Gedanken über das ungeliebte Kind der Karibik

Kurz vor ihrer Abreise aus Haiti resümiert Judith Hoersch über Land, Leute und die Notwendigkeit von Hilfsorganisationen:

Judith Hoersch stellt fest, dass Haiti zwei Gesichter hat. (Foto: CARE/Frederic Haupert)

Ich möchte mich über die Geschichte von Haiti nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Natürlich habe ich viel erfahren, aber es bleibt fragmentarisch und daher schlage ich, diesen Link von Wikipedia vor: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Haitis

Ich finde dort wird die Geschichte Haitis sehr gut und detailliert beschrieben. Sie ist sehr verworren und hat viel Höhen und besonders viele Tiefen. Ich habe einiges über Politik, Geschichte und Wirtschaft in Haiti gelernt und erklärt bekommen, und auch wenn es profan klingt – in meinem Kopf formt sich immer wieder dieselbe Frage: Wie kann man hier leben? Wie??? Mal ganz rudimentär betrachtet: Haiti hatte die letzten Jahrzehnte diktatorische Führung. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Haitis#Duvalier-Diktatur_.281957_bis_1986.29

Jetzt haben sie einen, wie die meisten finden, tollen Präsidenten, der kein Parlament zusammenbekommt. Der Wald in Haiti ist komplett abgerodet und die Zuckerrohr Plantagen gehören mittlerweile zum größten Teil der Dominikanischen Republik. Haitianer gehen als Gastarbeiter in das Nachbarland Dominikanische Republik und haben dort große Schwierigkeiten mit Rassismus, da die Haitianer etwas dunkler von der Hautfarbe sind und gleich als Haitianer erkannt werden, auch wegen der Sprache.

Haiti ist das ungeliebte Kind der Karibik.

Haiti hat ständig mit Naturkatastrophen zu kämpfen: Wirbelstürme, Erdbeben, Monsunregen. Haiti hat keinerlei intakte Strukturen. Haiti hat eine hohe HIV-Infiziertenrate. Es gibt eine Oberschicht von maximal 5% und ansonsten arme Menschen bis sehr, sehr arme Menschen.  Haiti hat eine schlechtes bis gar kein Gesundheits- und Bildungssystem. Haiti hat kaum Tourismus, obgleich die Strände eben so schön sind, wie in der Dominikanischen Republik.

Und DAS ist Haiti auch:
Haiti ist sehr farbenfroh, reich von Kultur und Musik. Hat wunderbare Menschen, die sehr offen sind. Hat – hinter all dem Schutt – eine herrliche Natur und eine unglaubliche Landschaft. Und Haiti ist widerstandsfähig und sehr zäh.

Neben all dem Leid hat Haiti auch viel Schönes zu bieten. (Foto: CARE/Frederic Haupert)

Ich kann gar nicht genau begründen, warum ich so gerne wieder herkommen möchte. Ich kann nur feststellen, dass es so ist. Ich werde Haiti wieder bereisen.

Hilfe in Haiti und Irrglaube

Viele Menschen kamen nach dem Unglück nach Haiti. Viele hatten eine große Bereitschaft zu helfen. Dagegen spricht ja auch erst einmal nichts. Tatsächlich hilft man einem Land aber mehr, wenn man keine eigene Organisation gründet, sondern sich an ein bestehendes und intaktes Netzwerk dran schließt. Die Organisationen haben einen unfassbaren logistischen Apparat, der dahinter steckt. Viele von uns haben wirklich eine ganz falsche Vorstellung von dieser Arbeit. Wie bekommt man die Hilfsgüter ins Land? Wie verteilt man sie und wo? Wem gehört das Land? Man kann ja nicht einfach so wieder irgendwo Häuser hinstellen. Absolut minutiöse Buchführung muss darüber gehalten werden, wo die Hilfsgelder hingehen.

