Kleinspargruppen und die „Gruppe gegen Gewalt“

In ihrem dritten Blog beschäftigt sich Judith Hoersch mit Frauen, die ihre Familien mit Hilfe von Kleinspargruppen unterstützen und in einer Sicherheitsfirma ihre Frau stehen:

Zu Beginn eines jeden Treffens der Kleinspargruppen wird gebetet und gesungen. (CARE/Evelyn Hochstein)

Was ist bitte eine „Kleinspargruppe“?
Es gibt mittlerweile zwölf dieser Gruppen, mit jeweils 30 Mitgliedern und die Frauen lieben es. Die Kleinspargruppen sind von CARE Deutschland ins Leben gerufen worden und sie haben sich aus den „Mutterclubs“ gebildet. Auch hier haben sich die Frauen zusammengetan, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, unabhängig zu werden und sich ebenfalls finanziell in die Familie mit einzubringen.

An diesem Morgen kommen wir in Miton zusammen – das liegt zwischen Gressier und Léogâne – dort treffen sich an einer schattigen Lichtung, eine feste Gruppe Frauen. Eben eine dieser Kleinspargruppen. Einmal wöchentlich kommen sie mit ihren Sparbüchern zusammen und bringen sich Ihre Stühle selber mit. Als wir ankommen, werden wir offen und herzlich empfangen. Auch hier wird zur Einstimmung gesungen. Eine Art Affirmation, so erscheint es mir. Das Gesungene besagt so viel wie: Wir sind stark und wir sind nicht arm, wir sorgen für uns. Abschließend wird noch gebetet und erst dann geht’s ins Eingemachte.

Der Sinn dieser Gruppen ist es Mikrokredite zu vergeben und sie basiert auf einem System, das die Menschen hier nicht abhängig, sondern im Gegenteil unabhängig macht. Jede Woche kommen die Damen mit Ihrem Sparbuch zur Sitzung, hier wird vermerkt, wie viel sie jeweils angespart und eingezahlt haben. Bisher hat diese Gruppe 200 Gourdes angespart, was etwa 3,80 Euro entspricht. Eine Zirkulation dauert insgesamt zwölf Monate. Pro Woche muss jede Frau mindestens eine Einheit (50 Gourdes = 0,95 Euro) einbringen. Man kann bis zu fünf Einheiten pro Woche einzahlen, sprich 250 Gourdes (4,80 Euro). Wenn man einen Kredit nimmt innerhalb der Gruppe, kann man immer das Dreifache der Einheiten leihen, die man eingezahlt hat. In der letzten Runde, so beschreibt mir das eine Frau, hatten sie am Ende 1500 Gourdes (28,60 Euro) gespart. Der Gewinn wird am Ende eines 12-monatigen Zyklus durch alle Frauen gleichermaßen geteilt.

Die Kleinspargruppen ermöglichen den Frauen, ihre Familien auch finanziell zu unterstützen. (CARE/Evelyn Hochstein)

Nach dem alle nach vorne aufgerufen wurden und mit ihren Sparbüchern in der Hand ihre Einzahlung tätigen, habe ich im Anschluss die Möglichkeit mit zwei Frauen persönlich zu sprechen. Sie erzählen mir, von Ihren Wünschen und davon was sie sich im Anschluss alles davon kaufen wollen. Die Eine möchte gerne irgendwann eine Boutique eröffnen und Kleider verkaufen, die sie selber schneidern möchte. Von Ihrem Geld möchte sie also in erster Linie Stoffe kaufen. Die andere möchte einen Marktstand mit Obst, Gemüse und Spaghetti haben und spart darauf hin. Generell geht es den Frauen vor allem um Nahrungsmittel: Mais, Reis, Obst und Gemüse. Sie kaufen es und verkaufen es dann mit einer kleinen Gewinnspanne.

Was auch toll ist, ist das die Gruppe immer 200 Gourdes (3,80 Euro) für Notfälle zurück hält und zum Beispiel wenn jemand krank ist und Medizin benötigt, diese Gelder freigibt. Sie wünschen sich das diese Kleinspargruppen weiter bestehen bleiben und es macht sie glücklich, dass sie sich finanziell in die Familien einbringen und auch in der Lage sind ihre Kinder selber zu versorgen.

