Lotus Flower – eine Blume der Hoffnung

Kurzer Moment ohne Maske – herzliches Willkommen von Lotus Flower. (Foto: CARE/Shirayath)

Eine Stadt aus Containern, mitten im Nirgendwo – das Rwanga Camp. Hier leben rund 14.000 Menschen. Menschen, die 2014 aus ihrer Heimat Sinjar vertrieben wurden und hier Zuflucht gesucht haben.

Am dritten Tag meiner Irakreise begegne ich Menschen, die teilweise seit Jahren im Rwanga Camp ausharren. Wie ist es, seit Jahren in dieser Kunststadt in provisorischen Unterkünften zu leben?, frage ich mich, als ich das Camp erblicke. Wie fühlen sich die Menschen dort? Verloren? Zurückgelassen?

Angekommen im Camp stelle ich eines direkt fest: Das Leben hier ist hart. Und COVID-19 macht es noch härter. Im Camp gibt es keine zuverlässige medizinische Versorgung. Es gibt zwar eine Klinik mit modernen, funktionierenden Geräten, doch nicht genug ausgebildetes Personal.

Eine Mitarbeiterin unserer Partnerorganisation „Lotus Flower“ berichtet mir, dass es zwar keine nachgewiesenen COVID-19-Erkrankungen im Camp gibt, die Todesrate in den letzten Monaten aber deutlich angestiegen sei. Es gibt also Fälle im Camp, soviel ist klar. Es wird nur niemand getestet, weil die Menschen hier den Test selbst bezahlen müssten und sich das schlichtweg nicht leisten können.

Es gibt auch keine psychosoziale Versorgung, obwohl sie dringend nötig wäre. Zwei Monate lang war das Camp durch einen Lockdown isoliert. Die psychische Belastung war in dieser Zeit enorm. Die Folgen: mehr Frühehen, mehr sexualisierte Gewalt, mehr Selbstmorde. Hinzu kommen Traumata von früheren Erlebnissen. Bei den Angriffen des sogenannten Islamischen Staat wurden viele Familien zerstört, Eltern getötet und Kinder verschleppt. Der Schock über die Erlebnisse sitzt noch immer tief.

„Hin und wieder gelingt es, einzelne verschleppte Kinder zu befreien und zu ihren Eltern zurück zu bringen“, berichtet mir der Camp-Manager. „Doch sie haben oft psychische Probleme, sind aggressiv und gewalttätig, weil sie über Jahre einer Gehirnwäsche unterzogen wurden.“ Was mögen diese Kinder wohl erlebt haben, wie viel Leid haben sie schon gesehen und erfahren? Ich bin mir sicher, dass das meine Vorstellungskraft bei weitem übertrifft.

Die Zeit drängt, ich muss weiter. Eine Mitarbeiterin unserer Partnerorganisation „Lotus Flower“ begleitet mich zu meiner nächsten Station. Gemeinsam mit „Lotus Flower“ unterstützt CARE die Frauen im Camp. Wir wollen ihnen eine Perspektive geben und neue Hoffnung. Deshalb bieten wir ihnen psychosoziale Unterstützung, denn genau das fehlt im Camp. Außerdem unterstützen wir die Frauen dabei, eigene kleine Unternehmen aufzubauen und damit selbständig Geld zu verdienen. Dazu bieten wir Fortbildungen an, in denen die Frauen Businesspläne und konkrete Umsetzungspläne entwickeln. Dann erhalten sie eine finanzielle Starthilfe.

Eine der Frauen, die an diesem CARE-Projekt teilgenommen hat, ist Nuha. Ich treffe sie kurze Zeit später. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt: Von ihren beiden Töchtern lebt nur noch eine. Die andere Tochter hat Selbstmord begangen, zu aussichtslos war ihre Lage. Nuhas zweite Tochter wiederum erlebte massive sexualisierte Gewalt durch ihren Ehemann und ist deshalb mit ihrem Sohn zu Nuha geflüchtet. Die Kinder werden in dieser Gesellschaft allerdings dem Mann zugerechnet, also kam der Vater und holte sich den Sohn. Er hat eine andere Frau geheiratet und lebt nun in einem anderen Camp.

Nuha und ihre Familie haben viele Schicksalsschläger erlitten. Doch sie gibt nicht auf. Sie hat ein Lebensmittelgeschäft eröffnet, in dem sie jeden Tag von acht Uhr morgens bis elf Uhr abends arbeitet. So kann sie immerhin sich und ihre Familie ernähren. Zusammen mit „Lotus Flower“ kämpft sie außerdem darum, dass ihre Tochter eine legale Scheidung von ihrem Mann durchführen kann und ihr Kind zu ihr zurückkommen kann.

Ich wünsche mir, dass es gelingt.

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