Keine schwere Entscheidung

von Leon Glöckner, Bundesfreiwilliger in der Abteilung Kommunikation & Advocacy

CARE Deutschland arbeitet auf vielfältige Weise für den Klimaschutz. So waren wir natürlich auch beim globalen Klimastreik im November 2019 dabei, inklusive dem Autoren diese Beitrages (in der Mitte). (Foto: Eva Marder/CARE)

CARE Deutschland arbeitet auf vielfältige Weise für den Klimaschutz. So waren wir natürlich auch beim globalen Klimastreik im November 2019 dabei, inklusive dem Autoren diese Beitrages (in der Mitte). (Foto: Eva Marder/CARE)

Diese Zeilen schreibe ich unter dem Dach einer Terrasse. Es ist Mai und es ist definitiv zu warm für Mai. Regnen tut es kaum. Ich sitze unter diesem Dach, weil sich ein seltenes Naturereignis abspielt. Ich habe Regentropfen abbekommen. Zuerst nur einen, dann Minuten später einen weiteren, dann wurden es mehr.

Wir sitzen hier zu dritt. Ich bin als erster unter das Dach gegangen. Die anderen beiden haben noch gewartet. „Da kommt eh nichts.“
Zugegeben: Es regnet bisher nicht stark und ich sitze schon seit fünf Minuten unter dem Dach, obwohl ich lieber auf der Wiese unter freiem Himmel geblieben wäre. Aber Vorsicht ist doch besser als Nachsicht.

Ich habe schon öfter auf der Wiese gelegen und mich erst unter das Dach gerettet, als ich schon nass war, obwohl ich die dunklen Wolken am Himmel sah, obwohl ich Tropfen abbekam. Ich wusste, dass der Regen kommt, aber habe ihn ignoriert, bis ich nass war. Ich habe die Warnzeichen nicht sehen wollen.

Klar, ein bisschen Regen schadet uns nicht, vor allem wenn das „rettende“ Dach nur wenige Meter entfernt ist. Aber nehmen wir an, das Zeitfenster, in dem man sich unters Dach retten kann, ist nur kurz. Nehmen wir an, es ist irgendwann zu spät. Das Dach ist weg und man steht für immer im heftigsten und apokalyptischsten Unwetter, das man je erlebt hat. Dann würde man sich schon beim ersten Anzeichen von Regen unter das Dach zurückziehen und nicht aus Bequemlichkeit oder Faulheit liegen bleiben. Logisch, oder?

Wie aber kann es dann sein, dass wir die überdeutlichen Warnzeichen unseres Planeten ignorieren? Eigentlich sind es nicht einmal mehr nur Warnzeichen. Die Krise unserer Erde ist längst in vollem Gang. Wir stehen bereits im strömenden Regen. Und dennoch lähmt uns unsere Lethargie, unsere Angst vor Veränderung, vor dem Verlust unserer Gewohnheiten. Wir reden uns „Da kommt nichts“ ein.

Jonathan Safran Foer schreibt in seinem Buch „We are the Weather“ sinngemäß: Wir wissen vom Klimawandel, aber wir können nicht daran glauben. Der Klimawandel ist einfach zu abstrakt, er wirkt weit weg.

Deshalb tun wir nichts trotz aller Warnungen. Trotz Wirbelstürmen wie jüngst Amphan, der Anfang Mai auf Bangladesch und Indien traf. Wirbelsturm Idai in Mosambik letztes Jahr, Dürren mitten in Europa, die gewaltigen Buschbrände in Australien, Heuschreckenplagen in Ostafrika, die beiden letztgenannten werden durch den indischen Ozean Dipol ausgelöst/verstärkt, der durch die Erwärmung der Ozeane stärker wird… die Liste ist endlos.

Ein Mensch im indischen Odisha versucht sich während des schweren Zyklons Amphans in Sicherheit zu bringen. (Foto: Orissa Post)

Ein Mensch im indischen Odisha versucht sich während des schweren Zyklons Amphans in Sicherheit zu bringen. (Foto: Orissa Post)

Wir wissen von all diesen Dingen, wir wissen, dass sie vom Klimawandel ausgelöst oder verstärkt werden, aber wir glauben es nicht. Folglich tun wir nichts und bleiben im Regen stehen.

Bloßes Wissen reicht bei einem abstrakten und komplexen Prozess wie dem Klimawandel einfach oft nicht. Es fehlt die Emotionalität, die nur entsteht, wenn wir an etwas glauben.

Deshalb brauchen wir Strukturen, Gesetze, die zum Klimaschutz bewegen oder gar zwingen. Genauso brauchen wir aber auch individuelle Initiative von jeder und jedem einzelnen. Foer schreibt, dass dies dazu führen könnte, dass neue gesellschaftliche Normen entstehen und dieses Handeln im Endeffekt Emotionen auslösen kann. Emotionen durch Handeln, nicht Handeln durch Emotionen.

Daraus lassen sich gesellschaftliche Verantwortungen ableiten:

Jeder und jede einzelne muss klimafreundlich handeln: weniger Auto fahren und fliegen, klimafreundliche Produkte kaufen und konsumieren, Politikerinnen und Politiker wählen, die das Klima schützen wollen, und vor allem: Weniger tierische Produkte konsumieren.

Einer der Hauptfaktoren in der globalen Erwärmung ist die Nutztierhaltung. Verschiedene Studien legen nah, dass direkte und indirekte Emissionen der Nutztierhaltung für 14,5 Prozent oder gar für 51 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.

Das Küstendorf Praia Nova in der Region Beira in Mosambik wurde besonders hart von Wirbelsturm Idai getroffen. Nach der Katastrophe unterstütze CARE die Menschen mit wichtigen Hilfsgütern und Wiederaufbaumaßnahmen. (Foto: Josh Estey/CARE)

Die Politik ist in der Verantwortung, entsprechende Gesetze und Vorschriften zu erlassen, damit auch Industrie und Wirtschaft mitziehen, denn die haben größtenteils nur ihren Vorteil und Gewinnmaximierung im Blick, dass das oft nicht klimafreundlich ist, ist selbsterklärend. Außerdem muss die Gesetzgebung Privatpersonen, die das Klima nicht freiwillig schützen wollen, zu klimafreundlichem Verhalten drängen. (Steuer-)Anreize, Richtlinien, Einsparungsvorgaben und Verbote sind mögliche Mittel, die konsequent genutzt werden müssen.

Und alle Institutionen, die Einfluss auf die öffentliche Meinung haben, seien es Medien, Verbände, Prominente, ja sogar Religionsgemeinschaften, müssen den Klimaschutz unterstützen.

Der Klimawandel ist ein radikales Problem, das größte, dem die Menschheit je gegenüberstand. Wir brauchen radikale Lösungen. Sofort, nicht irgendwann. Unsere Lebensweise muss sich ändern, wir werden große Anpassungen und Einschränkungen hinnehmen müssen. Aber all das ist besser, als die ungebremste Klimakrise auf uns einbrechen zu lassen.

Wir stehen am Scheideweg. Vor der vielleicht wichtigsten Entscheidung der Geschichte: Klimaschutz oder Klimakollaps? Retten wir uns unters Dach oder ertrinken wir im Regen?

Eigentlich keine schwere Entscheidung.

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