog am Anfang nicht einfach gewesen. Da die überlebenden Verwaltungsbeamte neben der jeweiligen persönlichen Tragödien, wie den Verlust von Familienangehörigen und der Zerstörung ihrer Wohnungen, ja auch umgehend die Gesamtkatastrophe irgendwie in den Griff bekommen mussten, habe man die Hilfe von CARE gerne angenommen. Und es waren ja auch keine ausländischen Helfer gewesen, die da gekommen seien, sondern japanische CARE Mitarbeiter.

Die abgelegene Region des Küstenbereichs der Provinz Iwate besuchen ausländische Menschen nicht häufig, man begegnet Fremden mit einem gewissen Misstrauen. Das aber sei nun ganz anders geworden, sagt der Sozialreferent und strahlt. Die Deutschen seien besonders willkommen, sie würden ja auch einen guten Fußball spielen. Und dann fällt das Zauberwort, das alle Reserviertheit bricht: „Beckenbauer!“ Ich verspreche, dem Franz, der CARE bei einem Projekt in Südafrika unterstützt hat, eine Grußkarte zu senden und mitzuteilen, dass er in Kamaishi einen Fanclub hat.

Der Tsunami zerstörte die Einkommensquelle der Region

Beim Gespräch mit den Verwaltungsleuten wird schnell klar, dass es nach der ersten Katastrophenhilfe und den anschließenden Aufräumarbeiten darum gehen muss, den Leuten Jobs zu vermitteln. Der Tsunami hat ja nicht nur getötet und zerstört, er hat der Region die ökonomische Grundlage entzogen. Hier lebt die Bevölkerung fast ausschließlich vom Fischfang. Aber die verarbeitende Industrie sowie sämtliche Fischerboote wurden zerstört.

Wir besuchen die Hochschule für Fischfang und sprechen mit dem Direktor. An der Einrichtung werden junge Leute in allen Bereichen der Fischzucht und des Fischfangs ausgebildet. Japaner essen ja (fast) alles, was aus dem Meer kommt, deshalb gibt es riesige Aquakulturen, in denen Fische, Krustentiere, Muscheln, Seetang und andere unerfindliche Dinge – nun ja – produziert werden. Die praktische Ausbildung der Studenten erfolgt auf einem Schulschiff, das neben der Besatzung 40 Studierende aufnehmen kann. Dieses schöne Schiff, die Riasu Maru, befand sich zum Zeitpunkt der Katastrophe auf Schulungsfahrt vor Hawaii.

Dr. Anton Markmiller und Axel Rottländer rundern gemeinsam mit den Studenten (Foto: CARE)

Dr. Anton Markmiller und Axel Rottländer rundern gemeinsam mit den Studenten (Foto: CARE)

Ein Glück. Allerdings wurden die kleinen Kutterschiffe für die Ausbildung zerstört. Da die japanische Regierung mit der Sicherung des Lebens der Überlebenden vollauf ausgelastet ist – die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist nur eine Zugstunde entfernt – konnte dieser Ausbildungseinrichtung nicht geholfen werden. Der Direktor sagt es deutlich: „Keine Regierung der Welt ist auf eine solche Katastrophe vorbereitet. Niemand kann so etwas alleine bewältigen.“ Also hat CARE zwei Kutterschiffe für die Ausbildung besorgt, jeweils zwölf Matrosen lernen hier den Umgang mit Boot und Meer.

Begleitet von Fernsehen und Presse besteige ich mit dem Kollegen Axel Rottländer das Boot und wir rudern mit den Studenten zu einem kräftigen „Eins! Zwei!“ durch die Bucht. Allerdings fühlen sich Axel und ich eher als Leichtmatrosen gegenüber diesen jungen Menschen, die nun wieder eine Perspektive vor Augen haben. Schon am Nachmittag werden sie mit der Riasu Maru auf eine 14-tägige Ausbildungsfahrt Richtung Norden gehen. Ich gebe zu: gerne wäre ich mitgekommen.

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