Ohne Bildung kein Ausweg aus der Armut
Von Thomas Schwarz
„Wissen Sie, Sir..“ Vor allem junge Leute sprechen einen mit „Sir“ an, wenn man etwas älter ist. „Wissen Sie, das Wichtigste ist doch die Ausbildung, oder? Ich meine eine gute Ausbildung, auf hohem Niveau. Sonst geht es nicht wirklich weiter.“
Rafiq Ahmad ist 17 Jahre alt und besucht im kommenden Schuljahr das College, das man in Pakistan nach dem Gymnasium und vor dem Studium besucht. Das ist dem englischen Schulsystem entlehnt. Ich hatte ihn gefragt, was für ihn das Wichtigste in der Zukunft sei. Jetzt hat er Sommerferien, vier Wochen lang. Er will Arzt werden, und wenn man ihm zuhört, glaubt man, dass das nicht nur ein ferner Berufswunsch ist.
Wir sitzen am Rand des Dorfes Beshigram, auf ein paar übrig gebliebenen Baumwurzeln mit starken Stämmen, die die Flut vor einem Jahr hinterlassen hat. Rafiq hatte uns zu den Leuten des Dorfes begleitet. Wir waren in ihren sogenannten „permanent shelters“ zu Gast. Man kann sie sich als kleine Einzimmerwohnungen vorstellen. CARE hat das Material bereitgestellt: Zement, Steine und andere Materialien, die man zum Bau solcher „Shelter“ benötigt. Die Einwohner haben alle gemeinsam die „Shelter“ aufgebaut. Sie haben feste und zementierte Böden und Wände und eine Toilette. Das ist hier keine Selbstverständlichkeit. Vorher haben die Bewohner in sogenannten „temporary shelters“ gelebt, also in Zelten. Sie alle haben während der Flut ihre Häuser verloren oder sie wurden vollkommen zerstört. Ihre jetzigen, wenn auch provisorischen Häuser wird keine Flut so schnell einfach mitreißen können.
Rafiq zeigt mir das Haus, in dem er aufgewachsen ist und in dem seine Familie viele Jahre gelebt hat. Es steht jetzt direkt neben einer neuen Brücke, die eiligst aus Holz gebaut wurde. Vorher stand es viele Meter vom Fluss entfernt. „Das Haus wieder aufbauen? Nein, das nicht. Wer weiß, wann das Wasser wieder zurück kommt.“ Mit dem Wasser meint er natürlich nicht den Fluss, sondern die Flut.

Wasser gibt es im Swat-Tal genügend. Aber der Zugang zu Wasser und die Verteilung bleiben weiterhin schwierig. (Foto: CARE/Warrick Page)
Es braucht noch immer Zeit, um die Folgen der Katastrophe letzten Jahres zu beseitigen. Jedenfalls dann, wenn man möchte, dass es den Menschen besser geht als vorher und nicht nur genauso wie vorher. Übrigens: Auch wenn es Wasser im Swat-Tal im Überfluss gibt, bleibt die Verteilung ein großes Problem. Es muss sauber sein, damit keine Krankheiten entstehen. Und einfach zugänglich, damit nicht Kinder Kanister mit zehn oder zwanzig Litern schleppen müssen. Und es muss gerecht verteilt werden.
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