Nordirak: Der Sommer geht. Der Winter kommt. Die Angst bleibt.

Jacqueline Dürre ist Referentin für CAREs Projekte im Nordirak. In ihrem Blog schreibt sie über die Menschen, die sie im Flüchtlingscamp Bersive getroffen hat und über die Hilfe von CARE.

Auf meinem Weg zurück vom Frankfurter Flughafen nach Bonn prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben des Zuges.
Ich komme gerade aus dem Nordirak und muss an Bas denken, die ich im Camp Bersive 1 getroffen habe. Bas ist eine von 12.000 Menschen, die dort vor dem bewaffneten Konflikt Schutz gesucht hat. Insgesamt leben im Nordirak über 1.5 Millionen Menschen, die vor der Gewalt in ihrem Land auf der Flucht sind. Im gesamten Irak sind über vier Millionen Menschen auf der Flucht – damit ist der Irak nach Syrien und Kolumbien das Land mit den meisten Binnenvertriebenen weltweit.
In Deutschland ist es kälter als vor meiner Abreise und auch im Nordirak wird es nun langsam Winter. Letztes Jahr fielen die Temperaturen hier bis unter null Grad. Es wird immer früher dunkel. Wenn dann die Regentropfen auf die Plastikplanen der Zelte niederprasseln, so erzählt mir Bas, kommen die Erinnerungen an die Gewalt und an den Krieg zurück.
„Die Kinder kauern sich zusammen und verstecken sich unter den Decken. Sie haben große Angst. Ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich glaube, ich habe von allen die meiste Angst. Ich will mich verstecken, nichts hören, nichts sehen“, erzählt mir Bas. Die Zeltwände bieten nur unzureichenden Schutz vor den Witterungen. Im Sommer ist es unerträglich heiß und im Winter bitterkalt. Aber Nässe und Kälte machen Bas längst nicht so sehr zu schaffen, wie die Erinnerungen, die von Innen an ihren Kopf pochen, die viele Wunden in ihrer Seele hinterlassen haben. „Sie haben unsere Frauen und Mädchen genommen. Sie haben sie verkauft und ihnen Schlimmes angetan. Wir haben so viele von ihnen verloren. Andere haben sich später aus Scham und aus Horror umgebracht“, berichtet mir die Großmutter.

Bas mit ihren Enkelkindern im Camp Bersive: „Wenn die Regentropfen auf die Plastikplanen der Zelte niederprasseln, kommen die Erinnerungen an die Gewalt und an den Krieg zurück.“

„Ohne diesen Gehstock hätte ich selber die Flucht auch nicht geschafft. Den ganzen Weg von Singal zu laufen, fiel mir sehr schwer. Bis heute tut mir mein ganzer Körper weh, auch mit Medikamenten kann man nichts mehr machen. Aber mit dem Stock kann ich mich im Lager bewegen.“
CARE hat in Bersive 1 mit Geldern des Auswärtigen Amtes Toiletten und Duschen im Camp errichtet. So werden die Wege zur nächsten Sanitäreinrichtung kürzer und weniger Menschen müssen sie sich teilen. Außerdem wurden Rampen und Geländer angebracht. Für Bas ist es jetzt einfacher mit Hilfe ihres Stockes und des Geländers die Toiletten und Duschen auch alleine zu nutzen. Bas ist sehr dankbar für die Hilfe, die CARE im Lager leistet. Ihre Familie hat auch Hygieneartikel erhalten, sowie Kochgeschirr. Trotzdem hat sie große Sorgen: „Es gibt vieles zu tun hier. Die Zelte werden alt, der Winter kommt und wir haben nicht genügend warme Kleidung.
„Wir konnten nichts mitnehmen auf unserer Flucht. Wir haben bewaffnete Übergriffe überlebt. Sollen wir jetzt hier sterben?“
Ihre Schwiegertochter, deren Mann seit ihrer Flucht vermisst wird, wirft ein: „Aber das Wenige was wir haben, das würden wir sogar weggeben. Wenn wir unsere Vermissten zurück hätten. Wenn sie mir meinen Mann zurückgeben würden, dann bräuchten wir nichts für unser Glück.“
Ich bin in Bonn angekommen, steige aus dem Zug, öffne meinen Regenschirm. Ich kann Bas ihre Sorgen über die Zukunft und über ihre Familie nicht nehmen. Aber wir können weiterhin versuchen ihre Situation erträglicher zu machen. Dazu braucht es oft nicht viel. Es sind häufig Kleinigkeiten, wie etwa der Regenschirm, der mich vor dem kalten Nass schützt.

 

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