Nicht in Feierlaune -
Von Sabine Wilke
Im Rheinland feiern sich dieses Wochenende die Jecken beim Straßenkarneval warm. Auch hier in Haiti ist Karneval ein beliebtes Fest, und bei karibischen Temperaturen fällt das Warmfeiern natürlich viel leichter.
“Need help” – Essen, Wasser, ein Zelt. An Straßenkarneval ist im zerstörten Port-au-Prince jetzt nicht zu denken (Foto: CARE/Wilke)Aber nach dem zerstörerischen Erdbeben vom 12. Januar ist das Land weit davon entfernt, in Feierlaune zu sein. Und deshalb fällt der Karneval in diesem Jahr aus.
Stattdessen gibt es heute, am 12. Februar, im ganzen Land Schweigeminuten für die Menschen, die vor genau einem Monat in den Trümmern der Stadt ums Leben gekommen sind. Auch hier bei CARE haben wir uns im Hof versammelt und über die Ereignisse gesprochen, geschwiegen und gebetet.
Es gibt viel zu verarbeiten. Die Häuser von 80 Prozent der haitianischen CARE-Mitarbeiter sind beschädigt, zu viele unter ihnen haben Kinder und andere Familienmitglieder verloren. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sie es schaffen, in dieser Situation ihre Arbeit zu machen. Zu ihrer Unterstützung sind CARE-Nothelfer aus aller Welt kurz nach dem Erdbeben eingetroffen und arbeiten nun seit einem Monat rund um die Uhr unter Hochdruck. Sie kommen aus Simbabwe, Großbritannien, Madagaskar, Nepal, Kanada – es ist spannend, dabei zu sein und die verschiedenen Temperamente und Charaktere zu beobachten. Und es macht mir Hoffnung, zu sehen, dass so viele Menschen aus aller Welt hier sind, um zu helfen.
Und zu helfen gibt es mehr als genug. Gestern fuhren wir zu einem Camp, in dem inzwischen mehr als 100.000 Menschen leben. Im Gepäck hatten wir sogenannte Schwangeren- und Neugeborenen-Kits. Darin sind Handtücher, Seife, eine Rasierklinge zum Durchtrennen der Nabelschnur, sterile Handschuhe, eine Plastikunterlage, Babynahrung und weitere Dinge, die den Müttern und Babys die erste Zeit helfen, gesund zu bleiben. Eine Ärztin erzählt mir, dass hier viele, viele Frauen schwanger sind und einige von ihnen ihre Kinder buchstäblich auf der Straße bekommen.
Ein Paket Hoffnung für Schwangere und junge Mütter: Es enthält Seife, Handtücher und andere wichtige Güter (Foto: CARE)Wir kommen zu einem Platz, wo dutzende Kinder spielen. Einige fragen mich nach Wasser oder etwas zu essen. Ein kleines Mädchen allerdings sagt gar nichts, sondern hält nur still einen meiner Finger. Ich streichele ihr über die Wange und muss mich doch irgendwann aus ihrem Griff befreien. Mein Kopf weiß, dass ich diesem Mädchen nicht besser helfen kann, als es CARE und alle anderen Hilfsorganisationen bereits tun. Aber mein Herz zerreißt ein kleines bisschen, als wir uns schließlich umdrehen und wieder den Berg hinauf Richtung Auto gehen.

