„Nanu, ein Zelt!“

Schülerinnen der Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn unterstützen Künstler Hermann Josef Hack und CARE beim Aufbau der Kunstaktion “Bewohnbare Bilder”. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

Schülerinnen der Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn unterstützen Künstler Hermann Josef Hack und CARE beim Aufbau der Kunstaktion “Bewohnbare Bilder”. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

Aktuell: Am Freitag, den 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag, wird der Platz der Republik in Berlin zum Flüchtlingscamp. Künstler Hermann Josef Hack stellt seine großformatigen Bilder direkt vor dem Berliner Reichstag auf, um auf das Leid von Flüchtlingen weltweit aufmerksam zu machen. Unterstützt wird er dabei von Schülern der Cosmopolitan School Berlin und CARE.

„Was das denn zu bedeuten habe“ – das war die häufigste Frage, die uns vergangenen Mittwoch in der Kölner Schildergasse gestellt wurde. Anlässlich der Eröffnung der Art Cologne waren Lisa, Brita und ich losgezogen, um gemeinsam mit dem Künstler Hermann Josef Hack und dem CARE-Profilkurs der Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn in einer der am stärksten frequentierten Fußgängerzone Europas improvisierte Notunterkünfte aufzubauen. Unser Baumaterial bestand aus echten Zeltplanen von Hermann Josef Hack, welche dieser als Material für seine Gemälde nutzt. Einige trugen Aufschriften und Wortspiele, andere visuelle Darstellungen zum Thema Flucht. Unsere Praktikantin Lisa war am Wochenende eigens mit ihrem Bruder in den Wald gefahren, um Stöcke und Hölzer für die Zeltkonstruktion zu sammeln. Kein Wunder, dass wir damit Aufsehen verursachten.

Unser Plan war, zunächst einmal alle Bilder auszulegen. Auf diese Weise pflasterten wir ein ordentliches Stück Wegstrecke in der Schildergasse – und das genügte schon, um mit den ersten Passanten ins Gespräch zu kommen. Als ich einer älteren Dame erklärte, dass wir auf die Lebensbedingungen von Menschen auf der Flucht hinweisen wollen, meinte sie: „uns hat damals auch keiner geholfen“. Es sei ja inzwischen so, dass man kaum mehr auf die Straße gehen könne, ohne um sein Portemonnaie fürchten zu müssen, erklärte sie. Was genau das mit den Flüchtlingen zu tun habe, wollte ich noch fragen, aber da war sie schon im Kaufhaus verschwunden. Überhaupt die Kaufhäuser, Geschäfte und Modeketten – einen besseren Kontrast hätten wir uns für die Aktion gar nicht vorstellen können. Nach knapp eineinhalb Stunden Schnüren, Biegen und Befestigen hatten wir drei schöne bunte Notunterkünfte aufgebaut. Wobei bei näherem Hinsehen…. „Schön“? Leben will man darin nicht. „Das sieht ja sch… aus“, so der Kommentar eines Passanten. „Genau“, antwortete die Schülerin, „es ist ja auch sch… in so etwas leben zu müssen.“ Treffender kann man es nicht ausdrücken.

In der Kölner Schildergasse: Künstler Hermann Josef macht gemeinsam mit CARE und Schülern der Bonner Marie-Kahle-Gesamtschule auf das Leid von Flüchtlingen weltweit aufmerksam. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

In der Kölner Schildergasse: Künstler Hermann Josef macht gemeinsam mit CARE und Schülern der Bonner Marie-Kahle-Gesamtschule auf das Leid von Flüchtlingen weltweit aufmerksam. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

„Wohnt Ihr in den Zelten?“

„Die meisten Leute waren aber echt nett“, meinte Noemi von der Marie-Kahle-Schule. „Es wird auch Zeit, dass man mal auf das Thema hinweist“, schildert Mounia die Reaktion einer Passantin. Am wenigsten Berührungsängste zeigten wieder einmal unsere jüngsten Mitmenschen. „Wohnt Ihr in den Zelten?“, fragte ein kleiner Junge interessiert Viviane und weigerte sich, den Aufforderungen seiner Eltern, nun endlich weiterzugehen, Folge zu leisten, bevor er nicht alle drei Zelte einer eingehenden Inspektion unterzogen hatte.

Als ein älterer Herr uns rät, wir hätten doch zusätzlich „Plakate aufhängen und Flyer verteilen können“, klärt Hermann Josef das Missverständnis auf. „Wir sind nicht hier, um Werbung zu machen oder einen Info-Stand zu betreiben. Wir haben auch keine fertigen Antworten. Deshalb lassen wir die Zelte zunächst unkommentiert für sich sprechen. Wenn uns die Menschen dann ansprechen und mit uns das Gespräch suchen, haben wir unser Ziel schon erreicht“. Das dabei gängige Parolen à la „das Boot ist voll“ nicht ausbleiben, war uns klar. Deshalb hatte die Lehrerin Yasmin Awan die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit CARE auf dieses Thema vorbereitet. In der Marie-Kahle-Schule weiß man, wovon die Rede ist. Etwa zehn Flüchtlingskinder aus Syrien gehen dort zur Schule, hinzukommen weitere aus anderen Ländern. Viele von Ihnen wissen nicht, wie lange sie in Deutschland bleiben dürfen. Auf etwa 60.000 ist nach Angaben des Innenministeriums die Zahl syrischer Flüchtlinge in Deutschland seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor gut drei Jahren gestiegen. Wie diese Zahl zu bewerten ist, bleibt jedem selbst überlassen, aber nur mal zum Vergleich: im selben Zeitraum haben rund eine Million Syrer Schutz im benachbarten Libanon gesucht und gefunden. Wohlgemerkt in einem Land, das eigentlich nur etwas mehr als 4 Millionen Einwohner zählt. Binnen drei Jahren ist so die Bevölkerung Libanons um etwa 25 Prozent angewachsen. Eine letzte Zahl zum Vergleich: in Deutschland verfügen etwa 0,4 Prozent der Bevölkerung über ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht aus Gründen der Flucht, Vertreibung und Verfolgung.

Also betrifft uns das alles gar nicht? Doch, das tut es. Erst am Vortag unserer Aktion wurde ein Zeltlager am Berliner Oranienplatz von den Bewohnern freiwillig geräumt, nachdem man sich endlich mit den Behörden auf eine menschenwürdigere Unterbringung und Behandlung geeinigt hatte. Kaum zu glauben, dass viele der Flüchtlinge mehr als 500 Tage und zwei lange Winter auf der Straße verbrachten, um beispielsweise eine Einzelfallprüfung ihrer Asylanträge zu erreichen. Ein Flüchtlingslager, mitten in Deutschland.

Am Weltflüchtlingstag, dem 20. Juni, wird Hermann Josef Hack auf dem Berliner Platz der Republik, also direkt vor dem Reichstag, die Aktion mit Berliner Schülerinnen und Schülern wiederholen, bevor die Zeltplanen in der Krisenregion um Syrien ihrem eigentlichen Zweck zugeführt werden – dem Schutz von Menschen auf der Flucht.

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