Nordirak: Plastikplanen, Rohbauten und keine Zukunftsperspektive

Ein Rohbau im Nordirak vor über einem Jahr. Bis heute leben tausende Familie auf kaltem Beton. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Ein Rohbau im Nordirak vor über einem Jahr. Bis heute leben tausende Familien auf kaltem Beton. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Jacqueline Dürre ist Projektreferentin für den Nordirak. In ihrem Blog schreibt sie über die Begegnung mit Menschen, die vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen sind und nun seit über anderthalb Jahren in Rohbauten ausharren.

Es ist Freitag, der erste Tag des Wochenendes im Nord-Irak. Unser Büro ist geschlossen und wir wollen die Ruhe nutzen, um Familien in einem Camp für Inlandsflüchtlinge in Zakho zu besuchen. Zakho liegt wenige Kilometer von der türkisch-irakischen Grenze entfernt. In diese Stadt, mit ursprünglich etwa 350.000 Einwohnern, sind seit dem Ausbruch des bewaffneten Konfliktes in 2014 über 100.000 Menschen geflohen. Insgesamt sind im Irak etwa 3,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Fast die Hälfte von ihnen harrt seit mehr als anderthalb Jahren im Norden des Landes aus. In den letzten Monaten hat sich die Situation weiter verschlechtert: Cholera ist ausgebrochen, die Anzahl der Menschen, die unter Armut und Hunger leiden, wächst stetig.

Die Regierung der kurdischen Region unterstützt die Vertriebenen so weit wie möglich und hat insgesamt 16 Camps errichtet, in denen die Menschen ein Dach über dem Kopf und Schutz gefunden haben. Aber die Ressourcen reichen längst nicht aus. Alleine im Bezirk Dohuk, in dem CARE tätig ist, leben mehr als 25.000 Familien noch in Rohbauten. Erschöpft von der langen und beschwerlichen Flucht haben sie dort 2014 notdürftig ihr Lager aufgeschlagen. Bis heute sind sie geblieben, denn in ihren Heimatdörfern herrscht weiterhin Gewalt. Eine Alternative gibt es für sie nicht. Viele der Familien haben versucht mit Plastikplanen, Decken und Erfindungsgeist etwas Privatsphäre zu schaffen und sich vor den schwierigen Witterungsbedingungen zu schützen: erbarmungslose Hitze im Sommer und feuchte, eisige Kälte im Winter.

Ein Jahr später hat sich nichts verändert. Die meisten Kinder können seit langem nicht mehr zur Schule gehen. (Foto: CARE/Jacqueline Dürre)

Ein Jahr später hat sich nichts verändert. Die meisten Kinder können seit langem nicht mehr zur Schule gehen. (Foto: CARE/Jacqueline Dürre)

Hundertausende Kinder gehen nicht zur Schule

In einer dieser Rohbauten in Zakho leben 45 Familien auf drei Stockwerken verteilt. Ich laufe die Stufen des insgesamt sechsstöckigen Gebäudes hoch, ein Skelett aus grob verputztem Beton und Metallstangen. Es gibt keine Wände, keine Geländer und obwohl ich keine Höhenangst habe, wird mir sehr mulmig zu Mute. Die Kinder laufen aufgeregt hin und her. Für sie sind Besucher eine willkommene Abwechslung zum tristen Alltagsleben. Ich mache mir bei jedem Schritt Sorgen, dass eines der Kinder gleich in die Tiefen fällt und bin erleichtert, als wir im zweiten Stockwerk angekommen und weit weg von den Außenkanten stehen bleiben.

Die Familien betonen, wie schwierig es für sie ist auf nacktem Beton, mit etwa 150 Menschen auf engem Raum zusammenzuleben. Der junge Familienvater Nawzad* erzählt, dass für ihn besonders das Ausharren schwer ist. Warten auf eine Veränderung, aber eigentlich ohne wirkliche Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation. Für die Kinder ist es das zweite Jahr, in dem sie nicht zur Schule gehen. Kein Unterricht, keine Schulbildung. Das Schulsystem ist vollkommen überlastet, die Klassen überfüllt und obwohl zumeist in mehreren Schichten unterrichtet wird, gibt es einfach nicht genügend Platz für alle schulpflichtigen Kinder. Nur knapp ein Drittel aller im Irak vertriebenen Kinder kann zur Schule gehen. Der siebenjährige Ramez* ist eines der Hunderttausenden Kinder, die im Nordirak nicht zur Schule gehen. Ganz gespannt schaut er mir zu, wie ich mir Notizen mache und bittet mich, seinen Namen aufzuschreiben. Sofort wollen auch alle anderen Kinder, dass ich ihren Namen schreibe. Am Ende ist die ganze Seite voll mit den Namen der Kinder. Ich lächele und scherze mit den Kindern, während ich innerlich sehr betroffen bin von all den Eindrücken. Um mich herum der Rohbau, die fehlenden Geländer, das Zuhause aus Plastikplanen und das starke Bedürfnis der Kinder nach Abwechslung. Sie wollen spielen, lernen, gefördert werden. Wir müssen hier noch mehr tun, den Kindern und ihren Familien, während ihres Wartens auf eine bessere Zukunft, das Leben so erträglich wie möglich machen. CARE unterstützt seit 2014 Familien im Nordirak. In den Flüchtlingscamps sorgt CARE für die Verbesserung der sanitären und hygienischen Zustände. Der Bau von Latrinen, sowie das „cash-for-work“-Programm zählen hierzu. Bewohner können durch Müllbeseitigung im Camp ihr eigenes Geld verdienen und sorgen gleichzeitig für Sauberkeit. CARE will in den nächsten Monaten auch die Familien in den Rohbauten unterstützen, mit dringender Wasser- und Sanitärversorgung und einer Art mobiler Schule für die Kinder. Bisher fehlen dafür jedoch noch dringend benötigte Mittel.

Helfen Sie uns dabei und unterstützen sie die Arbeit CAREs mit einer Spende!

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