Gruppe gegen Gewalt – Lutte contre la Violence

Wir ziehen weiter. Die karibische Hitze lässt selbst die Klimaanlage im Auto vor Mühe krächzen. Angekommen in Laferonay erwartet und ein Gemeindehaus das CARE hier erbaut hat. Es steht mitten auf einem Feld. Eine Kuh mit ihren Jungen grast faul vor der Tür. Diese Center sind eng verbunden mit den Health Centern. Nach dem Erdbeben ist es zu viel häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen in den Camps gekommen.

Seit dem Erdbeben haben sowohl sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder stark zugenommen. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Viele Mütter sind Opfer des Erdbebens geworden, waren/sind obdachlos und oft alleine mit Ihren Kindern in den provisorischen Zelten. Die Frauen fühlen und sind! in ihren Zelten nicht sicher und es gibt zahlreiche Fälle von Gewalt gegen Kinder und Frauen. Als Gegenmaßnahme wurde das „Centre contra la Violance“ ins Leben gerufen, das sehr eng mit den Health Centern in Carrefour und Léogâne zusammenarbeitet.

Es gibt zwei wesentliche Pfeiler: Entwicklungsarbeit und Nothilfe.
Nothilfe: Wenn hier von Notfällen berichtet wird (das seltener vom Opfer direkt passiert, als durch die Nachbarschaft) so werden die betreffenden Kinder und Frauen versorgt und ggf. in die Health Center oder ins Krankenhaus gebracht.     Entwicklungshilfe ist langfristiger und eng verknüpft mit der Veränderung der Frauenrolle im Land und in der Familie. Außerdem wird HIV Vorsorge betrieben, Kondome verteilt, Aufklärungsarbeit etcetera.

Nach dem Erdbeben herrschte nicht nur der absolute Notstand, sondern es war und ist immer noch, für die Menschen hier emotional kaum zu verkraften. Daraus hat sich auch ein hohes Gewaltpotenzial entwickelt. Die CARE Mitarbeiter wurden selber erst einmal ausgebildet. Sowohl psychologisch als auch mental mit all diesen Umständen umzugehen. Wie geht man mit einem Kind um? Einem Opfer? Wie geht man mit den Tätern um? Wie weit darf man sich einmischen? Wie gewinne ich das Vertrauen?

Eine Maßnahme wurde gleich ergriffen: In den zahlreichen Lagern wurden Security Frauen und Männer eingestellt, die immer zu zweit schichtweise die Nachtwache in den Lagern halten. Das war in den ersten zehn Monaten nach dem Erdbeben so. Dann begann die Rehabilitationsphase. Es gab dann Trainings in den einzelnen Gruppen (Shelter-Gruppen und WASH-Gruppen), so das alle Verantwortung üben und sich um die Sicherheit bemühen. Es wurden dann auch Leute in Gesundheitswesen und sanitären Diensten ausgebildet, so dass immer Ansprechpartner und Fachkräfte in den Camps zu Verfügung stehen.

Immer mehr Frauen werden zu Sicherheitskräften ausgebildet und eingesetzt. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Wie ich schon sagte, viele, viele Frauen wurden in den Camps vergewaltigt und selten reden Sie darüber. Sie fürchten sich zu sehr und die Scham ist zu groß und auch in den Gruppen haben sie nicht darüber gesprochen. Nicht nur Gruppensitzungen wurden mehrfach im Monat angeboten, sondern auch Einzelsitzungen („One to One“-Sitzungen) die auch sehr viel Erleichterung gebracht haben und den Opfern geholfen haben, darüber in einem geschützten Raum zu sprechen. Daher wurden besonders Frauen gefördert im Security-Dienst und außerdem wurde veranlasst, das die Poilzei mehr weibliche Kräfte einstellt. Aber es geht nicht nur um Vergewaltigung, sondern alle Arten von häuslicher Gewalt. Kann man sich das vorstellen? In Haiti ist zwar Vergewaltigung ein Strafdelikt, allerdings gibt es keinerlei Gesetze über andere häuslichen Gewalttaten… Ich bin ganz still, während heute einige Mitarbeiter des Security-Teams von CARE ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Casseque ein Security-Mitarbeiterin berichtet: „Das Leben in den Camps ist sehr schwer. Gesundheit ist ein schwieriges Thema, auch durch die anhaltende Regenzeit, wo alles voller Matsch ist.“

