Nordirak: Sibar spricht Deutsch, Nassa träumt von Australien

Karl-Otto Zentel im Gespräch mit der Familie von Hussein Khedir Hassan im Essyan Camp, Nordirak (Foto: CARE)

Karl-Otto Zentel im Gespräch mit der Familie von Hussein Khedir Hassan im Essyan Camp, Nordirak. (Foto: CARE)

14.304 Menschen. So viele Frauen, Männer und Kinder leben im Camp Essyan hier im Nordirak. Sie flohen 2014 aus dem Sinjar und gehören alle der Volksgruppe der Jesiden an.

Und wie kann man helfen? Mit allem, was zum Überleben wichtig ist: CARE arbeitet gemeinsam mit der irakischen Hilfsorganisation Harikar. Wir stellen die Wasserversorgung sicher, beseitigen den Abfall und bieten Frauen und Mädchen Unterstützung für ihre reproduktive Gesundheit an. 14.304 Menschen, darunter unzählige verletzte Seelen. Deshalb leisten die Helferinnen und Helfer hier auch psychosoziale Betreuung. Das Camp wirkt wie eine Stadt, doch es bleibt ein Provisorium.

„Fluchtursachen bekämpfen, in der Heimat eine Perspektive bieten.“ So stellen sich Hilfsorganisationen und Geldgeber in der Theorie vor, was in der Praxis doch unendlich viel komplexer ist: 90 Familien sind in den letzten Monaten aus dem Essyan Camp zurück in ihre Heimatregion Sinjar gekehrt. Es waren Angestellte der Regierung, die kaum eine Wahl hatten: entweder, sie kehren zurück oder sie verlieren ihren Arbeitsplatz.

Gleichzeitig kamen auch wieder neue Familien in Essyan an: Im Sinjar fehlte ihnen jegliche Perspektive, es gab Spannungen in ihren Heimatorten, sie fühlten sich nicht sicher.

Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von CARE Deutschland, bespricht sich mit den CARE Mitarbeitenden aus dem Irak im Essyan Camp (Foto: CARE)

Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von CARE Deutschland, bespricht sich mit CARE-Mitarbeitenden im irakischen Essyan Camp. (Foto: CARE)

Die Mittel zur Unterhaltung des Camps werden knapper

Die vorhandenen Budgets der Behörden sind durch den gesunkenen Ölpreis – dem Hauptexportmittel im Irak – und aufgrund von Konflikten zwischen der Zentralregierung und der regionalen Regierung stark zurück gegangen. Gehälter wurden seit Wochen nicht mehr ausgezahlt.

Durch COVID-19 hat sich die Lage der Menschen im Camp noch einmal dramatisch verschlechtert. Im ganzen Land gibt es inzwischen über 500.000 bestätigte COVID-19-Fälle. Und wie immer trifft es die Ärmsten am härtesten: Die einzigen Jobs hier sind Projekte der Hilfsorganisationen, die Einkommen ermöglichen sollen. Doch das reicht hinten und vorne nicht. In der Umgebung konnte man sich als Tagelöhner im Bau oder der Landwirtschaft etwas dazuverdienen. Doch auch im Irak gibt es Ausgangssperren. Seit März fällt also auch diese Einkommensquelle weg. Zudem sind die Schulen im Camp seit März geschlossen. Acht Menschen haben sich hier bereits mit COVID-19 angesteckt, eine Person verstarb.

CARE hat seine Projekte angepasst

Die Gruppengrößen bei der psychosozialen Betreuung wurden reduziert. Die Hygieneschulungen wurden früher in Gruppen durchgeführt. Jetzt besuchen die Teams einzelne Familien, sie bringen dringend benötigte Masken und Desinfektionsmittel mit.

COVID-19 Hygienemaßnahmen im Essyan Camp: Bei Karl-Otto Zentel wird Fieber gemessen, bevor er das Camp besuchen darf. (Foto: CARE)

COVID-19 Hygienemaßnahmen im Essyan Camp: Bei Karl-Otto Zentel wird Fieber gemessen, bevor er das Camp besuchen darf. (Foto: CARE)

Kaum sind wir ausgestiegen, kommt eine junge kurdische Mitarbeiterin unseres Partners Harikar strahlend auf mich zu: „Seit ich gestern gehört habe, dass Sie kommen, habe ich mich so gefreut. Endlich kann ich wieder mit jemandem deutsch reden.“

Sibar Bilal hat die ersten zwölf Jahre ihres Lebens in Deutschland verbracht, ist dann mit ihrer Familie in den Irak zurückgekehrt, hat die Schule abgeschlossen und studiert. Nun arbeitet sie hier im Camp als Lehrerin. Es sind solche Begegnungen mit Menschen, die bewusst bleiben, die bewusst in ihrer Heimat helfen möchten, die mir Mut machen. Den brauche ich, denn was mir die Menschen hier in Essyan erzählen, ist unfassbar.

Zelt A-543

Hier besuchen wir die Familie von Hussein Khedir Hassan. Der Vater und seine drei Töchter erhalten gerade eine Hygieneschulung. Die meisten Familien – wird mir gesagt – kennen zwar die Übertragungswege von Durchfallerkrankungen, sind aber wenig darüber aufgeklärt, wie sie Infektionen wie COVID-19 am einfachsten verhindern können.

Ich möchte etwas mehr über die Familie wissen. Sie sind 2014 aus Sinjar in das Camp gekommen. Der Vater war Lehrer in Sinjar, im Camp bemüht er sich, als Tagelöhner über die Runden zu kommen. 22 Mitglieder der Familie verschwanden 2014. Inzwischen ist bestätigt, dass acht Menschen von der terroristischen Gruppierung „Islamischer Staat“ getötet wurden. Zwei weitere Familienmitglieder wurden vor kurzem in einem Massengrab in Sinjar gefunden. Zehn haben überlebt und von zwei weiteren fehlt immer noch jede Spur. Dann streicht der Vater über den Kopf der jüngsten Tochter, Nassa. Sie wirkt kaum älter als 12 Jahre alt. Er erzählt, wie Nassa vom IS verschleppt wurde und dann befreit werden konnte.

In diesem Moment wünsche ich mir, einfach aufhören zu können, nachzudenken. Ich sehne mich nach Stille in meinem Kopf. Ich will nicht rechnen, wie alt Nassa war, als sie verschleppt wurde. Wie lange sie gefangen gehalten wurde. Und was ihr angetan wurde. Doch mein Kopf bleibt nicht still.

Die Familie hat inzwischen Hilfe erhalten und ein Visum für Australien. Einen Ausweg aus ihrem Martyrium, eine Chance auf eine Zukunft und Bildung für die Mädchen. Sie erhielten das Visum im März, dann kam COVID-19. Als wir uns verabschieden, will uns die Familie noch zum Essen einladen. Mein Herz bricht, als wir die Einladung ausschlagen müssen.

Hier geht es zum ersten Blogbeitrag von Karl-Otto Zentels Irakreise im November 2020.

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.