Neues Leben in Blang Pon
Am frühen Morgen brechen wir aus Banda Aceh auf. Es gießt in Strömen, denn es ist Monsunzeit.
In schneller Fahrt geht es durch die Küstenebene an Reisfeldern vorbei. Nach einiger Zeit klart der Himmel auf und die Straße schraubt sich in die Berge. Nach zwei Stunden biegen wir von der gut ausgebauten Hauptstraße ab. Jetzt geht es nur noch im Schritttempo weiter über einen ausgewaschenen Feldweg, der sich durch die Hügel gerodeten Urwalds zieht. Schließlich erreichen wir das Dorf Blang Pon. Kleine, beige gestrichene Häuschen reihen sich an der Dorfstraße und den abzweigenden Wegen auf. Es gibt ein Gemeindehaus, eine Markthalle und eine Grundschule, in der zurzeit 56 Kinder unterrichtet werden. Die gesamte Siedlung wurde von CARE angelegt. Doch es ging um mehr als die Umsiedlung von Menschen, die nicht mehr zurückkehren konnten. Denn in der Provinz Aceh und den umliegenden Inseln riss der Tsunami teilweise fünf Kilometer Küstenlinie mit sich. Eine neue Lebensgrundlage für die Menschen musste gefunden werden.
Starthilfe für Darmi und ihre Söhne
Wir treffen Darmi, 38 Jahre alt, die zusammen mit ihren beiden halbwüchsigen Söhnen eines der Häuschen bewohnt. Das Seebeben machte sie zur Witwe. Ihr Mann arbeitete als Mechaniker in einer Werkstatt in Banda Aceh. Seine Leiche wurde nie gefunden, das schmerzt sie am meisten. So erzählt sie den Kindern, er sei in einem der Massengräber bestattet. Nach der Katastrophe versuchte sie, die Familie allein durchzubringen. Zuerst kamen sie bei Verwandten unter, mussten dann in eine Baracke umziehen. Sie verdingt sich als Wäscherin, bedient zehn Familien gleichzeitig. Durch einen Zufall hört sie vom Umsiedlungsprogramm von CARE. Daraufhin erhält sie eine Starthilfe von 7,5 Millionen Rupiah, knapp 580 Euro. Von diesem Geld kauft sie vier Ziegen, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte. Mit Landwirtschaft ist sie vertraut, aber CARE schult sie auch in neuen Anbaumethoden.
Maiskolben bedeuten Zukunft
Ihr Maisfeld ist direkt neben dem Haus, und jetzt ist Erntezeit. Sie setzt sich den traditionellen Strohhut gegen die brennende Sonne auf, zieht die Gummistiefel an und beginnt mit dem Parang, einer sichelförmigen Machete, den Mais zu schneiden. Die Kolben sammelt sie in großen Säcken. Einen Teil werden wir für sie auf dem Rückweg zu einem Gemüsehändler auf dem nächsten Markt bringen. Den Rest der Kolben trocknet sie in der Sonne, und verfüttert es dann an die Hühner, die rund ums Haus gackern. Ein Maiskolben bringt auf dem Markt knapp zehn Cent. Zum Bestellen des Feldes muss Darmi umgerechnet knapp 100 Euro für Saatgut und Dünger investieren. Der Ertrag bringt ihr allerdings mehr als das Zehnfache. Ernten kann sie bei günstigen klimatischen Bedingungen dreimal im Jahr. Hinzukommen die Ziegen und Hühner. Ab und zu hilft sie Nachbarn bei der Ernte, um zusätzlich Geld zu verdienen.
Trotz des Schicksals und der harten Arbeit lacht die kleine Frau viel. „Ich muss jetzt Vater und Mutter in einem sein, das ist nicht immer einfach“, sagt sie, „Aber der Tsunami hat mir ein eigenes Haus gebracht und feste Einkünfte“. Ihr größter Wunsch ist es, den Kindern eine höhere Bildung zu ermöglichen. Beide Söhne besuchen die Highschool und sind ihre große Hoffnung.
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