Eine Krankenschwester erzählt: „Frauen, an denen Gewalt verübt wurde, leiden nicht nur an körperlichen Beschwerden, sondern auch an der Scham. Die ganz jungen Frauen und Mädchen gehen nicht mehr in die Schule, weil sie Angst haben, dass es jemand raus finden könnte. Wir können sehen, dass diese Arbeit hier fantastische Ergebnisse bringt und wirklich vielen Hilfe leistet.“

Eine Frau berichtet über das Erlebte.  (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Madame Marie-Martie, eine Frau aus dem Security-Team berichtet: „Meine Aufgabe ist es mit den Leuten zu sprechen und präsent in den Camps zu sein. Einmal habe ich von einer Frau in dem Camp erfahren, die regelmäßig von ihrem Mann geschlagen wurde. Erst einmal habe ich mit der Frau geredet und irgendwann auch mit ihrem Mann. Oft sind sich die Männer nicht darüber bewusst, dass sie was Falsches tun und sind selbst so groß gezogen worden. Ich habe immer wieder mit ihm gesprochen und er hat sein Verhalten geändert. Es ist nicht mein Verdienst, das sich das Paar nun wieder gut versteht, es war das Paar selbst das sich geholfen und gelernt hat.“

Yverose, auch aus dem Security Team, erzählt: „Ich danke dem lieben Gott und CARE für dieses Training. Am Ende des Tages ist es unsere Verantwortung und nicht die von CARE. Ich hoffe, dass wir alle noch viel miteinander und voneinander lernen werden.“ Weiter berichtet Sie von einem Fall aus dem Camp: „Ein vierzehnjähriges Mädchen wurde in zwei Nächten hintereinander in dem Camp von einem 50 Jährigen und einem 32 jährigen Mann vergewaltigt. Sie hat nichts – aus Angst und weil Sie von den Männern bedroht wurde – zu Ihrer Mutter gesagt. Als das Mädchen am zweiten Abend wieder sehr spät nach Hause kam, wurde die Mutter wütend und dann hat ihre Tochter ihr erzählt, was passiert ist. Das Mädchen wurde von CARE gleich ins Krankenhaus gebracht und die Polizei wurde verständigt. Die beiden Männer sind seither verschwunden und aus Angst vor deren Familien ist das Mädchen mit Ihrer Mutter auch in ein anderes Camp gezogen.“

Als ich das höre, kann ich kaum an mich halten. Ich kann wirklich sehen, wie wichtig den Menschen hier diese Gruppen sind und wie wertvoll deren Arbeit. Gemeinschaft ist alles, was zählt. Es tut Ihnen gut Aufgaben zu bekommen und sich gegenseitig zu helfen.

Auf den Straßen in Port au Prince

Auf den Straßen durch Port au Prince komme ich aus dem schauen gar nicht mehr raus. Draußen ein reges Treiben, viele Menschen die alle – so scheint es – durcheinanderlaufen. Marktstände säumen die Straßen. Ich hatte es mir gar nicht so hügelig vorgestellt, aber tatsächlich bieten die Serpentinen Straßen hier viel Gelegenheit über die Stadt zu blicken. Immer noch viel Zerstörung. Viele Camps – aber seht selbst in meinem Video.

Auf den Straßen von Port au Prince findet man farbenfrohe selbsgemalte Bilder zum Verkauf. (Foto: CARE/Judith Hoersch)

Alles wird auf die Häuserfronten gemalt. So zum Beispiel Werbung vom Bier bis zum Café oder Schriftzüge zu Kindergärten, Schulen und Restaurants. Es ist sehr bunt und farbenfroh und hat einen sehr eigenen Charme. Oft entdecke ich das kreolische Graffiti „Pas jete Fatra“, was soviel heißt wie ‚Haltet Euer Viertel sauber’. Das ist es nämlich was man auch viel sieht: Müllberge, überfüllte Container, Müll auf der Strasse. Dann fahren wir durch ein anderes Viertel und dort findet sich das Graffiti ‚BPC’. Das ist, so erklärt uns Khassim, ein Musiker Viertel und BPC ist deren Code. Sowas wie West Coast und East Coast. Hier kann man auch eine Strasse finden, wenn man aus PaP raus fährt, wo Kunst auf der Strasse verkauft wird. Schöne, farbenfrohe Bilder.

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