Die NGOs sprechen sich ab und arbeiten Hand in Hand. Hier herrscht ein, zwar nicht unkritisches, dennoch gutes Verhältnis untereinander. Und ganz ehrlich, in Krisen Gebieten stehen wir – Hilfe anbietenden Westler – echt nur im Weg rum: Viele dieser Selbstfindungsgruppen, die mit selbst gemachten T-Shirtaufdrucken hier mal durchspazieren, und als Wallfahrtsgruppe mal ein bisschen in Haiti mithelfen wollen. So geht das aber nicht. Sie kennen nicht die Strukturen von Hilfsarbeit, noch die Regeln des Landes und können zum Großteil nicht mal die Landessprache sprechen. Wirklich, so hilft man nicht, höchstens seinem schlechten Gewissen und seinem ohnmächtigen Gefühl helfen zu wollen. Entschuldigt den leicht ironischen Unterton, aber da wird’s einem echt anders. Aufdrucke wie ‚CSI Haiti’ getragen von einer Gruppe übergewichtiger Amerikaner lässt so einige Hilfsarbeiter rot anlaufen.

Dazu kommen Hilfsorganisationen, die einer christlichen Gemeinschaft entspringen und dann zum Missionieren hierher kommen. Mit ihrer Bibel unterm Arm (nicht buchstäblich zu verstehen) erzählen sie dann den Frauen, das Gott das ja alles so gewollt habe, und verbieten den Frauen Kondome zu benutzen. Was!?!?!?! Geht’s noch? Und das in einem lateinamerikanischen Land, das nach Afrika die nächstgrößte HIV-Infektionsrate hat! Jeder zwanzigste Haitianer ist HIV infiziert. Da kriegt man echt das schiere – excuse my language – kotzen!

In Haiti arbeiten alle Hand in Hand. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

NGOs scheitern täglich und freuen sich über die kleinen und großen Erfolge, die wir oft nicht sehen können und auch nicht einschätzen können. Ich habe wirklich ganz wunderbare Menschen hier kennengelernt, die so inbrünstig helfen und für eine bessere Welt und bessere Umstände die Ärmel hochkrempeln. Da habe ich den allergrößten Respekt vor. Sie leben selbst manchmal jahrelang in völlig unsteten Lebensumständen, wissen nicht, was morgen ist und sehen so viel Elend, das ich selbst nach einer Woche Haiti nicht weiß, wie sie das seelisch wegstecken. Humanitäre Hilfe ist eine Beruf und eine Berufung zur gleichen Zeit. Man hilft wirklich mehr wenn man sich an eine Hilfsorganisation anschließt.

Dankbarkeit

Während ich nun im Flugzeug nach Hause fliege, überkommt mich ein großes Gefühl der Dankbarkeit. Danke, dass ich das alles sehen durfte. Es rückt alles wieder in eine andere Perspektive. Wie unwichtig sind die Problemchen des Alltags. Ich bin auch dankbar für das wundervolle Leben, was wir in Deutschland führen. Für das schöne Zuhause und das ich immer weiß, das ich morgen was zu essen habe. Dass meine Familie und meine Freunde in Sicherheit leben.

Es scheint, als habe ich einen Blick hinter die Kulissen geworfen und ich bin wirklich tief dankbar für all diese Dinge, die ich lernen und erfahren durfte. Ich möchte all den wunderbaren Menschen danken, die so großartige Arbeit für Ihre Mitbürger vor Ort leisten. So viel Kraft, Liebe und Seele. Weiter danke ich CARE von Herzen und meiner lieben Begleiterin Sabine Wilke für die Zeit und die Möglichkeiten und hoffe, dass ich vielen Leuten von meinen Erfahrungen berichten kann und somit einen kleinen Beitrag dazu leiste, das auch in Haiti bald wieder Zustände herrschen, die man Leben und nicht nur Überleben nennen kann.

Ich komme wieder Haiti und wünsche Dir eine gute und glückliche Zukunft! Und ich werde nicht müde es zu sagen:

Bitte spendet an CARE Haiti: http://www.care.de/spenden.html

DANKE!!! 

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