Port-au-Prince, ein Monat nach dem Beben -
Von Sabine Wilke
„Be prepared“ – Sei vorbereitet, warnt mich eine Mitreisende, als wir am Flughafen von Santo Domingo in eine kleine Propellermaschine steigen, um nach Port-au-Prince zu fliegen.
Aber wie soll man sich auf so etwas vorbereiten? Ich bin auf dem Weg in das Land, das vor knapp einem Monat von einer der schlimmsten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte erschüttert worden ist.
Haiti erlangte durch das Erdbeben mit einem Schlag traurige internationale Berühmtheit. Nun war es nicht mehr „nur“ das „ärmste Land der westlichen Hemisphäre“. Haiti steht seit dem 12. Januar vor allem für eins: Zerstörung und unendliches Leid.
Die Zahlen sind geradezu unfassbar: Offiziell sind 212.000 Menschen gestorben, aber unter den Trümmern vermutet man noch mehr Opfer. 1,2 Millionen leben in provisorischen Lagern auf den Straßen von Port-au-Prince.
Als wir dann durch die Straßen von Port-au-Prince fahren, verstehe ich, was meine Mitreisende meinte. Nichts hätte mich auf das vorbereiten können, was ich sehe: Schutt und Asche, wo vorher Krankenhäuser, Schulen und Polizeistationen standen. Riesige Lager unter freiem Himmel, in denen die Menschen sich notdürftig mit Decken und Plastikplanen eine Unterkunft bauen. Müllberge und Pfützen, in denen man die Seuchengefahr förmlich riechen kann. Eine Frau, die sich auf offener Straße mit nacktem Oberkörper wäscht, weil sie einfach keinen anderen Ort hat, um etwas Privatsphäre zu bekommen.
Viele Trümmer sind inzwischen beiseite geräumt, aber das ändert nichts an den apokalyptischen Ausmaßen der Zerstörung.
Vor ein paar Wochen habe ich auf dem Weg nach Ruanda über die zwei Welten von CARE nachgedacht – Nothilfe und Armutsbekämpfung. Jetzt stecke ich hier mitten in einer der größten Nothilfeeinsätze seit dem Tsunami in Südostasien 2004. Bei der abendlichen Teamsitzung werden Neuigkeiten ausgetauscht: Wie viele Fahrzeuge haben wir inzwischen und brauchen wir noch mehr Personal für die Verteilungen? Wann kommen die Zelte und Planen an? Was gibt es Neues von den Koordinierungstreffen mit den Vereinten Nationen und anderen Hilfsorganisationen?
Über 180.000 Menschen hat CARE in den letzten Wochen erreicht – mit Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser, Hygiene-Kits und anderen Hilfsgütern. Bald beginnt die Regenzeit, und bis dahin brauchen die Menschen eine sichere Unterkunft und ein Minimum an sanitären Einrichtungen. Es bleibt viel zu tun für uns und die anderen Hilfsorganisationen hier in Haiti. Darauf sind wir zum Glück vorbereitet.
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