Philippinen: Rückkehr zur Normalität nach einem schweren Jahr

Ein Jahr nach Taifun Haiyan: Baby Yolanda lebt mit ihrer Familie in einem neuen Haus. (Foto: John Javellana für CARE)

Ein Jahr nach Taifun Haiyan: Baby Yolanda lebt mit ihrer Familie in einem neuen Haus. (Foto: John Javellana für CARE)

Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, seitdem ich das letzte Mal in Tacloban auf der philippinischen Insel Leyte war. Ein paar Tage nachdem Taifun Haiyan – einer der stärksten Wirbelstürme seit Beginn unserer Aufzeichnungen – auf das Land traf, kam ich in der vollkommen zerstörten Stadt an. Die Bilder waren erschreckend: Häuser wurden völlig weggeschwemmt, Geschäfte vernichtet. In den Trümmerhaufen suchten traumatisierte Menschen nach ihren Habseligkeiten und am Straßenrand lagen tote Körper, die noch nicht geborgen werden konnten.

Heute kehre ich mit gemischten Gefühlen auf die Philippinen zurück: Erwartungen, Angst, Aufregung. Aber als ich in das Stadtzentrum fahre, bin ich vor allem überrascht. Überrascht davon, mitten in einer lebhaften, hektischen, asiatischen Stadt zu sein. An Essensständen werden Bratspieße gegrillt, wo vor zwölf Monaten Menschen auf der Suche nach etwas Essbarem durch die Straßen zogen. Geschäfte verkaufen die neusten Handys, wo letztes Jahr Menschen verzweifelt versuchten ihre Angehörigen zu erreichen, ohne eine Mobilfunkverbindung oder Strom. Ich komme an Outdoor-Geschäften vorbei, in denen man Wanderstiefel kaufen kann, wo letztes Jahr Menschen beim Versuch ihre wenigen Besitztümer zu retten, barfuß durch die Trümmer geklettert sind.

Ein freudiges Wiedersehen

Meine erste Anlaufstelle ist San Jose, ein Viertel in Tacloban. Hier lebt Lourdes Hermilda mit ihrer Familie. Ich habe Lourdes letztes Jahr in einer Kirche kennen gelernt, wo sie ihre Tochter zur Welt brachte, nur wenige Stunden nachdem Haiyan nichts als Zerstörung in Leyte hinterlassen hatte. Das CARE-Team ist über das letzte Jahr mit ihr in Kontakt geblieben und wir fahren durch die engen Straßen zu ihrem kleinen Holzhaus. Nach einem freudigen Wiedersehen, erinnert sich Lourdes an die Qualen dieses traumatisierenden Tages vor einem Jahr:

„Als der Sturm kam, war ich hochschwanger und das Baby hätte jeden Tag kommen können. Das Wasser der Sturmflut stieg immer höher und wir mussten unser Haus verlassen. Um unser Leben zu retten, sind wird auf eine Palme geklettert. Das war ziemlich schwer mit meinem großen Bauch, aber mein Mann hat nicht aufgegeben und mich so lange weiter hochgeschoben, bis ich nicht mehr im Wasser stand. Als sich der Sturm legte, fingen meine Wehen an. Drei Krankenhäuser habe ich aufgesucht, aber niemand konnte mir helfen. Es gab keinen Strom, keine Ärzte und keine Krankenschwestern. Als ich spürte, dass das Baby kommen würde, habe ich es auf der Straße vor einer Kirche zur Welt gebracht.“

Sie nannte ihre Tochter Yolanda, so wie der Wirbelsturm hier genannt wird. Als ich sie letztes Jahr kennen lernte, saß sie inmitten von 200 anderen obdachlosen Familien. Sie war müde, aber glücklich über ihr Neugeborenes.

