Licht und Schatten -
Von Sabine Wilke
Zwei Wochen in Haiti sind vorbei und die eintägige Rückreise nach Deutschland lang genug, um die Zeit Revue passieren zu lassen.
Ein Junge und Mädchen in Port-au-Prince am Rande der Cité Soleil (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Ich konnte die Arbeit von CARE begleitet und bin den verschiedensten Menschen begegnet. Was bleibt hängen?
Licht: Der fröhlichste Moment waren die morgendlichen Begrüßungsrituale am Eingang des CARE-Büros, wenn wir unter dem Gelächter der Sicherheitskräfte (zwei davon sogar Frauen!) unter der Schranke durchturnten, anstatt drum herum zu gehen. Dann einmal nach rechts winken, wo unter den Bäumen des Hofes schon die Teams sitzen, die morgens früh zu den Verteilungen von Hilfsgütern fahren. Und schließlich hinein ins Gebäude, wo Mika am Empfang schon lächelt und wieder alle überall verstreut sitzen mit ihren Laptops, Papieren, Telefonen und Kaffeetassen.
Schatten: Der schwierigste Moment kam, als mich ein von Sorgen gezeichneter Vater um eine Plastikplane bat, um seine fünf Kinder vor dem feuchten Regen und einer Bronchitis zu schützen. Doch die Verteilung war an diesem Tag schon beendet und die LKWs weggefahren. Ich hatte nicht einmal Geld in den Taschen, nur einen Fotoapparat um die Schulter. Mehr als aufmunternde Worte konnte ich ihm nicht geben.
Licht: Die größte Überraschung war das Feierabendgespräch mit dem CARE-Logistiker, der auf den ersten Blick so unnahbar und abgekämpft wirkt. Aber dann erzählt er mit Leidenschaft von seinem Job und dass sein Ansporn der Kampf gegen die Ungerechtigkeit ist. Und berichtet mit leuchtenden Augen davon, wie seine kleinen Töchter auf ihn warten, wenn er nach einem Katastropheneinsatz nach Hause kommt.
Schatten: Der größte Schrecken waren zwei Erdbeben in der Nacht vor meiner Abreise. Die Richterskala maß zwar „nur“ 4,7, aber seitdem habe ich eine Ahnung davon, was die Menschen am 12. Januar durchlitten haben. Es ist ein Gefühl der kompletten Ohnmacht, wenn auf einmal der Boden unter den Füßen wackelt und man sich innerhalb von Sekunden entscheiden muss, ob man das Gebäude verlässt, sich in den Türrahmen stellt oder gar nichts unternimmt. Und das mit dem Bewusstsein, dass diese Wahl im Zweifel über Leben und Tod entscheidet.
Licht: Die hilfreiche Routine des Miteinanders in unserem Apartment gegenüber vom CARE-Büro: Wie schnell aus Kolleginnen Mitbewohnerinnen und schließlich Freundinnen werden, wenn man sich morgens früh den Instant-Kaffee teilt und abends die oft schwer zu verdauenden Eindrücke des Tages.
Schatten: Die lähmende Routine zeigt sich jeden Tag in den Camps von Port-au-Prince. Je länger all die Menschen in den provisorischen Unterkünften leben müssen, desto schneller breitet sich Perspektivlosigkeit aus. Ich sah zwar Männer, die Karten spielen und Kinder, die herumtollten – alles Anzeichen eines normalen Alltages.
Ein gutes Blatt auf dem Place St. Pierre, Pétionville (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tage lang und heiß sind und die Ungewissheit über die Zukunft hier an jedem Menschen nagt. Nach der unmittelbaren Nothilfe wird es die wichtigste Aufgabe der haitianischen Regierung und der internationalen Helfer sein, die Menschen bei der Rückkehr in den Alltag zu unterstützen. Mit Schulen, Jobs und gerechten Chancen.
Licht: Die größte Hoffnung sind für mich Menschen wie Janice, die im CARE-Büro arbeitet. Ihr Mann ist beim Erdbeben ums Leben gekommen und ihr Sohn ist gerade einmal vier Monate alt. Obwohl sie ihre Liebe verloren hat, steht da jeden Tag dieses bezaubernde Lächeln in ihrem Gesicht. Woher diese Kraft kommt, verstehe ich nicht. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht. Hauptsache, sie ist und bleibt da.
Schatten: Die größte Furcht teilen alle Helfer vor Ort. Und sie beruht auf den Erfahrungen früherer Katastrophen: Wenn Haiti nicht mehr aktuell genug ist, um in der Öffentlichkeit Gehör zu finden, dann könnte auch die Unterstützung abnehmen. Dabei ist die Nothilfe erst der Anfang. Haiti kann es schaffen, sich aus den Ruinen neu und besser wieder aufzubauen. Aber dazu benötigt es viele starke Hände, die dieses Land und seine Menschen stützen.
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