“Die Menschen verdienen Besseres, als jetzt als Plünderer bezeichnet zu werden“

CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling mit einem Satelliten-Telefon inmitten des Trümmerfeldes in Ormoc, Süd-Leyte. (Foto: CARE/Peter Caton)

CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling mit einem Satelliten-Telefon inmitten des Trümmerfeldes in Ormoc, Süd-Leyte. (Foto: CARE/Peter Caton)

Ich bin erschrocken über Medienberichte, die über die schwierige Sicherheitslage in Leyte und Samar sprechen und die Philippiner als aggressiv beschreiben. Ja, es gibt häufig Plünderungen. Ja, es gibt Geschäfte, die ausgeraubt wurden und keine Ware mehr enthalten. Aber die Menschen hier sind verzweifelt. Sie haben alles verloren.

Plünderungen? Die Geschäfte sind geschlossen. Es gibt kein Wasser, keine Lebensmittel und auch kein Benzin. Ladenbesitzer versuchen, sich um ihre eigenen Familien zu kümmern und trauern um verstorbene Angehörige und Freunde. Ich kann verstehen, dass sie sich nicht als erstes um die Öffnung ihrer Geschäfte kümmern. Aber Plünderungen? Menschen stehen geduldig Schlange und teilen Essen, Wasser und Benzin – Dinge, die sie vermeintlich durch Plünderungen erworben haben. Und das gerade jetzt, wo Lebensmittel und sauberes Trinkwasser knapp werden – oder schon aufgebraucht sind.

Die Menschen hier in Leyte sind schwer traumatisiert. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, mit dem ich spreche, hat eine schreckliche Geschichte zu erzählen.

Gestern trafen wir eine Frau, die auf den Eingangsstufen vor einer Kirche ein Kind geboren hatte. Ich sprach mit einem Mann, der in seinem Haus an der Küste gefangen war, als die Sturmflut kam. Die Flutwelle war so hoch, dass er in den zweiten Stock seines Hauses flüchtete. Doch auch dort oben war er nicht sicher, der Wind fegte das Dach über seinem Kopf einfach weg. Polizisten, Regierungsbeamte, Ärzte, Krankenschwestern, alle sind betroffen und kämpfen, um anderen zu helfen, während sie sich um ihre eigenen Familien sorgen.

Das sind nur einige Beispiele für die Verzweiflung, die hier herrscht. Ich denke, dass jeder von uns zu ziemlich drastischen Maßnahmen greifen würde, wenn das Überleben des eigenen Kindes auf dem Spiel stünde.

Menschen in Ormoc helfen sich gegenseitig ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. (Foto: CARE/Peter Caton)

Menschen in Ormoc helfen sich gegenseitig ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. (Foto: CARE/Peter Caton)

Und zur gleichen Zeit begegne ich außerordentlicher Menschlichkeit. Jeder hilft einander. Ich sehe freundliche Gesichter und höre Lachen inmitten des Chaos. Dreimal am Tag müssen wir anhalten, um unsere Autoreifen zu wechseln, weil sich der Schmutz festsetzt. Jeder, der funktionstüchtige Reifen besitzt, versucht sein Bestes, um uns zu helfen.

Immer, wenn wir uns inmitten des Trümmerfeldes verfahren, versuchen die Menschen, uns wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Frauen und Männer helfen Nachbarn, die ins nächste Krankenhaus müssen, um nach ihren Angehörigen zu suchen. Menschen helfen sich gegenseitig, ihre Häuserdächer wieder zu reparieren. Alle geben uns Informationen, die wir brauchen, um die CARE-Nothilfe zu planen.

In Jaro, einer Stadt, die zwischen Tacloban und Ormoc liegt, stellte uns der Chef eines Evakuierungszentrums seine beiden Hängematten als Schlafplatz zur Verfügung. Es gibt also auch noch ein anderes Bild der Katastrophe – ein Bild des Mitgefühls, der Menschlichkeit.

Die Philippiner sind starke Menschen. Sie sind jedes Jahr von Naturkatastrophen wie Taifunen, Erdrutschen oder Erdbeben betroffen. Doch diese Katastrophe liegt jenseits unserer Vorstellungskraft. Die Menschen hier verdienen Besseres, als jetzt als Plünderer bezeichnet zu werden. Männer, Frauen und Kinder sind stark. Sie tun ihr Bestes, um wieder auf die Beine zu kommen und helfen sich gegenseitig, indem sie die wenigen Vorräte, die übrig geblieben sind, teilen.

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