Ost-Kongo: Arbeit ist das ganze Leben…

Teilnehmer einer Schulung gegen sexuelle Gewalt. CARE bezieht dabei Männer und Frauen gleichermaßen mit ein. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

Teilnehmer einer Schulung gegen sexuelle Gewalt. CARE bezieht dabei Männer und Frauen gleichermaßen mit ein. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

„Kann ich mal einen Moment mit Dir sprechen?“ Der Wachmann vom CARE-Gästehaus kommt leise auf mich zu. „Weißt Du, ich habe Gemeinwesenentwicklung und Umweltschutz studiert, aber nun arbeite ich im Sicherheitsdienst. Denn es ist schwierig, eine Arbeit in meinem Metier zu finden.“ Seit gut anderthalb Wochen bin ich nun hier im Osten des Kongo, in der Provinzhauptstadt Goma. Zuletzt hat sie Schlagzeilen gemacht, weil eine bewaffnete Gruppe namens M23 die Stadt eingenommen hat und die Regierungsarmee floh. Aber der Osten Kongos leidet nicht nur immer wieder unter erneut aufflammender Gewalt, sondern auch an chronischer Perspektivlosigkeit. Es sind die kleinen persönlichen Dramen, die hinter den großen Nachrichten verschwinden.

Überall, wo man hinschaut: Frauen und Männer, die ihr Leben eigenständig bestreiten wollen. Richard, unser Fahrer, hat ein paar Unterlagen in einer Klarsichtfolie auf dem Beifahrersitz. Auf meine Frage antwortet er leise: „Ich studiere an der Universität, ländliche Entwicklung.“ Für Hilfsorganisationen wie CARE ist es wichtig, das richtige Maß zu finden. Nothilfe zum Überleben, das sind meist Hilfsgüter oder andere Leistungen, die die Ärmsten und Schwächsten schnell erhalten sollen. Schwierig ist es, da keine Abhängigkeiten entstehen zu lassen. Deshalb bemühen wir uns nach akuten Krisen schnell zur so genannten Übergangshilfe zu kommen, also zum Beispiel Saatgut zu verteilen statt Nahrung, mit dem die Menschen selbst ihre Lebensmittel anbauen können.

„Ich will keinen Coupon“

„Komm schnell mit, ich habe gerade mit einer beeindruckenden Frau geredet“, ruft mir mein Kollege Michael zu, als wir in einem Camp sind. An diesem Morgen hat CARE eine Zählung in einem Camp unternommen, und den geflohenen Familien Coupons zur Registrierung für Hilfe gegeben. Wie das genau funktioniert, davon berichte ich im nächsten Blog-Eintrag. Erst einmal zurück zu der Frau: Sie geht die Straße entlang, auf ihrem Rücken sorgsam eingewickeltes Cassava, ein Grundnahrungsmittel hier, mindestens 20 Kilo Gewicht. Michael hatte sie am Rande des Camps getroffen und wollte ihr einen Coupon zur Registrierung geben. „Nein, ich bin zwar vertrieben worden und lebe hier, aber ich arbeite jeden Tag. Ein bisschen Feldarbeit, Lastentragen, so verdiene ich meinen Lebensunterhalt.“ Ich schaue in ihr Gesicht, sie ist sicher über 50 Jahre alt und ungeduldig, weiterzugehen. „Sie hat den Coupon abgelehnt!“ Michael kann es kaum glauben. „Siehst Du, solche Menschen müssen wir auch unterstützen – sie wollen selbstständig sein und nicht auf Hilfe angewiesen.“

Diese Frau trägt Cassava auf ihrem Rücken. Mit solchen und anderen Arbeiten sorgt sie auch in der Krise selbst für ihren Lebensunterhalt. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

Diese Frau trägt Cassava auf ihrem Rücken. Mit solchen und anderen Arbeiten sorgt sie auch in der Krise selbst für ihren Lebensunterhalt. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

In solchen Momenten wird mir wieder einmal mehr als deutlich, was für ein Glück es ist: Eine Arbeit zu haben, die den Lebensunterhalt sichert und einem dazu noch das Gefühl gibt, einen kleinen Beitrag zu einer sinnvollen und wichtigen Aufgabe zu leisten. Auch unser Wachmann möchte dieses Gefühl haben, und der CARE-Fahrer… genauso wie Millionen Menschen hier im Nord-Kivu. Ich habe es vor rund zwei Jahren auch aus Haiti geschrieben: Die Arbeit humanitärer Organisationen ist kein Akt der Almosen, des Mitleids. Sie nimmt – im besten Fall – die Menschen und ihre Ideen und Initiativen ernst und hilft ein kleines bisschen dabei, diese zu verwirklichen. In drei Camps um Goma unterstützt CARE Frauengruppen, darunter viele Überlebende sexueller Gewalt. Sie haben viele Ideen, um Geld zu verdienen: Ein Huhn, dessen Eier verkauft werden. Die Herstellung von Seife, ein kleiner Gemüsestand. Mit ein bisschen Bargeld und der Einrichtung von Kleinspargruppen unterstützt CARE die Menschen bei ihren Unternehmungen. Arbeit im Osten Kongos: Sie bedeutet das ganze Leben.

 

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