Ein neues Leben und ein neuer Name

Seit dem Wirbelsturm und der Geburt ihrer Tochter Yolanda hat ein neues Leben für Lourdes, ihre beiden anderen Kinder und ihren Mann begonnen. Mit den Materialien, die sie finden konnten, bauten sie ihr Haus wieder auf. Nach mehreren Monaten der Arbeitslosigkeit, fand Lourdes Mann eine neue Stelle als Lastwagenfahrer. Jetzt hat die Familie wieder ein stabiles Einkommen. Und weil sie mit der Nacht des 8. Novembers wirklich abschließen möchte und all das hinter sich lassen will, entschied sich Lourdes dazu, ihrem Kind einen neuen Namen zu geben.

„Der Name Yolanda ruft zu viele, schlimme Erinnerungen hervor und wir konnten es nicht ertragen, dass unsere kleine Tochter immer wieder damit assoziiert wurde. Also heißt sie jetzt Mary Alphons“, erklärt sie und umarmt ihre kleine Tochter voller Stolz. Bevor wir wieder gehen, fragen wir Lourdes, ob sie vor einem Jahr geglaubt hat, dass sie die Nacht und Taifun Haiyan nicht überleben würde. Sie antwortet: „Nein, ich hatte keine Angst. Ich wusste, dass ich es irgendwie schaffen würde. Ich bin stark.“

CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling ist nach einem Jahr wieder auf die Philippinen zurückgekehrt, um Baby Yolanda und ihre Familie zu besuchen. (Foto: John Javellana für CARE)

CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling ist nach einem Jahr wieder auf die Philippinen zurückgekehrt, um Baby Yolanda und ihre Familie zu besuchen. (Foto: John Javellana für CARE)

Gemeinsam für den Wiederaufbau

Ein paar Stunden später treffe ich eine Gruppe ebenso starker philippinischer Frauen. Wir fahren in das Dorf Lapaz, eine Stunde außerhalb von Tacloban. Eine Gruppe von Frauen hat sich um eine Baustelle versammelt, wo ungefähr acht Männer hämmern und sägen. Zusammen bauen sie das letzte von 104 beschädigten Häusern wieder auf. Es ist eine Gemeinschaftsleistung: Die Familien erhalten Bargeld, Materialien für Unterkünfte und bekommen von CARE erklärt, wie man Häuser sicherer baut. Über den Entwurf und das Tempo des Wiederaufbaus entscheiden sie aber selbst. Wenn die ganze Gemeinde mit anpackt, können sie ein Holzhaus in fünf Tagen wiederaufbauen. Die Frauen lachen zusammen, machen Witze und sie alle drücken ihren Dank gegenüber CARE und unseren Partnern wie etwa ACCORD aus.

Jennifer, eine junge Mutter, fängt an zu Weinen. Nach ein paar Augenblicken erkenne ich, dass es Freudentränen sind. „Ich bin so dankbar. Meine Tochter hat Asthma, und seitdem wir das neue Haus besitzen, hatte sie keinen Anfall mehr. Ich kann dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, zu wissen, dass meine Kinder jetzt in Sicherheit sind“, sagt sie.

Ich bin stolz auf die Erfolge, die CARE in Tacloban und den umliegenden Dörfern erreicht hat. Durch Lebensmittel, Unterkünfte und finanzielle Unterstützung, haben wir über 318.000 Menschen geholfen. Um sich von einem so heftigen Sturm zu erholen, braucht man länger als ein Jahr; viele Familien haben immer noch kein Einkommen, viele andere leben immer noch in schwachen, notdürftigen Unterkünften. Und noch viel mehr Menschen werden den Verlust ihrer Angehörigen niemals vergessen. Trotzdem fühlt man sich bestätigt, wenn man weiß, dass mit unserer Arbeit etwas Wichtiges erreicht wurde. Wir konnten Leuten ein Dach über dem Kopf geben und wir wissen, dass wir in den kommenden zwei Jahren bei ihnen bleiben werden, um ihnen dabei zu helfen, auch ihre Lebensgrundlagen wieder herzustellen.

Für den Wiederaufbau auf den Philippinen – Bitte unterstützen Sie die Arbeit von CARE mit Ihrer Online-Spende!

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.