Komm in mein Dorf!

Wir sind in Uttar Pradesh, einem der 28 Bundesstaaten von Indien. Über 200 Millionen Menschen leben hier, zweieinhalbmal so viele wie in ganz Deutschland. Man macht sich die Dimensionen dieses Subkontinentes nicht oft genug deutlich. CARE arbeitet seit über 60 Jahren in Indien, und hier in Uttar Pradesh, wie auch in den anderen Landesteilen, konzentrieren wir uns auf die Stärkung von Frauen und Mädchen. Denn die Erfahrung zeigt, dass gesunde, selbstständige und gebildete Frauen ihre ganze Gemeinde aus der Armut befreien können.

Frauen treffen sich im Gemeindezentrum und tauschen sich aus über Herausforderungen während und nach der Schwangerschaft. (Foto: CARE/Wilke)

Frauen treffen sich im Gemeindezentrum und tauschen sich aus über Herausforderungen während und nach der Schwangerschaft. (Foto: CARE/Wilke)

In Deutschland hat CARE 2011 die Kampagne „Lebensband“ gestartet, mit dem Ziel, auf die immer noch viel zu hohe Müttersterblichkeit hinzuweisen. Ich bin also gespannt darauf, wie CARE hier in Indien daran arbeitet, dass Geburten sicherer und Mütter und Kinder gesünder werden. In Uttar Pradesh arbeiten die Teams direkt in 195 Dörfern mit über 230.000 Menschen. Die Aufklärungsarbeit findet in enger Zusammenarbeit mit der Regierung statt, die vor einigen Jahren ein Netzwerk lokaler Gesundheitsarbeiterinnen gegründet hat. Meine Kollegin Suniti erklärt uns, dass diese „Accredited Social Health Activists“ hier ASHA genannt werden. Netterweise heißt „asha“ auch Hoffnung in Hindi. Indien hat in vielen Bereichen schon große Fortschritte gemacht. Jede schwangere Frau wird beispielsweise umsonst in ein Krankenhaus gebracht, wo sie nach der Geburt auch rund 30 Euro als Starthilfe bekommt. Aber Müttergesundheit hört hier nicht auf, das lerne ich heute sehr konkret.

Humali und ihre Tochter bei einer Versammlung im Gemeindezentrum. (Foto: CARE/Wilke)

Humali und ihre Tochter bei einer Versammlung im Gemeindezentrum. (Foto: CARE/Wilke)

Nur ein Mädchen?

Wir sitzen in einem Gemeindezentrum, wo sich die Frauen des Dorfes versammelt haben. Viele von ihnen sind junge Mütter, einige gerade schwanger. CARE-Teams und die Ashas tun vor allem eins: Reden. Die Frauen können sich austauschen über Herausforderungen während und nach der Schwangerschaft. Übungen helfen, wichtige Gesundheitsregeln einzuhalten, zum Beispiel das Wickeln eines Babys oder das Stillen. Und wenn es Probleme mit dem Ehemann gibt, helfen die Ashas und CARE-Beraterinnen auch. Verhaltensweisen und Rollenbilder ändern sich nicht über Nacht, aber es ist ermutigend, die lebhaften Diskussionen zu beobachten. Mitten in der Gruppe sitzt zum Beispiel Humali Raj. Sie ist 25 Jahre alt, und nach fünf Jahren Ehe wurde sie endlich schwanger. Als es dann ein Mädchen wurde, war ihr Ehemann sehr enttäuscht. Humali arbeitet im Haushalt, aber in der Erntezeit auch täglich auf dem Feld. Dazu stillt sie ihr Baby und hat andere Familienpflichten. Die Gruppe hilft ihr, mit ihrem Mann über Arbeitsteilung zu sprechen. Und andere Väter reden mit Humalis Ehemann darüber, dass Mädchen heutzutage genauso viel „wert“ sind wie Jungen.

"Welche drei Gegenstände braucht ihr am dringendsten direkt nach der Geburt?" (Foto: CARE/Wilke)

"Welche drei Gegenstände braucht ihr am dringendsten direkt nach der Geburt?" (Foto: CARE/Wilke)

Spielzeugautos oder Rasierklinge?

Wenn ein junger Vater sein Kind auf dem Arm hält, lachen die anderen Männer über ihn. „Es gibt so viele Vorurteile und feste Rollenbilder in unserer Gesellschaft“, erzählt mir meine Kollegin Suniti. „Aber wir arbeiten jetzt vor allem mit jungen Männern, die zum ersten Mal Vater werden. Diese Generation wird ihre Meinung ändern und die traditionelle Geschlechterrollen herausfordern.“ Bei unserem Treffen zeigt sich sehr eindrucksvoll, wie Männer in Sachen Müttergesundheit an Bord geholt werden können. Suniti hat eine Tüte mitgebracht und leert sie auf dem Boden vor den Männern aus, einige von ihnen sind junge, andere werdende Väter. Auf dem Boden liegen nun die unterschiedlichsten Dinge: Kekse, Rasierklingen, sterile Tücher, Spielzeugautos und vieles mehr. „Welche drei Gegenstände braucht ihr am dringendsten direkt nach der Geburt?“ Die Auswahl bringt viel Diskussion: Kekse wird weder das Kind noch die Mutter essen können, eine Rasierklinge hilft aber bei der Trennung der Nabelschnur. Ein Mann hat das Spielzeugauto und die Kekse gewählt und erklärt grinsend: „Mit dem Auto bringe ich meine Frau ins Krankenhaus, die Kekse esse ich dann, während ich warte.“ Alle Anwesenden lachen. Aufklärung kann eben auch mal mit Humor gewürzt sein.

Im nächsten Blog werde ich über den Besuch des CARE-Programms für Mädchenbildung berichten. Es heißt „Udaan“, das bedeutet „fliegen“ in Hindi. Ich bin gespannt auf die jungen Damen mit ihren Flügeln.

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